Spezialausgabe 2021

„Virale“ Unterhaltung in Zeiten der Pandemie

Über das Genre des Naturkatastrophenfilms im koreanischen Kino

Öltankerkatastrophen, saurer Regen, Kontamination von Flüssen und Ozeanen, globale Dürre und das Abschmelzen der Polkappen – was heute Klima- und Umweltwissenschaftler/-innen sorgt, wurde bereits in den Filmen von gestern vorausgesagt. Die Filmemacher von Katastrophenfilmen suchten schon früh nach Antworten auf wichtige Existenzfragen. Sein oder Nichtsein? Warum sein und wie viel bleibt noch übrig? Und schließlich: Mit wem soll man bleiben? Diese Filme sind beliebt, weil wir in der virtuellen Welt des Kinos nach einem Spektakel suchen, nach nervenkitzelnden Erlebnissen, die uns im eigenen Leben oft fehlen. Egal wie zynisch es klingen mag, jede Leinwand-Katastrophe bereitet einen unvergesslichen Anblick, ebenso wie die Menschenschicksale, die sich am Rande des Todes befinden. 

Die Weltuntergangsszenarien sind seit langem eine Quelle der Inspiration in Hollywood. Die Naturkatastrophen geschehen im amerikanischen Kino aufgrund der Umweltveränderungen, verursacht durch eigene Willkür der Natur, aber auch durch das verantwortungslose Verhalten der Menschen. Anders als amerikanische beziehen sich koreanische Produktionen dieses Genres auf bestimmte historische Ereignisse wie die japanische Kolonisation (1910-1945) oder den Koreakrieg (1950-1953). Das südkoreanische Nachkriegskino beschäftigte sich mit den Folgen des Krieges und reflektierte die Ängste, die die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten verursachten. Der Begriff „Katastrophe“ wurde oft mit dem Verlust des Lebens oder des Lebensunterhalts vor dem Hintergrund der fortgesetzten Teilung der Halbinsel definiert. So steht im Fokus von „Godzillas Todespranke“ (1967) ein prähistorisches benzinfressendes Reptil, das durch Atomtests geweckt wurde und in Seoul auftaucht. Nun liegt es in den Händen einer Familie, die ganze Stadt und ihre Bewohner zu retten. Das Ungeheuer symbolisiert den nordkoreanischen Staat und die von ihm ausgehende Gefahr. Es geht um eine externe Bedrohung, die schließlich besiegt werden kann. 

Szenenbild aus „Haeundae“/ ,해운대’  („Tsunami – Die Todeswelle”, 2009) © CJ Entertainment

Während Hollywood die Gewalt der Natur als ein Monster behandelt, das weltweit Chaos anrichtet, geht es in koreanischen Erzählungen um das Überleben des Nationalstaates und seiner Menschen, verbunden mit der Idee eines sicheren, starken und mütterlichen Landes. Naturkatastrophen dienten schon immer als narratives Mittel zur Neuverhandlung bestehender Machtverhältnisse, als ein überzeugender Hintergrund, vor dem die Hauptdarsteller/-innen gezwungen waren, ihr Leben und ihre Werte zu überdenken und jene Entscheidungen zu treffen, auf die es wirklich ankommt, nämlich die, die das Schicksal von Familie und Gemeinschaft bestimmen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden solche Geschichten auf die Ebene des individuellen Kampfes reduziert. Die Natur nahm die Rolle eines stillen Beobachters des menschlichen Elends ein und wurde zur Bühne der Handlung. Eine spontane, nicht vom Menschen verursachte Zerstörung fehlte in den filmischen Darstellungen der Koreaner fast vollständig. Die Natur konnte Zeugnis ablegen oder von Menschen angegriffen werden, aber sie blieb treu und tat ihren Menschen nichts an.

