Sonderausgabe 2020

Wörter im Spiegel

Skizze Innerkoreanische Grenze - Don Mee Choi

the waist of a nation / the 38th parallel north (© Don Mee Choi)

Die Dichterin und Übersetzerin Don Mee Choi über Zeugnisse des Grauens und die Ewigkeit von Krieg und Teilung
 

Don Mee Choi ist eine Frau der leisen Worte. Sie spricht mit Ruhe und Bedacht, was weder die Kraft ihrer Botschaften noch die Wucht ihrer Kritik mindert - im Gegenteil. Hinter dieser Bedachtsamkeit verbirgt sich der Impetus eines Menschen, der mit offenen Augen durch Zeiten und Welten gelaufen ist und zu vermitteln vermag, was Krieg, Unterdrückung und Teilung bedeuten - und Trennung und Heimweh und Fremde auch.

DMZ COLONY - Taschenbuch

Taschenbuch:
132 Seiten

Verlag: Ingram Publisher Services
(7. April 2020)

Sprache: Englisch
ISBN-10: 194069695X
ISBN-13: 978-1940696959
13,73 €

„DMZ COLONY” lautet der Titel ihres Buches und der Ausstellung dieses Buches („Exhibition of a book”). Neun Buchstaben als vereinfachte und symbolische Kurzform der jüngsten Geschichte, erklärt Don Mee Choi im Interview. Das Buch ist ein Kunstwerk für sich, eine ästhetisch vertiefende Aufbereitung des Inhalts in schwarz-weiß. Ein Potpourri autobiografischer Ein- und Rückblicke auf die Tragik der koreanischen Geschichte im 20. Jahrhundert, eine Vielfalt des Appells in Zeichnungen und Gedichten von Waisen und Inhaftierten, in Fotografien aus dem Bestand ihres Vaters, der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte dokumentierte, ein Zeugnis des Erzählens von vergangenem Schrecken - ein Abbild der Schonungslosigkeit, ein Mahner. „Die Lyrikerin … kehrt für ihr jüngstes Projekt zurück in die DMZ, die entmilitarisierte Zone an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea, um verbannte Erinnerungen freizulegen.”[1]

Eindrücklich werden diese Erinnerungen am Abend der Vernissage in der Kreuzberger daadgalerie im Rahmen der Performance-Lesung des Künstler-Duos Don Mee Choi und David Moss[2] vorgetragen: Akustische Verzerrungen, Überhöhungen, Dehnungen, Tiefen des Abgrunds in der Bass-Stimme von Moss und Überschneidungen der Rezitationen erzwingen Aufmerksamkeit für die Verlautbarung. „Dear angels, I speak to you today about the importance of nation, a nation that’s not a nation. (...) Now we must address our eternity. (…) Our eternity of war! Who are we, really?”[3] Diese ,Ewigkeit des Krieges’, der 1953 durch ein Waffenstillstandsabkommen, aber niemals durch einen Friedensvertrag beendet wurde, diese ‘Ewigkeit des Krieges’, der die innerkoreanische Teilung zementierte - bis heute. Soweit die Fakten. „Es war aber mehr als nur eine physische Teilung”, erklärt Don Mee Choi, „es war vor allem eine ideologische, die mit Hilfe einer polarisierenden Rhetorik das Denken einer Nation prägen und die repressive Politik Südkoreas von den 1960er - 1980er Jahren legitimieren sollte.

DMZ COLONY / DON MEE CHOI

DMZ COLONY / DON MEE CHOI, Vernissage am 11.3.2020 in der daadgalerie (Berlin-Kreuzberg) (Foto: Stefanie Grote)

Ihre Zeichnungen muten so leise an wie ihre Worte und sind von vergleichbarer Vehemenz - für den, der Geduld hat für den zweiten Blick. 300 Frauenkörper reihen sich aneinander, skizzenhaft konturiert, ausgemalt mit blauer Wasserfarbe. Sinnbild für 300 in Haft genommene Frauen, willkürlich ausgewählt und keines Vergehens schuldig, mit blauen Körpern irgendwann... „(BLUE x 300!)“, Zeiten der Diktatur. Kafka. Als Don Mee Choi vor drei Jahren im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Kafka-Ausstellung besuchte, kam ihr seine Erzählung „In the Penal Colony” (,In der Strafkolonie’) ins Gedächtnis, in der er über Folter spricht. „Das war der Moment, in dem ich entschied, meinem Buch den Titel DMZ COLONY zu geben.”

BLUE x300!
BLUE x300!

(BLUE x300!) (© Works from DMZ Colony, copyright 2020 by Don Mee Choi. Used with permission of the artist and Wave Books.)

DMZ COLONY - dahinter verbirgt sich neben der Botschaft der Teilung und deren bitteren Konsequenzen auch die einer militärischen, politischen und wirtschaftlichen Präsenz der USA in Südkorea seit 1945, die Don Mee Choi auch als Dominanz versteht und in den Begriff „Neo-Colony” kleidet. Der Umstand, dass im Krieg von 1950-1953 Koreaner gegen Koreaner gekämpft haben, sei nur ein Teil der Begründung für die fortwährende innerkoreanische Teilung, das US-Interesse am Fortbestand seiner militärischen und geopolitischen Macht in Asien der wesentliche andere, ist sie überzeugt.

