Musik

„... wie die Wurzeln eines großen, alten Baums“

Interview mit der Pianistin, Sängerin und Songschreiberin Younee
 

Foto: ArtOfNat und Na-Young Lee

Younee ist eine koreanische Pianistin, Sängerin und Songschreiberin, die sich stilistisch zwischen Klassik, Jazz und Pop bewegt. Im Alter von drei Jahren begann sie ihre musikalische Ausbildung, die sie mit einem Bachelor im klassischen Piano an der renommierten Yonsei University in Seoul abschloss. Nachdem sie in Korea als Musikerin und Songkomponistin brillierte und zum Medienstar aufstieg, ging sie 2010 in Großbritannien mit Größen der britischen Jazz-Szene auf Tournee. Seit zwei Jahren lebt sie in Deutschland, wo sie 2014 ihr neues Album „Jugendstil“ veröffentlichte. Darin befreit sie Werke der Klassischen Musik von ihrem „verstaubten“ Image und adaptiert sie für die Gegenwart, um ein ganz eigenes, zeitgemäßes Hörerlebnis hervorzubringen. 2016 startet ihre Deutschland-Tournee. 

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Sie werden als ,Grenzgängerin zwischen Klassik, Pop, Rock und Jazz' bezeichnet. Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen die Klassische Musik nicht genug ist und Sie gern neue Wege gehen möchten?

Ich habe die Klassische Musik immer ernst genommen und habe nicht zum Jazz, schon gar nicht zum New-Age-Jazz, gewechselt. Ich schöpfe aus der Klassischen Musik Ideen für meine Musik, die versucht, alle Begrenzungen durch Genres aufzuheben und Neues zu kreieren. Seit meiner Jugend sind in meinem Kopf musikalische Ideen miteinander verflochten wie die Wurzeln eines großen, alten Baums. Wenn ich Chopin spiele, lassen sich auch Jazzharmonien darin erkennen, oder wenn ich Beethoven spiele, hört man auch energiegeladenen Rock. Ich liebe die Freiheit im Jazz, die coole Haltung, die eingängige Struktur, den Ohrwurm-Charakter im Pop, aber meine Heimat war und ist die Klassische Musik.

In Korea sind Sie ein Star. Anstatt sich auf Ihren Erfolgen auszuruhen, beschlossen Sie, nach Großbritannien zu gehen und sich dort weiterzuentwickeln. Wie kam es dazu?

Obwohl ich zu Hause in Korea große Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten habe, trieb mich die Sehnsucht nach meiner Musik. Denn ich wollte herausfinden, welche Möglichkeiten ich jenseits der koreanischen Musikszene habe. Ich glaube, dass diese vagen Ideen und die Neugierde auf die Welt mir neue Horizonte eröffnet haben. Nachdem ich in Korea das zweite Pop-Album herausgebracht hatte, erhielt ich die Chance, großartige Jazzmusiker/innen aus der ganzen Welt zu treffen und mit ihnen zusammen im Konzert zu spielen. Dann lernte ich einen bekannten Produzenten aus London kennen und beschloss, nach England zu gehen, wo ich das Pop-Crossover-Album „True To You“ produziert habe.

Ihre Zeit in Großbritannien, in der Sie in die britische Jazzszene eintauchten, muss sehr spannend gewesen sein. Wie hat diese Periode Ihre künstlerische Karriere geformt?

Ich habe mein Album mit zahlreichen großartigen Musikern wie Gary Husband, Nigel Hitchcock, Richard Cottle, Derek Watkins und Robert Rickenberg in London aufgenommen. Dann bin ich mit dem Album durch viele renommierte Jazz-Veranstaltungsorte und -Festivals (wie z. B. Pizza Express Jazz Club606VortexStables100 ClubSteinway Festival) getourt. Auch hatte ich verschiedenste Auftritte in den Medien (z.B. bei BBC Jazz Line UpBBC Woman’s HourBBC Sue Marchant Show und vielen mehr). Alle diese Erfahrungen haben mich beflügelt. Es war wie eine Reise zu meiner eigenen Musik und auch eine Herausforderung für mich. Schon immer war ich fasziniert davon, durch meine Musik neue Zuhörer/innen anzuziehen.

