Literatur

Wenn ein Kind 80 Jahre alt ist

                                            Die Schriftstellerin Ae-ran Kim stellte in Berlin ihr Werk vor

 

Arum ist 16 Jahre alt und sieht aus wie achtzig. Er leidet an einer äußerst seltenen Krankheit, nämlich an Progerie; darum verfällt sein Körper mit großer Geschwindigkeit. Wenn Ae-ran Kim ihren Roman „Mein pochendes Leben“ aus seiner Perspektive erzählt, geht es ihr nicht um Sensationen und auch nicht um Mitleid. Vielmehr überkreuzen sich in Arums Wahrnehmung die Zeiten. „Ich bin jetzt älter als mein Vater“, stellt er im Prolog des Romans fest. „Schaut mich mein Vater an, sieht er sich als Achtzigjährigen. / Schaue ich ihn an, sehe ich mich als Zweiunddreißigjährigen, / ein Alter, das ich niemals erreichen werde. / Die Zukunft, die nicht sein wird, und die Vergangenheit, die niemals war, / blicken einander an…“
Und wenn Arum „die Geschichte von sehr jungen Eltern und ihrem sehr alten Kind“ ankündigt, meint dies nicht nur das körperliche Alter. Sein Bewusstsein, bald sterben zu müssen, hat ihn weise gemacht, oder genauer: In ihm kommen mehrere Lebensalter zusammen. Er ist gleichzeitig der Jugendliche, der eine erste Liebe und den ersten Schluck Schnaps wagt, und der Greis, der dies alles zum letzten Mal erlebt. Sein Vater hingegen, der ihn als Jugendlicher recht unbedacht gezeugt hat, trägt jetzt die Verantwortung für das kranke Kind und erscheint doch im Vergleich immer noch kindisch.
Arum, jung und dem Tode nah, stellt sich seine Zeugung und Geburt in verschiedenen Versionen vor, die burlesk oder poetisierend sind. So gelingt es der Autorin, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen der Haupthandlung, die aufs absehbare Nichts hinsteuert, und humoristischen oder komischen Episoden.
 

Autorengespräch mit Ae-ran Kim im Koreanischen Kulturzentrum, 19.03.2018

Die Verfasserin ist 1980 geboren, studierte an der Korean National University of Arts Drehbuchschreiben, trat aber 2002 zuerst mit einer Kurzgeschichte an die literarische Öffentlichkeit. Seither ist die Erzählung ihre Domäne – schwer vorstellbar in Deutschland, wo die Verlage den Prosaautoren Romane abverlangen. Einer ihrer Erzählungsbände ist auf Deutsch 2014 unter dem Titel „Lauf, Vater, lauf“ erschienen. „Mein pochendes Leben“, Koreanisch 2011 und Deutsch 2017, ist ihr bislang einziger Roman.
Das Buch geht schnell zu lesen; aber für den aufmerksamen Beobachter, der genug Zeit mitbringt, gibt es doch eine Fülle sprachlicher Bilder. Arums Schicksal ist mit Ernst, doch ohne Pathos vorgestellt. Ae-ran Kim bewahrt die Würde des Kranken, heroisiert ihn dabei nicht. Das Hässliche bleibt weitgehend ausgespart. Gut ist, dass nicht jeder ausfallende Zahn mit naturalistischen Details beschrieben wird – wir alle werden das ohnehin erleben, und zwar früher als wir hoffen. Vielleicht könnte man einwenden, dass es im Buch fast nur gute Menschen gibt; dass der Tod Arums, der doch ein Schlusspunkt ist, relativiert ist, indem eine literarische Phantasie über die Liebe der Eltern dem folgt. Das spendet wahrscheinlich zu viel Glück und streicht den Verlust weg.

Die Autorin reiste im März nach Deutschland, trat auf der Leipziger Buchmesse auf und, im Anschluss daran, zweimal in Berlin. Bei der ersten dieser Veranstaltungen wurde im Koreanischen Kulturzentrum zunächst die Verfilmung des Romans gezeigt, die E J-yong 2014 mit prominenten Darstellern auf die Leinwand brachte. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Wiedergabe des Buchs. Literatur und Film sind unterschiedliche Gattungen, die unterschiedlichen ästhetischen Gesetzen folgen. E J-yong befasst sich denn auch nicht mit Arums Lesewut, die sich kaum in Handlung übertragen lässt, und konzentriert sich auf die Episoden, in denen die Personen etwas tun.
Das ist nicht einfach angesichts eines Romans, in der die Hauptfigur alt und schwach dem Tod entgegengeht und einen Großteil der Zeit im Krankenhaus verbringt. Also fügt das Drehbuch dem Roman einiges an Handlungen hinzu und verlegt manche Episoden aus dem Krankenhaus in die Außenwelt; am markantesten Arums Tod, den er nicht unspektakulär im Bett erleidet, sondern kurz vor Neujahr auf der Fahrt zur Feier am Seouler Bosingak. Emotional wirksam ist das allemal. Der Film nutzt die Vorgaben des Buches, um das Gefühl zu vermitteln, das bei Ae-ran Kim durchaus angelegt ist. Die Distanz, die sich in dem nüchternen Ton widerspiegelt, in dem Arum über sein Leben berichtet, tritt demgegenüber zurück.

