Kaleidoskop

Vertrautheit im Fremden

Im Gespräch mit der Kinderkardiologin Dr. Cho Mi-Young
 

Eigentlich wollte sie Kinderchirurgin werden, aber das Schicksal habe es offensichtlich anders gewollt, mutmaßt Dr. Cho Mi-Young. Mit Ausnahme einer oder zwei Kolleginnen gehört sie zu den wenigen Frauen, die in Deutschland als Kinderkardiologin alle Arten von angeborenen Herzfehlern operieren. Sie erzählt von ihrem beruflichen Werdegang, von dieser Melange aus Zufällen, richtigen Gelegenheiten im richtigen Moment, und ihre Begeisterung lässt keinen Zweifel daran, dass es auch die richtige Entscheidung war, die sie getroffen hat. Mit der ersten Operation am kindlichen Herzen sei ihr klar gewesen, sich auf dieses Fach spezialisieren zu wollen. Heute arbeitet sie im Deutschen Herzzentrum Berlin, Abteilung Angeborene Herzfehler/Kinderherzchirurgie. Heiter erzählt die zierliche Frau mit koreanischen Wurzeln von 14-stündigen Arbeitstagen und der Entbehrlichkeit von Pausen, als seien menschliche Grundbedürfnisse verzichtbare Ambitionen von Müßiggängern. Bei alldem wirkt sie unbeschwert und kein bisschen streng.

Dr. Cho Mi-Young operiert in ihrem Urlaub für eine Hilfsorganisation in Asmara/Eritrea (Foto: privat).

Während mir der Kopf schon vom Zuhören schwirrt, berichtet Cho Mi-Young von ihren „Urlauben“ im Operationssaal von Eritrea. Als Teil eines Ärzteteams fliegt sie im Dienst einer Hilfsorganisation jedes Jahr nach Afrika, um denen zu helfen, die ihrer Hilfe so dringend bedürfen. Die Freude ist ihr anzumerken, wenn sie erzählt, dass dort, wo einst auch gern mal eine Katze durch den „Operationssaal“ schlich, heute eine Klinik steht, die deutsche Standards erfüllt.

Frau Cho ist vierzig Jahre jung, aber dennoch möchte ich wissen, woher sie die Kraft nimmt für all das. „Das frage ich mich manchmal auch”, entgegnet sie, „aber wenn ich sehe, dass es den Kindern nach der OP gut geht und dass sie manchmal lächeln, dann wird deutlich, dass ich etwas getan habe, was die Zukunft des Kindes verändert und verbessert hat oder dass diese Zukunft überhaupt gerade erst geschaffen wurde. … Es sind nicht selten glückliche Menschen, die Kinderherzchirurgie machen.“

Cho Mi-Young ist in Berlin geboren. Ihre Eltern sind Anfang der Siebzigerjahre als Gastarbeiter von Korea nach Deutschland gekommen und bis heute geblieben. Frau Cho ist froh über diese Entscheidung, denn bei ihren Familienbesuchen in der elterlichen Heimat sei ihr Korea extrem leistungsorientiert und befremdlich erschienen, wenngleich sie seinerzeit mit kindlicher Freude registrierte, „endlich einmal so auszusehen, wie die anderen“. Ein bisschen Vertrautheit im Fremden also, das jedoch immer fremder wurde, je mehr ihre Koreanischkenntnisse verblassten. Bis zum vierten Lebensjahr habe sie nur Koreanisch gesprochen, aber durch den Einfluss von Kindergarten und Schule sei ihre erste Muttersprache zunehmend durch das Deutsche ersetzt worden. Heute könne sie Koreanisch zwar noch verstehen, spreche es aber nicht mehr. Der Gedanke, in Korea zu leben und zu arbeiten sei ihr deshalb auch nie gekommen. Sie könne dort nicht die Arbeit machen, die sie hier macht, und „der Job bestimmt nun mal mein Leben.“ Mit Ausnahme ihrer besten Freundin besteht ihr Bekanntenkreis nicht aus Koreanern. „Ich verstehe mich als Deutsche.“ Dennoch erinnert sie sich an längst vergangene Kindertage zurück, als sie mit ihrer Mutter koreanische Fernsehserien schaute. Ein wenig ist sie dieser Gewohnheit treu geblieben, auch wenn sie heute lieber die südkoreanische Reality-Show „The Return of the Superman“ schaut – wenn sie denn mal Freizeit hat.

„Ich war 2014 nach 10 Jahren erstmals wieder in Korea, und es hat sich natürlich verändert. Ich habe meine Verwandten besucht und meine 97-jährige Großmutter.“ Die wiederum sei entsetzt gewesen, dass sich die Enkelin auch nach Einbruch der Dunkelheit noch auf den Straßen bewegte. „Wenn ich unter dem Einfluss meiner Oma herangewachsen wäre, hätte ich diese Unabhängigkeit und Selbstständigkeit sicher nicht entwickeln können“, ist Cho Mi-Young überzeugt und lächelt. „Es war der Wunsch meines Vaters, dass ich Medizin studiere, denn mein Opa war Arzt für chinesische Medizin und alle Opas davor waren Ärzte für chinesische Medizin.“

An vielen Stellen ist die starke familiäre Prägung und Verbundenheit herauszuhören. Das ist dann eben doch auch sehr koreanisch…

                                                                                                                               
                                                                                                                               Das Interview führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                   (Redaktion "Kultur Korea")

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