Literatur

Wenn das Wasser kommt, muss man rudern!

Unser Gehirn sucht immer nach Erklärungen, wie die Welt funktioniert, wie wir selbst funktionieren und wie andere Menschen funktionieren. Doch wie zuverlässig sind diese Eindrücke? Dong-Seon Chang erklärt in seinem Buch „Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf“, wie unsere Wahrnehmung funktioniert, wie unsere Urteile zustande kommen und wie uns unser Gehirn dabei manchmal in die Irre führt.

Dong-Seon Chang
Erscheinungsjahr: September 2016
256 Seiten, Broschiert
ISBN 978-3-499-63135-1
14,99 €

Immer wieder sorgen Bilder für Streit im Internet, z.B. ein Foto von einem Turnschuh, den Betrachter entweder als rosa und weiß sehen oder für grau und türkis halten. Warum nehmen Menschen dieselben Dinge unterschiedlich wahr?

Den Neurowissenschaftler Dong-Seon Chang faszinieren solche Fragen schon lange. Er promovierte am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik über menschliche Wahrnehmung und gewann mehrere Science Slams. Bei diesen Wettbewerben präsentieren Wissenschaftler ihre Erkenntnisse unterhaltsam und leicht verständlich einem Laienpublikum, wofür sie meist nur zehn Minuten Zeit haben.

Daraus entstand Changs populärwissenschaftliches Buch „Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf“, in dem er die Frage nach der unterschiedlichen Farbwahrnehmung anhand eines Fotos beantwortet, das 2015 die Gemüter erhitzte, weil es die Netizens vor die Frage stellte: Ist das Kleid blau und schwarz oder weiß und gold?

Des Rätsels Lösung erklärt Chang so: „In der Realität ist das Kleid blau-schwarz. Aber darauf kommt es eigentlich gar nicht an. Der entscheidende Punkt ist, dass wir wirklich und wahrhaftig unterschiedliche Farbeindrücke wahrnehmen, obwohl die Lichtstrahlen mit der physikalisch exakt gleichen Zusammenstellung von Wellenlängen auf unser Auge treffen. 

Ein blau-schwarzes oder ein weiß-goldenes Kleid (Foto: Wikipedia)

Aus seinen Erfahrungen hat unser Gehirn gelernt, wie sich unterschiedliche Beleuchtungsverhältnisse auswirken, und es kompensiert die Effekte. Das geschieht automatisch, ohne uns zu fragen. Anstelle der physikalisch korrekten Farbe sieht es die «eigentliche» Farbe.

Für uns begeisterte Hirnforscher ist die Erkenntnis wichtig, dass unser Gehirn nicht einfach ein physikalischer Messapparat ist, sondern alle Bilder, die ihm das Auge schickt, mit den bisherigen Erfahrungen vermischt und deutet. Das passiert nicht nur beim Erkennen von Farben. Was wir sehen, liegt also weniger im Auge des Betrachters als vielmehr in dessen Gehirn. Um sich zurechtzufinden in einer vielgestaltigen Welt, muss es simple Annahmen auf der Grundlage weniger Hinweise treffen. Auch auf die Gefahr hin, danebenzuliegen. Wichtig ist, dass wir uns dessen bewusst sind.“

Eine rasche Deutung von Eindrücken nimmt das Gehirn z.B. auch vor, wenn wir anderen Menschen begegnen. „Ungefähres Alter, Geschlecht und Kulturkreis bzw. Ethnizität - das sind die Merkmale, die unser Gehirn auf einen Blick erfasst“, erläutert Chang. „Die Bewertung unseres Gegenübers findet innerhalb von Sekunden mit Hilfe des Bauchgefühls statt, das natürlich eigentlich im Gehirn gebildet wird. Dafür nutzt das Gehirn neben der Mimik weitere Signale wie zum Beispiel Körpersprache, Kleidung und Frisur sowie unbewusste Erfahrungswerte. Dadurch liegt es mit seiner Prognose häufig recht dicht an der Selbsteinschätzung des anderen. Schwierig wird das, wenn wir jemanden mit einer anderen Ethnizität beurteilen sollen.“

Diese Erfahrung hat Chang oft genug am eigenen Leib gemacht. „Kommst du aus China oder aus Japan?“, wird der in Heidelberg geborene Sohn koreanischer Eltern meistens gefragt, wenn er jemandem in Deutschland zum ersten Mal begegnet. Auch wurde er schon vom Bruder eines Freundes mit einem gemeinsamen chinesischen Bekannten verwechselt, dem er überhaupt nicht ähnelt. „Glauben Sie mir: Kein Asiate sieht wie der andere aus, wenn man weiß, worauf man achten muss“, beteuert Chang. „Der Punkt ist nur: Die meisten Europäer wissen es nicht. Ihnen fehlt die Erfahrung im Kontakt mit Asiaten. Haben Sie erst mal eine Weile in Korea, China oder Japan gelebt, stellt sich ihr Gehirn entsprechend ein“.

Allerdings fällt es nicht nur Deutschen schwer, Chang einzuordnen, sondern auch Koreanern. Als er während seiner Schulzeit einige Jahre in Korea lebte, wurde er an der Schule fast immer als „der aus Deutschland“ bezeichnet, obwohl er fließend Koreanisch spricht und sich aus seiner Sicht genauso verhielt wie seine Mitschüler. Das hat Chang neugierig gemacht auf die Mechanismen, nach denen wir einander beurteilen und nach denen sich Gruppen bilden. Warum unterscheidet unser Gehirn immer wieder zwischen «wir» und «die anderen»? „Was fremd ist, könnte gefährlich sein“, verdeutlicht Chang. „Auf alle Fälle ist es anders und gehört erst mal nicht dazu.“

Dabei kann unser Schubladendenken aber erstaunlich dynamisch sein, wie Chang anhand einer Beobachtung der Anhänger Barack Obamas und Hillary Clintons während der US-Präsidentschaftswahl 2008 zeigt: „Über Monate hinweg konnte man sich nicht ausstehen. Doch dann kam der Tag, an dem Obama nominiert wurde, und plötzlich war alle Rivalität wie weggeblasen. Die früheren Verfechter Clintons wechselten mit fliegenden Fahnen in das Lager Obamas über und wurden dort mit offenen Armen aufgenommen. Von einem Tag auf den anderen waren die beiden Gruppen miteinander verschmolzen, und es gab nur noch Demokraten. «Die anderen», das waren ab sofort die Republikaner.