Gespräch mit Ae-ran Kim im Anschluss an die Literaturverfilmung von „Mein pochendes Leben" („My Brilliant Life")

Katharina Borchardt befragte die Autorin, die sich immerhin in ihrem Studium mit Kino und Fernsehen befasst hatte, nach ihrem Verhältnis zu diesem Film. Kim Ae-ran beschwerte sich nicht über die Änderungen. Vielmehr berichtete sie, wie sie den Filmleuten ganz vertraut habe und neugierig auf das Ergebnis gewesen sei. Tatsächlich kommt, wie sie betonte, das Ineinander der Zeiten auch im Film vor. Durch die Figur des alten Herrn Jang, dem Freund des jung-alten Arum, sah sie das Gleichgewicht von Ernst und Komik, das ihr Buch auszeichnet, auch im Film gewahrt.
Vor allem beschrieb sie ihre Neugier, wie denn ein Roman, der wenig an äußerer Handlung aufweist, zu verfilmen war. Ae-ran Kim kennt die Probleme der Gattung – etwa als es um die Frage ging, wie das uralte Kind, das man sich als Leser nur vorstellt, im Kino zu sehen ist. Täglich stundenlanges Make-up kann helfen, doch wichtig beim Casting war der Ausdruck der Augen, die nicht zu schminken gehen.

Lesung und Autorengespräch mit Ae-ran Kim am 20.03.2018 in der Buchhandlung Fräulein Schneefeld & Herr Hund

Bei der Lesung am folgenden Tag, in der Berliner Buchhandlung „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“ war auch Kims deutsche Verlegerin Katja Cassing anwesend. Cassing, die in ihrem Cass Verlag eigentlich japanische Literatur publiziert, beschrieb, wie die Qualität von Ae-ran Kims Texten sie davon überzeugte, sich auch auf unbekanntes Gebiet zu wagen. Resultat war zunächst „Lauf, Vater, lauf!“, dem drei Jahre später der Roman folgte. Cassing las auf Deutsch Auszüge aus beiden Büchern; Katharina Borchardt befragte die Autorin erneut, diesmal zu ihrem Schreiben und wie sich dies entwickelt.

Ae-ran Kim (Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Kim betonte, dass sie beim Schreiben nicht an das Echo auf dem internationalen Buchmarkt denkt. Doch ist ihr die Begegnung zwischen Sprachen wichtig, auch die Beobachtung bei Lesungen, an welchen Stellen das Publikum wie reagiert. Sprache und Wörter überhaupt sind für ihr Schaffen zentral. Die Arbeit mit Sprache verglich sie mit Wortkärtchen, die sie zerknüllt und so ihre Kontaktfläche vergrößert – ähnlich wie Lungenbläschen in der menschlichen Lunge die Fläche, durch die Sauerstoff aufgenommen wird, vervielfachen.
Es war der Dolmetscherin Irene Maier zu danken, dass der deutschsprachige Teil des Publikums nicht einfach Inhalte mitgeteilt bekam, sondern erfahren konnte, wie stark das Denken Ae-ran Kims durch solche Metaphern bestimmt ist. Kim berichtete auch über die Familienordnungen, um die es immer wieder in ihren Texten geht, vor allem über die Vaterfiguren, die manchmal lächerlich sind, immer aber Interesse auf sich ziehen. Der kindliche Blick, den sie immer wieder als Schreibperspektive wählt, ist dabei – aus ihrer Sicht – ein unschuldiger Blick.
Jedenfalls bemerkt Kim, wie sie ernster wird. Das Schreiben fällt ihr schwerer, der Humor und damit die unbedingte Identifikation mit unschuldigen Figuren schwinden. Bei einer Autorin, die noch keine vierzig Jahre zählt, wäre die Rede von einem Spätwerk verfrüht. Doch kann man gespannt erwarten, wie Ae-ran Kim die literarischen Mittel, die sie sich angeeignet hat, einsetzt, um Konflikte in größerer Härte zu entwickeln.

Bild von Dr. Kai Köhler

Foto: privat

Dr. Kai Köhler

Dr. Kai Köhler, Literaturwissenschaftler und Publizist, lebt in Berlin.

Ähnliche Beiträge

Literatur

Kleine Brüche mit der großen Norm

„An guten Tagen siehst du den Norden“ - Ein Reiseführer der besonderen Art

Literatur

Zweimal sieben Jahre Nacht in Berlin - „Der Knopf zur Hölle“

Über den Thriller „Sieben Jahre Nacht“ von Jeong Yu-jeong und ihre zwei Lesungen in Berlin

Literatur

Wenn das Wasser kommt, muss man rudern!

Über Dong-Seon Chang und sein Buch „Mein Hirn hat seinen eigenen Kopf“