Musik

Was nach der Rückkehr von Isang Yun übrig bleibt

Ausgrabung der Urne mit den sterblichen Überresten von Isang Yun
Foto: © Shin-Hyang Yun

Am 23. Februar 2018 versammelten sich die Übersee-Koreaner Berlins, die Mitglieder der Internationalen Isang Yun Gesellschaft sowie die Angehörigen der Botschaft der Republik Korea an einem Grab auf dem Gatower Friedhof Berlin. Es war der Tag, an dem die Urne mit den sterblichen Überresten des koreanischen Komponisten Isang Yun, der lange in Deutschland gelebt hatte, ausgegraben wurde, um sie für die Rückkehr in seine Heimat, die Stadt Tongyeong, vorzubereiten. 23 Jahre sind seit seinem Tod am 3. November 1995 vergangen. Rechnet man die 39 Jahre mit, die er in Deutschland gelebt hat, war es eine Rückkehr nach 64 Jahren. Um 11 Uhr morgens strahlte die Sonne, als ob sie aus Anlass seiner Rückkehr freundlich grüßen würde. Die Tochter von Isang Yun und der Präsident des Tongyeong International Music Festival waren nach Berlin gereist, um die Überreste in Empfang zu nehmen.

Die Überführung der sterblichen Überreste ist in erster Linie Sache der Familie, aber im Fall von Isang Yun war sie symbolträchtig im nationalen und kulturellen Sinne. Nachdem Yun im Jahr 1969 aus seiner Heimat vertrieben wurde, erwarb er 1971 die deutsche Staatsbürgerschaft, erhielt Auszeichnungen vom deutschen Bundespräsidenten und vom Goethe-Institut, wurde schließlich als Ehrenbürger der Stadt Berlin begraben. Das Herz des durchaus ‚patriotischen‘ Komponisten sehnte sich zwar immer nach seiner Heimat, aber es ist nicht zu leugnen, dass er sich äußerlich an seine Wahlheimat angepasst hatte und z.B. westliche Kleidung trug. Insofern zeichnet sich durch die Überführung der sterblichen Überreste also eine neue Brücke zwischen Berlin und Tongyeong, zwischen Deutschland und Korea, ab.

Auf der anderen Seite hat diese Überführung eine subtile Bedeutung für die in Deutschland lebenden Koreaner, die hier sterben und begraben werden. Sie leben zwar meist freiwillig in der Fremde, teilweise sind sie aber auch Menschen, welche ein ähnliches, durch die Ideologie des Kalten Krieges hervorgebrachtes Schicksal wie Yun teilen. Für diese bot seine Rückkehr jedoch eine Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, was denn die ‚wahre‘ Heimat sein könnte. Zumindest bei mir, einer Yun-Forscherin, die nach dem Studium nach Korea zurückgekehrt und auf der Suche nach seiner Spur wieder nach Deutschland gegangen ist, führte seine Rückkehr zu einem zwiespältigen Gedanken. Bei mir kam die Frage auf, mit der ich mich schon immer auseinandergesetzt hatte: „Wie lange wird seine Musik in Deutschland überleben?“ Yuns Werke werden hierzulande viel weniger gespielt als die Werke seiner deutschen Komponistenkollegen (das 100-jährige Jubiläumsjahr Yuns war eine Ausnahme). Es könnte daran liegen, dass seine Musik zum schwer spielbaren zeitgenössischen Repertoire gehört, aber es ist nicht auszuschließen, dass dies auch an ihrer kulturellen Doppelidentität liegt.

Wohnhaus von Isang Yun in Berlin-Kladow mit dem Kamelienbaum aus Tongyeong  Foto: © Jin-Heon Jun

Mit der Überführung der sterblichen Überreste verabschiedete sich Yun von Berlin, das ihm seine ‚zweite Heimat‘ war, im symbolischen Sinne. Die Heimat Tongyeong brachte Yuns Leib zur Welt, aber seine meisten Werke - ca. 120 -, die ihn zu einem internationalen Komponisten gemacht haben, wurden in Deutschland geboren. Er lebte, mit Ausnahme seiner Freiburger und Kölner Jahre von 1959 bis 1963, etwa 30 Jahre in Berlin. Auf Einladung des Komponisten-Residenz-Programms der Ford Foundation kehrte er mit seiner Familie von Köln nach Berlin zurück. In den folgenden Jahren entstanden wichtige Werke: das erste Musiktheater Traum des Liu Tung (1965), welches an der Berliner Akademie der Künste uraufgeführt wurde, und Reak (1966) für großes Orchester, dessen Uraufführung beim Donaueschinger Musikfest stattfand. Dieses spielte für seine internationale Karriere als Komponist eine entscheidende Rolle. Nach ca. 8 Monaten dieser erfolgreichen Jahre befand er sich jedoch aufgrund der Ostberlin-Affäre von 1967 im Seouler Gefängnis. Es war die verwirrende erste ‚Heimkehr‘ 11 Jahre nach der Auswanderung aus seiner Heimat. Er sagte im Gefängnis, dass er ‚nach Berlin zurückkehren möchte‘. Schließlich durfte er dank internationaler Proteste nach Deutschland ausreisen. Berlin wurde eine ‚neue Heimat‘ für ihn.

Es gibt einen Auftrag an die Nachwelt, der nicht vergessen werden sollte. Während die sterblichen Überreste von Yun in seine Heimatstadt zurückgekehrt sind, sind seine Manuskripte noch in der Kammer einer Berliner Bank eingeschlossen. Die Pflege der handschriftlichen Manuskripte des Komponisten, die sowohl zu seiner körperlichen als auch seiner geistigen Arbeit gehören, sind ebenso wichtig wie die Pflege seiner sterblichen Überreste. Diese haben jedoch 22 Jahre nach dem Tod von Yun das Licht der Welt noch nicht erblickt. Weder Deutschland noch Korea kümmern sich um sie. Es ist notwendig, dass die Manuskripte möglichst bald für den Nachwuchs sowie Forscher zugänglich gemacht werden. Die Spuren von Yun verbleiben auch im Archiv der Universität der Künste in Berlin, wo er von 1977 bis 1985 als Professor wirkte. 