Foto: Na-young Lee

Seit einigen Jahren ist Deutschland Ihre Wahlheimat. Warum gerade Deutschland?

In Korea sagen wir: ‚kurioses Schicksal‘. Das war nicht geplant. Deutschland ist die Heimat der Klassischen Musik, die auch meine Heimat ist. Auch fühle ich, dass die deutsche Kultur sehr offen für neue Versuche ist. Ich liebe die deutsche Mentalität, die sich durch eine hohe Wertschätzung der Kunst auszeichnet. Während meiner Tour durch Großbritannien sah mein jetziger Manager einen meiner Live-Auftritte. Er hat daran geglaubt, dass meine Musik in der Klassik-Szene wie ein frischer Wind wirken könnte. Da habe ich mich entschieden, dass ich als Künstlerin mit diesem Management zusammenarbeiten möchte.

2014 haben Sie Ihre erste ,deutsche‘ CD mit dem Titel „Jugendstil“ herausgebracht. Was zeichnet dieses Album aus, und warum haben Sie sich für diesen Titel entschieden?

Jugendstil ist ja eine kunstgeschichtliche Epoche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sein Motto ist meinem wirklich sehr ähnlich: Obwohl ein Kunstwerk ästhetisch ansprechend sein sollte, existiert die Kunst nicht exklusiv für die Kunst; sie muss ein Teil von unserem alltäglichen Leben sein. Auch denke ich, dass Musik und Leben in klassischen Vibes verschmelzen sollten.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Beethovens 5. Sinfonie ist sehr beeindruckend, aber auch sehr lang; deshalb können wir uns nicht alle Töne merken. Wir brauchen viel Zeit, um das gesamte Werk zu hören. Deswegen war es mir wichtig, das schöne Thema der Sinfonie zu verwenden und die Klassische Struktur mit modernen Elementen wie groovigen, jazzigen Harmonien und rockigen Energien aufzumischen.

Foto: Fulminant Music

Foto: Fulminant Music

Bereits im jungen Alter von drei Jahren begannen Sie mit Ihrer musikalischen Ausbildung. Welchen Stellenwert hatte die Musik in Ihrer Familie?

Als Dreijährige entdeckte ich im Kindergarten ein Klavier. Ich spielte darauf Melodien, die ich hörte: Kinderlieder und Titelsongs von Comicserien. Weil es aber zu Hause kein Klavier gab, malte ich die Tastatur auf ein Papier und übte auf dem Papierklavier. Ich hatte den Klang im Kopf. Am nächsten Tag konnte ich dann im Kindergarten auf dem richtigen Klavier besser spielen.

Als Schülerin war ich immer von Müdigkeit geplagt. Aber die Musik wirkte wie eine Oase auf mich. Meine Mutter hat mich an gute Rock- und Popmusik der Siebziger (z.B. Deep Purple, Led Zeppelin, The Who und andere Gruppen) herangeführt. Obwohl ich Klassische Musik im Hauptfach studiert habe, konnte ich dank meiner Mutter ganz verschiedene Musikrichtungen aus aller Welt kennenlernen.

Ihre Biografie ist immer wieder von Veränderungen und Umbrüchen geprägt. Welches Projekt planen Sie als nächstes?

Das ist noch geheim, aber eins kann ich jetzt schon verraten: Ich werde auch singen.

Gibt es ein bestimmtes Motto, nach dem Sie leben?

Keine Angst zu haben, Grenzen zu überschreiten und neue Wege zu gehen – alle diese Dinge spielen in meinem Leben eine wichtige Rolle. Am aufregendsten ist es für mich, neue Stile in der Musik zu entdecken.

Meine Kunst ist auch eine Reise zu mir selbst. Wenn wir uns selbst am nächsten gekommen sind, fühlen wir uns am wohlsten. Denn die Authentizität ist die einzig existierende, ehrlichste und wichtigste Schönheit.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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