Kaleidoskop

Von Goldfieber, Gesichtswindeln und Wortakrobaten

                                                    Nichts reagiert so schnell auf Krisen wie die Sprache.
                  Was uns Corona-Neologismen über den koreanischen Weg durch die Pandemie verraten.

 

Tim Hirschberg)

„Söderwindel“ versus „Goldmaske“ – so ließe sich der unterschiedliche Umgang Deutschlands und Südkoreas mit der Covid-19-Pandemie beschreiben. Natürlich nur, wenn man überspitzt provozieren wollte. Hinter den Begrifflichkeiten rund um den Mund-Nasen-Schutz, wie ihn Mediziner/-innen und Jurist/-innen unterkühlt nennen, steckt aber durchaus Lehrreiches. Denn die Maske, wie sie im Volksmund heißt, ist das Dingsymbol dieser krisenreichen Zeit. Die „Maskengegner“ oder „Maskenmuffel“ verleihen ihrem Unmut über die Maßnahmen gegen das Corona-Virus dadurch Ausdruck, dass sie trotzig das nackte Gesicht in die Luft recken. Das Foto- und Videomaterial des Jahres 2020 wird durch die Masken auf immer eine Signatur tragen, die auf das traumatische Geschehen verweist. „Nun sag, wie hast du's mit der Maske?“, ist die Gretchenfrage der Corona-Krise.

„Nicht allzu gut“, lautet offenbar die Antwort in Deutschland. Im Frühjahr dieses Jahres hieß es noch von offizieller Seite, die Schutzvorrichtung sei womöglich unwirksam oder gar kontraproduktiv. Später wurde das zwar widerrufen, doch die Gesellschaft bleibt hinsichtlich der „Maskenfrage“ gespalten. Der Neologismus „Söderwindel“ bringt die Vorbehalte anschaulich zum Ausdruck: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ist für manche der personifizierte „Seuchen-Sheriff“, der angeblich den Bürgern durch unzumutbare Einschränkungen das Leben erschwert. Mittels des metaphorischen Ersatzes von „Maske“ durch „Windel“ wird über die vermeintliche Bevormundung durch die staatlichen Regulierungen gewettert. Das Gefühl, infantilisiert zu werden, schwingt übrigens auch in dialektalen Spitznamen wie „Schnutenpulli“ oder „Gsichtsbämbers“ mit.

Fällt das Atmen auch noch so schwer – eiserne Disziplin beim Maskentragen (© Tim Hirschberg)

Ganz anders klingt das in Südkorea. Eine der am häufigsten benutzten Neubildungen, die mit der Corona-Krise in Verbindung stehen, ist hier „geumske/금스크“ (Goldmaske). Dieses Wort entstand, indem das koreanische Nomen „geum/“ (Gold) mit „maseukeu/마스크“ (Maske) verschmolzen wurde. Die Mund-Nasen-Maske gilt demnach als etwas Kostbares, und zwar nicht nur wegen des „Masken-Mangels“ zu Beginn dieses Jahres, sondern auch weil die Leute der Schutzwirkung vertrauen. Korea sei bisher vor allem wegen der Masken und des immunstärkenden Kimchi verhältnismäßig gut durch die Krise gekommen, heißt es oft. Den zweiten Teil dieser Aussage sollte man natürlich nicht allzu ernst nehmen, doch was die Masken angeht, stechen Unterschiede zu Deutschland ins Auge: Koreaner tragen die Schutzvorrichtung mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit und Disziplin – beim Wandern in den Bergen, beim Joggen am Fluss, beim Pärchen-Spaziergang am Meer, in den VIP-Lounges der K-Pop-Stars und selbst auf dem Nachhauseweg vom feucht-fröhlichen Soju-Trinkgelage. Masken sind zudem überall verfügbar. Jeder Convenience-Store hält diverse Farben, Größen sowie Prüfzeichen auf Vorrat, und wem kurz vorm Einkaufszentrum das Nackenbändchen reißt, der zieht sich ein frisches Exemplar aus dem Automaten. Ja, auch Koreaner leiden unter den Unannehmlichkeiten des Maskentragens. Anders als in Deutschland geht es dann weniger um beschlagene Brillen als um verwischtes Makeup oder vermehrte Akne. Die K-Beauty-Industrie wittert schon Morgenluft und entwickelte schmierfreies „Masken-Make-Up“ und Cremes gegen „Masken-Akne“.