Im neuen Jahrhundert gewinnt das Genre der Katastrophenfilme erneut an Popularität. Die florierende Zahl solcher Filme fängt an − aufgrund der höheren Produktionsbudgets, der größeren Freiheit sowie des Bedürfnisses, die Reaktionen des Staates auf Naturkatastrophen zu kritisieren − zu wachsen. Die Amerikaner zeigen, wie die Natur gegen Menschen rebelliert, aber in koreanischen Filmproduktionen wird eine Katastrophe von Menschen initiiert. 2006 entwirft „The Host“ von Bong Joon-ho eine neue Erfolgsformel für Katastrophenfilme in Korea. Inspiriert von einem realen Fall aus dem Jahr 2000, in dem ein US-Leichenschauhausbeamter verurteilt wurde, weil er gefährliche Chemikalien im Han-Fluss verklappt hat, erzählt Bong Joon-ho über einen ähnlichen Fall. In „The Host“ befiehlt ein amerikanischer Wissenschaftler seinem koreanischen Untergebenen, eine große Menge Formaldehyd in den Fluss zu gießen. Daraufhin taucht ein Monster aus dem Fluss auf und greift die Menschen an. Wie immer leiden die unterprivilegierten Mitglieder der Gesellschaft am meisten: Das Kind der dysfunktionalen Familie Park, die einen kleinen Kiosk an der Flusspromenade besitzt, wird vom Monster entführt. Die Parks gehen auf die Jagd nach dem Ungeheuer, um schließlich die ganze Nation zu retten. Bong Joon-ho kombiniert den klassischen Monsterfilm mit Action, Drama, Horror sowie mit viel Humor und schafft ein neues Genre, in dem die Tragödie der ganzen Nation in der Komödie einzelner Menschen verflochten ist.

Zu den Hauptcharakteren von „Tsunami – Die Todeswelle“ (2009) von Yoon Jae-gyun gehört ein Vulkanologe, durch den das Publikum Einblick hinter die Kulissen der Flutwelle erhält, sowie eine Gruppe von Fischern, die ihren Lebensunterhalt mit dem Fischverkauf in den örtlichen Restaurants in der Hafenstadt Busan verdienen. Der Bösewicht kommt in Form eines reichen, gewinnorientierten Entwicklers daher, der den Fischern das Land abkaufen will. Er droht, diese friedliche Gemeinschaft und ihre Lebensweise zu zerstören, weil er ihre Läden abreißen will und an ihrer Stelle einen Freizeitkomplex am Meer errichten möchte. Obwohl die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden und auf ein Deadline-Szenario hinauslaufen, nämlich einen Mega-Tsunami, der die südkoreanische Küstenstadt auslöscht, spielen die tatsächliche Katastrophe und ihre Folgen eine untergeordnete Rolle. Der Film beschäftigt sich in erster Linie damit, die höchst vorhersehbaren Beziehungen zwischen den Protagonisten zu beschreiben, damit die Zuschauer die Bedeutung von Tradition, Liebe und Familie angesichts der Zerstörung deutlich erkennen. Der Film bemüht die Grammatik eines Hollywood-Spektakels, sein Fokus bleibt dabei aber auf der moralischen Botschaft, nämlich dem Überleben traditioneller Gemeinschaften, was angesichts der Zerstörung wirklich wichtig ist. Die Katastrophe tritt hier nicht nur als zerstörerische, sondern auch als reorganisierende und konstruktive Kraft auf. Die Flutwelle zieht durch das Stadtzentrum von Busan und verwandelt es in eine Masse schwimmender Trümmer, gleichzeitig bringt sie die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren wieder ins Gleichgewicht. Die Natur stellt die Ordnung wieder her, weil die Menschen dazu nicht in der Lage sind. Anstelle der spektakulären Action konzentriert sich der Film auf die Nuancen von Emotionen und Konflikten zwischen den Charakteren. Der Fokus auf den Emotionen ist das wichtigste Merkmal koreanischer Katastrophenfilme, im Vergleich zu ähnlichen Produktionen aus dem Westen.

