Kunst

Wachgeküsst durch die Kunst

Kunterbunt: Street Art und Cafés in Jungang (Fotos: Tim Hirschberg)

Jungang war das kulturelle und administrative Herz der koreanischen Hafenstadt Busan, bevor das Viertel in der Bedeutungslosigkeit versank. Kreative Projekte schaffen jetzt neue Perspektiven. Acht Hamburger KünstlerInnen tauchen in die Szene ein, kooperieren mit den Einheimischen und präsentieren ihre Arbeiten.

 

Der Anfang ist mäßig. Es ist feucht-heiß, und zwar so sehr, dass junge Frauen Handventilatoren mit Hasenohren vors Gesicht halten und ältere Herren ihr Hemd über den Bauch ziehen, was je nach Umfang für ordentlich Oberflächenkühle sorgt. 40 Treppenstufen kämpfen sich die Künstler nach oben. Ihr Blick schweift nach rechts: ein paar Druckereien.  Nach links: noch mehr Druckereien. Geradeaus: brave Banken und Bürogebäude. Kein Meer, kein Strand, keine Skyline. 

Jungang ist auf den ersten Blick spröde. Dem früheren kulturellen und administrativen Herz von Südkoreas zweitgrößter Stadt Busan scheint alles abzugehen, was ein Viertel ausmacht, über das heutzutage Blogger und Vlogger berichten würden. Das hektische Stakkato des Verkehrs und der Menschenmassen, für das asiatische Großstädte berühmt-berüchtigt sind, gibt es nicht. Die ohrenbetäubende Kakophonie der K-Pop-Lieder und die Lautsprecherlockrufe der sonst allgegenwärtigen Kosmetikshops fehlen ebenso wie die kuriosen Katzen-, Hunde- oder Igelcafés. Fast könnte man nervös werden: Während in Südkorea sonst alle paar Meter ein Convenience Store jedes denkbare Bedürfnis zu befriedigen scheint – von Aknepflastern, Bulgogi-Kimbap sowie Feinstaubschutzmasken über Pfirsich-Soju und Socken bis hin zu Zahnseide –, möchte man hier Hamsterkäufe tätigen. Auf den Bewertungsplattformen im Internet zeigen sich einige Touristen leicht pikiert: Nothing special, I was looking for something more substantial, I'd pass”.

Dass es die Künstlergruppe aus Deutschland mitten im Hochsommer dennoch gerade nach Jungang verschlägt, liegt vor allem am Einsatz mehrerer umtriebiger Professoren. Die Herzensangelegenheit von Dury Chung Chin-Sung (Korea Maritime and Ocean University), Yong-Seun Chang-Gusko (FOM, Hochschule für Ökonomie & Management) und Jinhyung Park (Busan University of Foreign Studies) sind die deutsch-koreanischen Beziehungen, womit sie in einer langen Tradition stehen. Politisch-historisch ist die (im Fall von Deutschland frühere) Teilung der Länder immer wieder von Interesse. Wirtschaftlich unterhalten in Busan beispielsweise der Autoteilezulieferer Bosch Rexroth oder der Pumpenhersteller Wilo Werke, und wem am Stadtstrand Songdo in den neuen Gondeln in 86 Metern Höhe überm Ostmeer blümerant zumute wird, dem verschafft die Kompetenz des österreichischen Seilbahnbauspezialisten Doppelmayr/Garaventa ein Gefühl der Sicherheit. Es herrscht auch kein Mangel an Konferenzen oder Workshops mit interkulturellem Programm. Was allerdings fehlt, ist einerseits eine rahmengebende Struktur, andererseits ein Angebot, das stärker den Interessen und Bedürfnissen junger Leute entgegenkommt. Die Messehallen, Businesshotels und Konferenzsäle wirken nämlich manchmal gar zu geschäftsmäßig.

Das wilde Leben: Russlan, das unkonventionelle Multitalent, auf Bootstour im koreanischen Ostmeer

Russlans (Rudi Martens) Sonnenbrille ist komplett verspiegelt, sein Hemd hat er in Piratenmanier um den Kopf gebunden. Zur Begrüßung gibt’s bei ihm Faust auf Faust und eisgekühlten Kümmelschnaps, den er aus Norddeutschland mitgebracht hat. Der Illustrator arbeitet gerade an einem Fotoband mit Porträts von Verstorbenen, wie sie früher in Russland Tradition hatten. Die Erinnerungsbilder post mortem dokumentieren Familiengeschichten auf eine Weise, die auf diesseitsfixierte Gesellschaften irritierend wirken kann. Das Multitalent ist aber auch offen für Projekte, die dem süßen Leben zugewandt sind: Im Herbst wird er in Seoul das Guerilla-Marketing eines großen Bierherstellers kreativ unterstützen.
Während des Busaner Künstlerprogramms gestaltet Russlan den Auftritt in den sozialen Medien. 