Der Held mit der Maske Tim Hirschberg)

Dass die Corona-Krise so unterschiedliche Reaktionen im öffentlichen Leben Deutschlands und Koreas hervorruft, verlangt nach Erklärungen. Ein Ansatz betont den Individualismus der westlichen Kulturen einerseits und den Kollektivismus der östlichen Kulturen andererseits. In Deutschland ist das Gefühl, Entscheidungen selbst zu treffen, von eminenter Wichtigkeit. Besonders das unverhüllte Gesicht, das die persönlichen Züge offenbart, hat deshalb Priorität. In Korea strebt man weniger danach, sich von Kollektiven (Familie, Kollegen, Nation) zu emanzipieren. Das äußert sich schon in alltäglichen Dingen; im Restaurant etwa wird die Rechnung nie geteilt. Genauso unvorstellbar ist es, bei den gemeinsamen Anstrengungen gegen das Virus als Querulant aufzufallen. Es gibt außerdem noch einen leicht nachvollziehbaren Grund für die breite Akzeptanz von Masken in Korea: Durch die oft hohe Feinstaubbelastung sowie Erfahrungen mit SARS- und MERS-Viren sind die Leute schlichtweg schon daran gewöhnt, Masken zu tragen. 

Interessanterweise hören die nationalen Unterschiede weitgehend auf, wenn man aufs Private schaut. Wieder sind es coronabedingte Wortneuschöpfungen, die das am schönsten zeigen. Im Corona-Jahr 2020 sitzen die Deutschen bekanntlich viel zu häufig in den eigenen vier Wänden fest („Cocooning“), bekommen einen „Corona-Koller“, zeugen „Corona-Babys“ oder fressen sich mit ihren „Hamsterkäufen“ aus Langeweile und Kummer „Coronaspeck“ an. Das letztgenannte Wort verbreitet sich übrigens weltweit in den sozialen Medien auf virale Weise.

Igitt, ein „Maskenmuffel“! Plakat in der koreanischen U-Bahn (© Tim Hirschberg)

Koreaner teilen das gleiche Schicksal und klagen im exklusiv neu geprägten Corona-Vokabular darüber. Für die häusliche Isolierung gibt es seit kurzem die umgangssprachliche Abkürzung „jibkok/집콕“, „eontaegteu/언택트“ (das Gegenteil von Kontakt) führt zur Vereinsamung und zum „Corona-Blues“ (코로나 블루). In Bezug auf die Gewichtsproblematik lieferten koreanische Wortakrobaten ihr Meisterstück ab: „hwagjjinja/“ setzt sich aus „“ (plötzlich) „“ (Gewichtszunahme) und „“ (Person) zusammen. Gemeint ist also jemand, der in kurzer Zeit an Leibesfülle zulegte. Das Raffinierte ist nun, dass im Koreanischen mit „hwagjinja/확진자“ ein fast identischer Ausdruck existiert. Diesen benutzt man für Patienten, für die eine positive Diagnose vorliegt – beispielsweise Covid-19.

Kaum verwunderlich also, dass unter Lexikologen, die sich von Berufs wegen mit dem Wortschatz von Sprachen beschäftigen, momentan das Goldfieber grassiert. Die Pandemie lässt das Vokabular geradezu explodieren. Die Inspiration für neue Wörter kann aus dem Militärischen kommen: „Spuckschutzwall“ (Plexiglasscheiben in Geschäften), „Virus-Bomber“ (jemand, der viele Menschen ansteckt). Oft steht die Natur Pate: „Viruswolke“ (bedrohliche Ansammlung von Aerosolen durch unzureichende Belüftung), „Zweite Welle“ (ein neuer Höhepunkt der Pandemie im Winter). Bedauerlicherweise tauchen auch rassistische Begriffe wie „kung flu“ als Spitzname für das Virus auf (in Anspielung auf die unter „Kung Fu“ zusammengefassten chinesischen Kampfkünste).

Was von all diesen Neuerungen über die aktuelle Krisenlage hinaus Bestand haben wird, ist ungewiss. Schon jetzt steht allerdings fest, dass wir nicht nur in sprachlicher Hinsicht kolossale Veränderungen erfahren. Nichts könnte das besser zum Ausdruck bringen als eine weitere Wortschatz-Innovation, die der Pandemie biblische Ausmaße zuschreibt: Die englische Abkürzung „B.C.“ (Before Christ) erfuhr eine Umdeutung hin zu „Before Corona“.

Links: Wie aus dem Lehrbuch der Corona-Etikette: Studieren mit Maske, Mindestabstand und Spuckschutzwall
Rechts:„untact“: Kontaktloser Maskenkauf am Automaten im Shinsegae-Einkaufszentrum

Tim Hirschberg)

Foto von Tim Hirschberg

Foto: Tim Hirschberg

Tim Hirschberg

ist Sprachwissenschaftler und beendet momentan seine Doktorarbeit über Parenthesen. Er arbeitete mehrere Jahre lang in Südkorea an der Pusan National University in Busan und engagierte sich im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für koreanisch-deutsche Projekte.

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