Film Still: Park Min-ah in „Gamgi“/(,감기’) („Pandemie”, 2013) © Busch Media Group

Die Coronavirus-Pandemie weckte erneut das Interesse an Katastrophenfilmen. Nach Angaben des The Korea Herald belegte der Amerikaner Steven Soderbergh mit seinem Film „Contagion“ (2011) ursprünglich den 58. Platz auf der Plattform Watcha Play und landete in nur wenigen Tagen im Januar 2020 auf dem ersten Platz, wo der Film auch bis Anfang 2021 stand. Insgesamt stieg die Anzahl der Aufrufe verschiedener Katastrophenfilme auf dieser Plattform vom 16. bis 28. Januar 2020 um 403% und die Anzahl der Nutzer, die solche Inhalte konsumierten, um 304%. Auf der OTT-Plattform Seezn von KT Corporation wurde zwischen Oktober und Dezember 2020 ein Anstieg um das 545-Fache festgestellt. Eigentlich kommt es selten vor, dass ein koreanischer Film, der bereits 2013 in seiner Heimat gestartet ist, sieben Jahre später, nämlich 2020, in die deutschen Kinos kommt. Für „Pandemie“ von Kim Sung-su wurde eine Ausnahme gemacht. „Contagion“ und „Pandemie“ haben ähnliche Handlungen. In beiden Filmen gibt es einen ersten Menschen, der am Virus erkrankt und gleich stirbt, allerdings nicht, bevor er die Krankheit an hunderte andere weitergegeben hat. Ein Team von Wissenschaftlern engagiert sich in einem Wettlauf um eine Heilung; Politiker tun ihr Bestes, um panischen Menschenmengen unter Kontrolle zu halten, und andere „Menschen in Anzügen“ zögern nicht, unschuldige Bürger zu töten. In jedem der beiden Filme steht plötzlich ein zufällig ausgewählter Held im Mittelpunkt des Geschehens und rettet andere. Überall herrschen herzzerreißendes Chaos und Verzweiflung. Manche Szenen, wie die mit dem Massenverbrennen der Infizierten oder die mit dem Streuspray des Niesens erinnern an unseren heutigen Alltag. Beide Filme üben heftige Kritik an der staatlichen Kontrolle und werfen gleichzeitig die Frage nach der Rolle der Regierung in Krisensituationen auf. 

Im Gegensatz zu Soderbergh interessiert sich Kim nicht für den prozeduralen Aspekt der Ausbreitung von Krankheiten, er zeigt auch keine nüchternen Schritte zu ihrer Bekämpfung. Im Zentrum seines Dramas steht das Schicksal eines kleinen Mädchens und die aufkommende Liebesgeschichte seiner Mutter mit einem Feuerwehrmann. Das exzessive Melodrama, verstärkt durch natürliche Anomalien und die Ausbreitung des Virus, führte schließlich dazu, dass die Betrachter zumindest zum Filmstart in Korea das Interesse an solchen Filmen verloren. Erst mit „Train to Busan“ (2016) kehrte die Aufmerksamkeit der Zuschauer zurück. Der Film von Yeon Sang-ho erzählt darüber, wie sich ein Kampf zwischen Passagieren und Zombies im Hochgeschwindigkeitszug nach Busan entwickelt und stellt tatsächlich ein aktualisiertes Format eines Katastrophenfilms dar. Der Zug wird zu einer Metapher für die rasche Modernisierung Koreas, während Zombies, die in unendlichen Wellen anrollen, zu einer Satire der koreanischen Gesellschaft werden, die auf Wachstum fixiert ist und die Interessen des Kollektivs priorisiert.

Die Katastrophenfilme sind oft sehr politisch. Ein an Hollywood-Filme gewöhnter Zuschauer wird in dem Film „Tunnel“ (2016) nur die Geschichte der Rettung eines Mannes sehen, der lebendig begraben in einem Tunnel festsitzt. Aber es geht nicht nur um die Rettung. Es ist eine Geschichte über Standhaftigkeit, aber auch über zynische Journalisten und Politiker ohne Rückgrat, die menschliche Tragödien nutzen, um ihre Umfragewerte zu verbessern, sowie über Profis, die angesichts der bürokratischen Maschine machtlos bleiben. Der Protagonist ist kein Hollywood-Übermensch, sondern eine willensstarke Person, die sich durch Bescheidenheit und Disziplin auszeichnet. Der Film „Pandora“ (2016) erzählt davon, wie ein veraltetes Kernkraftwerk eine Atomkatastrophe verursacht. Seine Mitarbeiter haben sich lange Sorgen um die Sicherheit gemacht, aber ihre Warnungen wurden von den Behörden nicht beachtet. 

