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                    Education First ist ein Bildungsgigant und eröffnet Horizonte für Weltbürger

                                  - Im Gespräch mit Niklas Kukat, Geschäftsführer von EF in Deutschland -

Etwa 6500 Sprachen gibt es heute auf dem Globus, neun davon hat EF (Education First) im Angebot, eine davon ist Koreanisch. Bei EF, der weltweit größten privatwirtschaftlichen Bildungsinstitution mit 46.500 Beschäftigten, lernen Menschen aus der ganzen Welt in 50 Schulen auf der ganzen Welt neun der vielleicht interessantesten Sprachen von der Welt. Aber sie lernen nicht nur in Schulen, sondern auch in Gastfamilien, beim Wandern oder Tempelbesuch, denn „Sprache lebt nicht nur vom Vokabular, sondern ist Teil der Kultur“, sagt Niklas Kukat, Geschäftsführer von EF in Deutschland. Ohne die Berührung mit der Ess-, Religions- oder Alltagskultur des jeweiligen Landes ist der Erwerb von Fremdsprachenkompetenz nurmehr Wissensakkumulation mit bleibenden Verständnislücken. „Heute ist Erlebnislernen einer der Eckpfeiler moderner Bildung“, erfahren Interessenten auf der Website, die im konkreten Fall dann eine „Sprachreise“ machen, keinen „Sprachkurs“. Das Programm wird je nach individuellen Bedürfnissen zusammengestellt. Für etwa 2000 EUR bekommt man drei Wochen Intensivprogramm inklusive Wohnheim – und je nach Destination womöglich sogar inklusive Flugkosten. Wer in einer Gastfamilie leben und weniger intensiv lernen möchte, kann den Geldbeutel entsprechend schonen.

"Erlebnislernen": Sprachpraxis kann auch am Strand erworben werden. (Alle Fotos: EF Education First)

Was als „Mut zur Lücke“ begann, hat sich in kürzester Zeit zum Erfolgsmodell entwickelt, bilanziert Kukat die Resonanz auf das Sprachangebot Koreanisch nach Eröffnung der Sprachschule in Seoul Ende 2017. Die Idee, Koreanisch ins Programm aufzunehmen, wurde bei den alljährlichen Managementmeetings schon seit längerem erwogen. Relevanz und Attraktivität des jeweiligen Sprachangebots sind ausschlaggebende Faktoren für die Auswahl, denn das Unternehmen will noch größer werden als es ohnehin schon ist und „Mit Bildung neue Horizonte eröffnen“, so das Credo. Ein solcher Entscheidungsprozess wird also begleitet von der Frage, ob Schüler*innen oder Studierende nach Korea fliegen oder doch lieber Mandarin-Chinesisch lernen wollen. Die Antwort bleibt zunächst hypothetisch und die Umsetzung ein Wagnis. Die Entscheider wissen, dass bei den bildungshungrigen Weltbürgern die Diskrepanz zwischen Vorwissen und dem tatsächlichen Erleben vor Ort zuweilen größer ist als vermutet. Descendants of the Sun und K-Pop zeichnen ein buntes und überdimensioniertes Bild von Korea, das vor Ort durchaus verwässern und zum Mosaikstein schrumpfen kann. BTS und Black Pink sind nicht Korea, sondern nur ein Teil von Korea. Auch wenn EF in den Abreiseunterlagen deutlich darauf hinweist, dass Offenheit für das Andere unabdingbar und deutsche Standards eben deutsche Standards sind, bleibt ein Kulturschock eine nicht kalkulierbare Größe, die es dennoch zu kalkulieren gilt, wenn bei EF Entscheidungen über das Bildungsangebot getroffen werden.

Kukat jedenfalls war überrascht über das rege Interesse an und das Wissen der Deutschen über Korea, diesem Land zwischen K-Pop, Comics und Galaxy. „Dank Samsung und anderer großer Marken war Korea in den letzten fünf bis zehn Jahren sehr viel präsenter als andere Länder Asiens“, erklärt er. Es sind vor allem junge Menschen, die sich für Korea interessieren; etwa 80 Prozent der Kunden seien zwischen 16 und 24 Jahre alt: K-Pop, Comics, Galaxy – wie gesagt. Dass es einen Markt für Koreanisch gibt, hat er immer gewusst, mit seiner Prognose aber lagen er und seine Team-Kollegen falsch. Die 100 Kunden, die ihrer Einschätzung nach im ersten Jahr nach Korea fliegen und die Sprache lernen würden, waren bereits in den ersten drei Monaten seit Eröffnung der Sprachschule nach Seoul geflogen. „Salopp gesagt: die Kunden rennen uns die Bude ein.“

Modernste Lernatmosphäre wie hier in Seoul herrscht an den über 50 EF International Language Campuses weltweit.

An den weltweit etablierten 50 Schulen lehren Muttersprachler in ihrer Muttersprache. In Seoul unterrichten Koreaner also Koreanisch und erlauben nur in Notfällen die Zuflucht ins Englische. Grundlegend seien die Lehrenden dahingehend geschult, Lerninhalte ohne derlei ‚Rettungsringe‘ zu vermitteln. „Fundamentales Wissen wird ohne Rückgriff auf eine andere Sprache schneller erlernt“, sagt einer, der es wissen muss.