Unser Gehirn ist also durchaus fähig umzudenken, und seine Schubladen neu zu etikettieren. Allerdings rostet diese Fähigkeit mit dem Alter zunehmend ein. Je mehr gleichartige Erfahrungen wir gesammelt und je länger wir mit unseren Kategorien gelebt haben, desto erbitterter hält unser Gehirn an seinem Ordnungssystem fest. Wenn wir dann noch in einem konstanten Umfeld mit einer homogenen Bevölkerung aufwachsen und dort zeitlebens geblieben sind, wird es richtig schwer. Wer niemals aus seinem Dorf herauskommt, entwickelt keine weltbürgerliche Toleranz. Das Gehirn sieht dann alles als fremd und gefährlich an.“

Was kann man dagegen machen? Chang empfiehlt folgendes Rezept: „Durch das Leben gehen und reisen mit offenen Sinnen. Viele verschiedene Menschen und Lebensweisen kennenlernen. Nicht fordern, dass alle und alles gleich sein müssen, sondern Unterschiede und Eigenheiten kennenlernen. Und das möglichst jung, solange das Gehirn noch informationshungrig ist. Auf diese Weise werden wir unser Schubladendenken zwar nicht los, aber uns stehen sehr viel mehr Schubladen zur Verfügung, und wir können neue Eindrücke bedeutend differenzierter zuordnen“.

Für Chang ist das Problematische am Schubladendenken: „Wir Menschen sind zu vielschichtig, um durch die Zugehörigkeit zu einer einzelnen Gruppe festgelegt zu werden. Schließlich ist jeder von uns Teil mehrerer Gruppen. Kennen Sie die Gruppen, in die ich gehöre, kennen Sie meine Persönlichkeit. Oder wenigstens einige ihrer wichtigen Facetten. Und das gibt ein Gefühl von Sicherheit!“ Sich selbst beschreibt Chang in seinem Buch so: „Ein junger Koreaner, ein Familienvater, ein Wissenschaftler, ein Science-Slammer und Lindy-Hop-Tänzer.“

Das Hobby Tanzen teilt er mit der dänischen Neurowissenschaftlerin und Psychologin Julia F. Christensen, mit der er gerade an dem gemeinsamen Buch „Tanzen ist die beste Medizin“ schreibt, das im Herbst 2018 veröffentlicht wird. Was beim Tanzen passiert, schilderte er mir bei einem Gespräch in Seoul folgendermaßen: „Man wird glücklich und es hat einen positiven Effekt gegen Demenz und Parkinson. Es gibt Studien, die zeigen, dass Tanzen einen größeren gesundheitlichen Nutzen hat als ins Fitnessstudio zu gehen und zu rennen oder zu trainieren, weil man sich mit anderen Menschen sozialisiert, Spaß hat und sich ganz viel bewegt. Und diese Kombination ist anscheinend sehr, sehr gesund.“

Sendung „Mysteriöses Lexikon des unnützen Wissens“ (Foto: tvN)


Sein erstes Buch wurde mittlerweile auf Koreanisch übersetzt und hat ihm letztes Jahr ein Engagement in der Fernsehsendung 알아두면 쓸데없는 신비한 잡학사전 eingebracht (kurz 알쓸신잡, was man mit «Mysteriöses Lexikon des unnützen Wissens» übersetzen könnte). „Das ist so eine Art Wissenssendung, kombiniert mit leckerem Essen und mit Reisen. Es ist momentan eine der populärsten Sendungen in Korea“, erzählte Chang, der seit März 2017 hauptberuflich für Hyundai arbeitet. In einem Zentrum für Zukunftstechnologien in der Provinz Gyeonggi-do werden innovative Technologien im Bereich Robotics und künstliche Intelligenz entwickelt. „Mein Forschungsgebiet ist ja: Wie nehmen wir Menschen wahr“, sagte Chang, der sich nun die Frage stellt: „Wie bringen wir Maschinen oder Robotern bei, wie sie Menschen wahrnehmen sollen? Das ist ein Gebiet, das zunehmend Wichtigkeit erlangen wird, denn ohne zu verstehen, wie Menschen andere Menschen wahrnehmen oder wie Menschen Maschinen wahrnehmen, kann man den Maschinen einfach nicht komplett die Fähigkeit geben, gewisse menschliche Fähigkeiten zu ersetzen.“

Seinen Beruf, seine Bücher, das Fernsehen und seine Familie zeitlich unter einen Hut zu bekommen ist nicht einfach für Chang, aber er äußerte sich dankbar über die Chancen, die sich ihm derzeit bieten, und verwies auf ein koreanisches Sprichwort: „Wenn das Wasser kommt, muss man rudern. Wie sagt man im Deutschen gleich noch? Wenn der Wind weht, muss man die Segel setzen“.

Weitere Informationen über Dong-Seon Chang unter:
www.dongseonchang.com

Bild von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008
bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016
war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Derzeit arbeitet er als
parlamentarischer Referent für Manfred Todtenhausen, MdB im Deutschen Bundestag.

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