Eine der letzten Spuren von Yuns Körper befindet sich noch in seinem Wohnhaus in Berlin-Kladowin dem der Komponist etwa 25 Jahre lang komponiert hatte. Dieses Haus, das mit Unterstützung der südkoreanischen Regierung im Jahr 2008 von der Isang Yun Peace Foundation in Seoul erworben worden war, blieb lange geschlossen und bereitet sich derzeit auf die Wiedereröffnung vor. Laut der Witwe lebte Yun seit dem Jahr 1971 im Sommerhaus, das ursprünglich an diesem Platz stand. Yun habe sich der Arbeit in einer Wohnung widmen wollen, die von der seiner Familie abgegrenzt war. So schuf er Dimension (1971) für großes Orchester, während er gleichzeitig das Musiktheater Shimcheong (1972) komponierte. Es ist sein einziges Orchesterwerk, in das die Orgel eingebettet ist. In diesem Jahr erwarb Yun auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach der Uraufführung des Werkes Shimcheong bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in  München 1972 wurde das jetzige Haus gebaut, und im Januar 1975 zog die Familie ein. Seine Witwe schreibt: „Kladow ist unsere Heimat geworden.“ (Nae Nampyeon Yun Isang [Mein Mann Yun Isang], Seoul, 1998, S. 27-30).

Foto: Koreanisches Kulturzentrum

Ich besuchte das Haus im Sommer des Jahres 2009 zum ersten Mal, als ich mich in Berlin aufhielt, um mein Forschungsprojekt zur vergleichenden Studie von Isang Yun und Younghi Pagh-Paan durchzuführen. Damals befand sich das Haus inmitten der Renovierungsarbeiten für die Eröffnung. Schließlich konnte es im Herbst 2011 unter Leitung der Internationalen Isang Yun Gesellschaft eröffnet werden, und Konzerte und Vorträge wurden etwa ein Jahr lang veranstaltet. Im Winter 2012 musste das Haus jedoch wegen finanzieller Probleme geschlossen werden. Sowohl die deutschen Behörden als auch die koreanische Regierung interessierten sich nicht dafür. Im Gegensatz zur Mauer der Stadt Berlin, die als Erinnerung an die innerdeutsche Teilung sichtbar war, blieb das Yun-Haus eine ‚unsichtbare Mauer‘, die von den beiden Seiten – Deutschland und Korea - vergessen wurde.

Am 29. März 2018, dem Eröffnungstag des Tongyeong International Music Festival, führten die Bochumer Symphoniker zum Thema ‚Heimkehr‘ Exemplum im Memoriam Gwangju [1981] auf, und ein von Ludger Engels neu inszeniertes Musikdrama, Ulysses Rückkehr von Monteverdi, kam zur Aufführung, wobei es durch den Liedstil des traditionellen koreanischen Gagok ergänzt wurde. Am Tag der Gedenkveranstaltung an Isang Yuns neuem Grab in Tongyeong gab es in der Stadt jedoch eine Demonstration gegen seine Rückkehr. Das ist der Schatten des ideologisch geteilten Landes. Solange Korea geteilt ist, wird der Name Isang Yun umstritten bleiben, und die ihm gewidmeten Gedenkfeiern werden immer wieder Anlass für politische Kontroversen sein. Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Heimkehr des koreanischen ‚Ulysses‘ die Solidarität zwischen Süd- und Nordkorea ermöglicht. Auch wird sich zeigen, wohin die in Deutschland hinterlassenen Spuren von Isang Yun – vor allem seine Manuskripte und das gegenwärtige Nutzungskonzept des Hauses - führen werden.  

Dieser Beitrag wurde Anfang Mai 2018 verfasst. 

 

Hinweis: Die Vollversion des Artikels in koreanischer Sprache finden Sie auf der Website von Le MONDE dilomatique unter dem Titel 윤이상의  영혼은 어디로 귀환했을까? (Yun Isang-ui yeonghon-eun eodi-ro gwihwan-haesseulgga?, Wohin wäre die Seele von Isang Yun zurückgekehrt?)
http://www.ilemonde.com/news/articleView.html?idxno=8731

Bild von Dr. Shin-Hyang Yun

Dr. Shin-Hyang Yun (Foto: privat)

Dr. Shin-Hyang Yun

Dr. Shin-Hyang Yun studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik an der Universität Freiburg i. Br. und promovierte an der Universität Köln in Musikwissenschaft (Ph.D.). Sie war Post-doc-Researcher am Korean Art Research Institute der Korean National University of Arts, Seoul, und Gastprofessorin an der Kyemyung University, Daegu. Seit 2011 lehrt sie an verschiedenen deutschen Universitäten, darunter an der Universität der Künste Berlin, an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Leipzig. Sie veröffentlichte in Korea Isang Yun. Musik auf der Grenzlinie (2005), zahlreiche Aufsätze über Isang Yun und Younghi Pagh-Paan sowie Kritiken über koreanische Musikkultur. Im Jahr 2017 wurde ihre deutsche Übersetzung von 한국음악 첫걸음 (deutscher Titel: In der Natur Pungryu genießen. Koreanische traditionelle Musik und ihre Instrumente, Kamprad/Youlhwadang, Autorin: Hye-Jin Song) publiziert.

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