„Education First“ klingt ein wenig wie „America first“ und meint genau das Gegenteil. In Zeiten weltpolitischer Ungewissheiten sind Initiativen zur Überwindung kultureller Hürden und Vorurteile umso wichtiger. „Wir müssen die Welt ein bisschen näher zusammenbringen“, ist Kukat überzeugt und erzählt von Kunden, die mit Trotz auf Trumps Politik reagieren und ihre Kinder nun für Sprachaufenthalte in Kanada anmelden. Andere handeln getreu dem Motto: „Jetzt erst recht!“ und senden mit ihren Kindern die jüngsten Botschafter für Weltoffenheit eben gerade in die USA. Ob nun mit oder ohne eine Prise politischer Ambition, das globale Interesse an Bildungsaufenthalten im Ausland hat in den letzten Jahren immens zugenommen. „Insbesondere koreanische Eltern legen sehr viel Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Kinder“, die an Universitätsvorbereitungskursen in Europa, Australien oder in den USA teilnehmen, um dann für ein Hochschulstudium an einer Universität des jeweiligen Landes zugelassen zu werden. „Opening the world through education“ ist die Antwort von EF auf dieses verstärkte Bedürfnis. Das Unternehmen ist ein Global Player und wächst proportional zum Grad der Globalisierung und der Überzeugung, dass die Zukunft in Internationalisierung und interkulturellem Austausch liegt und nicht im Gegenteil.

Mehr noch: EF ist vor Ort, wann immer Fremdsprachenkompetenz die Voraussetzung für einen reibungslosen Ablauf von Großereignissen wie beispielsweise die Olympischen Winterspiele PyeongChang 2018 ist. Zur Unterstützung des Nationalen Olympischen Komitees Südkoreas (Korean Olympic Committee) und des IOC hat der Bildungsexporteur im Vorfeld der Spiele Schüler, Lehrer, Freiwillige und Helfer aller Art geschult, um die Sprachkompetenz im Englischen auf sämtlichen Ebenen zu erhöhen und sogar sportbegeisterten Touristen den Weg erklären zu können. Die gesamte Bevölkerung sollte in dieses Vorhaben einbezogen werden, um das Bewusstsein für die englische Sprache zu erhöhen und die Welt willkommen zu heißen. „Wir haben uns als Firma mit dem IOC zusammengetan und den olympischen Gedanken – Sport verbindet – auf unsere Zielvorgabe übertragen: Sprache verbindet. Was für das IOC der Sport ist, ist für uns die Sprache, die Bildung.“

London: Auch die Sprachanwendung in der Freizeit gehört zum EF-Konzept.

Der Bildungsgigant ist in 116 Ländern der Welt präsent und mit 580 Schulen / Büros in 53 Ländern tätig. Diese Präsenz schließt Länder wie Libyen oder Angola ein, die nicht durch Regionalbüros vor Ort, sondern durch lokale Stellen in anderen Ländern betreut werden. Im Übrigen irrt, wer glaubt, dass sich das Sprachangebot auf Schüler*innen, Abiturient*innen, Studierende, junge und ältere Erwachsene, Berufstätige & Führungskräfte, auf die Option mehrmonatiger „Sprachaufenthalte mit examens-, universitäts- oder berufsvorbereitendem Fokus“, auf Sprachtrainings für Unternehmen, für den öffentlichen Dienst oder Online-Angebote beschränkt. Der unternehmerische Eifer der Wissensvermittlung erstreckt sich auf Bildungsformate wie Schüleraustausch, AuPair-Programme, Privatschulen und Internate sowie Hochschulen im Ausland mit Abschlussoptionen für einen Bachelor, Master oder MBA.

Einen langen Weg hat das Unternehmen seit den Anfängen 1965 zurückgelegt, als EF noch Europeiska Ferieskolan („Europäische Ferienschule“) hieß und der Schwede Bertil Hult damit das Konzept der Sprachreise erfand. Im Ergebnis seines Englandaufenthaltes Anfang der 1960er Jahre war er zu der Überzeugung gelangt, dass es effektiveres Lernen gäbe als den heimatlichen Unterricht im Klassenzimmer. Auf seine Initiative hin reisten im Sommer 1965 erstmals 407 schwedische Oberstufenschüler nach Großbritannien, um in den Ferien Englisch zu lernen. Erst in den 1990ern wird das Unternehmenskürzel offiziell in „Education First“ geändert, um „die Evolution der Organisation in ein globales Bildungsunternehmen deutlich“ zu machen, wie auf der Website zu erfahren ist. Schnell war EF den Kinderschuhen entwachsen und ist innerhalb eines halben Jahrhunderts so groß geworden, dass es heute nicht weniger ist als ein „World Leader in International Education“. EF hat das Paket aus Sprache, Bildung, Reise und Kulturaustausch geschnürt und Erlebnislernen zum Programm gemacht. Freude als Motiv für Spracherwerb und Lernen in Disney World von Orange County – vielleicht gerade dort und jetzt erst recht …!
 

Weiterführende Informationen:
https://www.ef.de/

 

 

Niklas Kukat begann seine internationale Karriere mit einem Schüleraustausch in Amerika. Vom Auslandsvirus infiziert, studierte er in Holland und Singapur. Seine Berufskarriere begann in Singapur und führte ihn mit dem Brauereikonzern Carlsberg-Gruppe über Dänemark und Hamburg in die Schweiz. Dort lernte er 2009 EF kennen. In der Luzerner Zentrale arbeitete er als Regional Sales Manager von 2010 bis 2013 für den Bildungs- und Reisedienstleister. Seit 2013 ist Niklas Kukat Geschäftsführer von EF in Deutschland.

 

 


 

Bild von Dr. Stefanie Grote

Foto: privat

Dr. Stefanie Grote

Redaktion "Kultur Korea"

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