Die Vermessung der Werft: Pauline Jacob (links) und Si-Ying Fung holen sich auditive und visuelle Impulse für ihre Kunst

Die Hamburgerin Si-Ying Fung, die ebenfalls am Programm teilnimmt, überreicht zur Begrüßung keine Visitenkarten, wie sie in Korea normalerweise stapelweise den Besitzer wechseln. Stattdessen drückt sie einem Kunstdrucke in träumerischen Blautönen in die Hand. Die Zeichnerin ist in Südkorea der irisierenden Seladon-Keramik auf der Spur. Die Unterkunft, in der die Künstler schlafen, arbeiten und feiern, ist ein vogelwilder Eigenbau auf dem Dach eines mehrstöckigen Gebäudes – Baugenehmigung aus Zeiten, in denen man es noch nicht so genau nahm. Von der Terrasse aus sieht man die Sonne hinter Busans farbenfroh illuminiertem Turm im Yongdusan-Park untergehen.

Die Rahmenbedingungen des Künstlerprogramms sind also ausgesprochen informell. Die Hamburger Claussen-Simon-Stiftung finanziert insgesamt acht deutschen Künstlern für mehrere Wochen den Aufenthalt in Busan; diese sammeln Inspirationen, veranstalten Workshops, zeigen Performances und finden koreanische Partner für gemeinsame Projekte. Im Gegenzug kommen dann die koreanischen Künstler nach Hamburg, das die Partnerstadt von Busan ist. Schließlich gibt es im Jahr 2019 eine gemeinsame Ausstellung, bei der die Früchte der Arbeit präsentiert werden. Falls Kommunikationsschwierigkeiten auftauchen, helfen die Studenten von der Busan University of Foreign Studies und der Korean Maritime and Ocean University als Übersetzer aus. Anfangs noch schüchtern und mit roten Wangen, wachsen sie schnell an dieser Aufgabe und proben schon einmal fürs spätere Studium oder Praktikum in Deutschland. Dass die Kunst als Katalysator für den Aufbau von Selbstvertrauen sowie professionellen und zwischenmenschlichen Beziehungen funktioniert, darauf setzt das Programm. Es soll ein Impulsgeber für ein dauerhaftes deutsch-koreanisches Netzwerk in Busan sein. Dessen Namen hat Dury Chung Chin-Sung schon gefunden: ,BADA’, was auf Koreanisch ,Meer bedeutet.

Patricia Carolin Mai, eine weitere Stipendiatin der Claussen-Simon-Stiftung, bittet um 10.30 Uhr eine noch schlaftrunkene Gruppe zum Tanzworkshop aufs Parkett. Jeder soll sich einem ihm noch Unbekannten gegenübersetzen. Jetzt wird die energetische Bewegungskünstlerin streng: Alle Gegenstände haben sofort aus dem Raum zu verschwinden, denn nichts dürfe die Konzentration auf das Gegenüber stören. Minutenlang halten die Partner einander an den Händen. Schließlich löst sich das kontemplative Innehalten in einem anarchischen Wirbeltanz auf. Im Anschluss treffen sich alle Programmteilnehmer im Café bei den 40 Stufen, um eiskalten Americano und Süßkartoffellatte zu trinken. Schon nach einer Woche sind die anfänglichen Irritationen einem Gefühl der Vertrautheit gewichen. Russlan weiß jetzt, wo man rauchen darf, nämlich tagsüber besser nur in dunklen Ecken. Die Musikregisseurin und Oboistin Theresa von Halle, die in ihrer Kunst gegen das manchmal enge Korsett der Klassik aufbegehrt, hat sich damit abgefunden, dass Mülleimer in Korea noch seltener sind als ein Oktett von deutschen Künstlern, und der Fotograf Moritz Mössinger kennt all diejenigen Banchan (traditionelle koreanische Beilagen), die vegetarisch sind. Auch der prosaische Ersteindruck von Jungang ist Vergangenheit. Bei den Streifzügen durchs Viertel und der Umgebung entdeckten die Künstler nicht nur Geschäfte und Galerien mit reichlich Lokalkolorit, Werften mit martialischem Industrieschick, Bars mit Hipsterambitionen sowie den wöchentlichen ,Do it yourself Design-Markt’ bei den 40 Stufen, es poppte auch an unerwarteten Ecken fantasievolle Street Art auf. Dieses kreative Tohuwabohu verantworten im Wesentlichen die Leute von Totatoga, eine 2010 gegründete Künstlerinitiative, zu der in Jungang mehr als 60 Galerien, Handwerksstätten und Kleinstbühnen gehören. Unter der Federführung von Filmproduzent und Professor Hee-Jin Kim arbeitet Totatoga eng mit den deutschen Programmteilnehmern zusammen.