Als ein Erdbeben die kleine Stadt erschüttert, wird auch das Kraftwerk zerstört. Die Regierung ist nicht in der Lage, die Situation zu kontrollieren. Panik breitet sich im ganzen Land aus. Die Arbeiter haben keine andere Wahl, als in das Atomkraftwerk zurückzukehren und eine nukleare Katastrophe zu verhindern, was einige von ihnen das Leben kostet. Erneut treten hier emotionale Beschreibungen einzelner Schicksale, ihrer Tragödien sowie Versuche, nicht nur ihre Lieben, sondern auch ihre Gemeinschaft zu retten, in den Vordergrund. Diese Filme haben jedoch in den letzten Jahren einige Veränderungen erlebt.

Film Still: Lee Hae-jun und Kim Byung-seo in „Baekdusan“ /(,백두산’) („Ashfall”, 2019) © Dexter Studios

„Ashfall“ von Kim Byung-seo und Lee Hae-jun aus dem Jahr 2019 behandelt einen Ausbruch des Vulkans Paektusan in Nordkorea, der die koreanische Halbinsel zu zerstören droht. Um die Tragödie zu verhindern, muss eine Explosion unter dem Vulkan organisiert werden, damit der bevorstehende Ausbruch nicht an die Oberfläche, sondern tief in die Erde gerichtet ist. Ein Team geht nach Nordkorea, um Sprengköpfe zu stehlen und sie dann in eine Mine unter dem Vulkan zu legen. Der Erfolg der Operation wird jedoch von einem gefährlichen Spion bedroht, der mit kriminellen Elementen in Verbindung steht. Anstelle sozialkritischer Momente, wie wir sie aus den Filmen „Tsunami“ oder „Pandora“ kennen, treten in diesem Film Unterhaltung und Humor in den Vordergrund. Um den kommerziellen Erfolg des Filmes zu steigern, wurden jetzt berühmte Schauspieler/-innen – Bae Suzy, Lee Byung-hun, Ha Jung-woo – gecastet. Im Film sind groß angelegte Spezialeffekte der Dexter Studios zu sehen. Diese kommen dann ins Spiel, wenn die Geschichte jede Bedeutung verliert und zeigen uns in der ganzen Pracht die Details der wachsenden Umweltkatastrophe. 

Naturkatastrophen in koreanischer Interpretation können viele verschiedene Formen annehmen – aber sie sind meist von Menschen verursacht. Die besten Katastrophenfilme kommentieren die negativen Auswirkungen des Fortschritts der Technologie, liefern erhebende moralische Lehren und bieten ein „How-to“ in Bezug auf Überlebensfähigkeiten. Filme dieser Kategorie zeigen, wie zerstörerisch menschliche Aktivitäten für Natur und Ökologie sind. Im Streben nach ewigem Fortschritt, unkontrolliertem Ressourcenverbrauch und der Macht über die Natur zerstören die Menschen damit nicht nur sich selbst, sondern den gesamten Planeten. Die nächste Generation dieser Filme könnte sich dann auf Tragödien konzentrieren, die nicht verhindert werden, auf Leben, die nicht mehr zu retten sind und auf Weltuntergangswaffen, die losgehen, bevor der Held sie aufhalten kann. In den jüngsten apokalyptischen Filmen, etwa „Peninsula“, geht es nicht mehr darum, die Welt zu retten, sondern vielmehr darum, den unvermeidlichen Untergang zu überleben.

 

 Teaserbild Hompage: CJ Entertainment 

 

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