Bewegte Geschichte: Jungangs Einwohner erinnern sich

Totatoga habe Jungang wachgeküsst und vor dem Verfall gerettet, sagt eine Frau in ehrwürdigem Alter, die unweit der 40 Stufen in einer idyllisch begrünten Laube der Mittagshitze trotzt. Vor dem Engagement Totatogas – den Galerieeröffnungen, Konzerten und Straßenmalereien – hätten immer mehr Leute Jungang verlassen, so dass das Viertel verwahrlost sei. In der Tat ging es in den 1990er Jahren rasant bergab. Im Vergleich zu Vierteln wie Gwangan, wo 1994 angefangen wurde, die kolossale Diamantenbrücke (Gwangandaegyo) zu bauen, oder Haeundae, das vor einer Hochhauskulisse urbanes Strandleben im Stile von Baywatch verheißt, wirkte Jungang wie die graue Maus. Als 1998 auch noch der verwaltungstechnische Sitz ,City Hall verlegt wurde, war der Tiefpunkt erreicht.     

Gwangan

Haeundae

Der Tag klingt aus: Koreanisch-deutsches Künstlerfest auf der Dachterrasse

Bei der ,German Sausage Party am Abend auf der Dachterrasse der Künstlerunterkunft fehlt den in Korea eingekauften Würsten etwas der Biss, die Stimmung ist aber trotzdem prächtig. Die Künstler diskutieren über die wechselhafte Geschichte Jungangs. Zwar bewundern alle, wie die Kunst hilft, das Viertel zu revitalisieren, es werden aber auch Zweifel laut. Sie betreffen das bekannte Phänomen der Gentrifizierung. Als warnendes Beispiel in Busan dient Gamcheon Cultural Village – das Santorini Koreas, wie manche spotten. Das Viertel, in dem während des Koreakriegs (1950-53) etliche Flüchtlinge eine neue Heimat gefunden hatten, setzte ebenfalls auf die Kunst und prosperierte. Aus dem ärmlichen, slumartigen Häuserlabyrinth wurde nach und nach ein Touristenhotspot. Wo anfangs noch Freiraum für subversive Kunst war, dominieren heute Geschäftssinn und Nippes. Das Dilemma zwischen bedingungsloser Kunst und Kommerz, der den Lebensunterhalt sichert, wird auch für das deutsche Künstleroktett aktueller. Die meisten der Kreativen sind in den Dreißigern und müssen sich immer mehr Verantwortungen stellen. So wie der shakespearebegeisterte Regisseur und Schauspieler Ron Zimmering, der vorzeitig abreist, um seine schwangere Freundin zu unterstützen.

Zu der späten Stunde sehen die 40 Stufen gespenstisch einsam aus, doch niemand stört sich mehr an dem fehlenden visuellen Reiz. Jungang erzählt Geschichten, wenn man sich auf das Viertel einlässt. Von den Menschen zum Beispiel, die während der Wirren des Koreakrieges in Busan landeten und gemeinsam auf ihre Angehörigen warteten. Das taten sie auf den 40 Stufen, denn von hier aus war damals der Blick auf das Meer noch unverbaut. Ein sanfter Wind, der nach Fisch und Algen riecht, zieht auf. Es ist unklar, ob die Gerüche wirklich vom Meer kommen oder bloß von den Abfällen der Meeresfrüchte-Restaurants. Ein Besuch in Jungang steht und fällt mit der Vorstellungskraft.   

Theresa von Halle

Hat klassische Musik studiert, um deren Grenzen auszutesten: Theresa von Halle

Fokussiert: Fotograf Moritz Mössinger drückt gleich auf den Auslöser.

Foto von Tim Hirschberg

Foto: Tim Hirschberg

Tim Hirschberg

Tim Hirschberg arbeitet seit April 2017 für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) als Gastprofessor an der Pusan National University in Busan, Südkorea. Vorher war er am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin (heute: Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft) und der Goethe-Universität Frankfurt am Main beschäftigt. Sein wissenschaftliches Interesse ist die theoretische Linguistik.

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