Ihr Verhältnis zu den USA ist ambivalent. Als sie 10 Jahre alt war, ist ihre Familie vor der Unterdrückung aus Südkorea zunächst nach Hong Kong geflohen. „I didn’t know the curfew was a curfew till my family escaped from it in 1972 … That’s how big the darkness was.”[4] Später hat Don Mee Choi in den USA Kunst studiert und lebt nunmehr seit 30 Jahren dort, ist längst eingebürgert. Anders als die Amerikaner, die den Begriff der Identität als eine Frage der Herkunft verstünden und auf die Kategorien „weiß” oder „schwarz” oder „Asian-American” begrenzten, definiert die Autorin Identität als „historisches Ich” - ein Produkt dessen, was wir erlebt haben. „Identität wird mit unserer Geschichte ausgeprägt. Ich bin Nomadin.”

Don Mee Choi

Don Mee Choi (Foto: Jay Weaver)

Don Mee Choi ist Lyrikerin, Künstlerin und eine bekannte und geschätzte Übersetzerin moderner koreanischer Dichterinnen ins Englische. Der Akt des Übersetzens ist für sie mehr als die Übertragung von Wörtern der einen in eine andere Sprache. „Translation is an anti-colonial mode. (...) In 1945, it took less than thirty minutes for order words to be carried out, to divide the country I was born in, along 38th parallel north. Order words compel division, war and obedience around the world. But other words are possible. Translation as an anti-colonial mode can create other words. I call mine mirror words. Mirror words are meant to compel disobedience, resistance. Mirror words defy neocolonial borders, blockades. (...) Now look at your own words in a mirror. Translate, translate! Did you? Do it again, do it!” [5]

Auf die Frage, ob sie ihre Berufung (und es ist nicht weniger als das!) als Übersetzerin als Vehikel zur Kommunizierung von Ungehorsam einsetze, verweist sie auf die Kraft der Dichtung an sich, die darin bestehe, die Sprache der Macht („order words”) zu hinterfragen, ihr etwas entgegenzusetzen - etwas, das uns dazu verhilft, andere Wege des Seins zu erkennen. „Ich habe so viel über Zerstörung, Folter und Genozid geschrieben, und all diese Dinge werden durch Sprache Realität, durch Befehle, durch die verbale Entmenschlichung eines Gegners. Der Folter und der Vernichtung geht der Befehl voraus! Wörter also. Die Sprache spielt eine signifikante Rolle bezüglich unserer Sichtweise auf andere. Mit der Sprache der Dichtung müssen wir uns dieser Art des Sprachgebrauchs, der Anordnung von Zerstörung, widersetzen. Übersetzung ist auch eine Übersetzung unserer Geschichte und unseres Verständnisses von Geschichte”, erklärt sie im Gespräch.

DMZ COLONY - mit dem Titel hinterfragt Don Mee Choi auch den Aspekt der Souveränität eines Landes wie Korea, das von zwei Großmächten gelenkt wurde. „I’ll leave it up to your imagination, …, whether a divided country is a country or not… .” [6] 
Wiedervereinigung sei denkbar, sagt diese leise Frau mit den lauten Botschaften, weil sie an Wahrheit und Versöhnung glaubt und an die Möglichkeit einer reflektierten Erinnerung und Aufarbeitung von Kriegsgräuel, „die wir einander angetan haben”. Ihr Buch handelt von der Erinnerung, und „Erinnerung hat mit Rückkehr an einen bestimmten Ort zu tun, und der Ort dieser Rückkehr ist die DMZ”, sagt sie, schreibt sie und beendet sie ihr umfassend erschütterndes und mutiges Werk mit den Worten „See you at DMZ!”

[1] Flyer zur Ausstellung „DMZ COLONY”, daadgalerie / Berlin (planungsgemäß: 12.3. - 25.3.2020)
[2] David Moss, Komponist und ehemaliger Gast des Berliner Künstlerprogramms des daad
[3] Don Mee Choi: „DMZ COLONY”, S. 121. Seattle: Wave Books [2020]: ,Liebe Engel, heute spreche ich zu euch über die Bedeutsamkeit der Nation, einer Nation, die keine Nation ist. (...) Nun müssen wir uns unserer Ewigkeit zuwenden. (...) Unserer Ewigkeit des Krieges. Wer sind wir wirklich?’ (Inoffiz. Übersetzung)
[4] Ebd, S. 16: ,Ich wusste nicht, dass die Ausgangssperre eine Ausgangssperre war, bis meine Familie 1972 davor geflohen ist … So tief war die Dunkelheit.’ (Inoffiz. Übersetzung)
[5] Ebd, S.99: ,Übersetzung ist eine anti-koloniale Form. (...) 1945 hat es weniger als 30 Minuten gedauert, um Befehlswörter in die Wirklichkeit zu übertragen, um das Land, in dem ich geboren wurde, nördlich des 38. Breitengrades zu teilen. Befehlswörter erzwingen Teilung, Krieg und Gehorsam in der ganzen Welt. Aber andere Wörter sind möglich. Übersetzung als eine anti-koloniale Form kann andere Wörter erschaff en. Ich nenne meine Spiegelwörter. Spiegelwörter sollen Ungehorsam erzwingen, Widerstand. Spiegelwörter widersetzen sich neokolonialen Grenzen, Blockaden. (...) Nun schau auf deine Wörter in einem Spiegel. Übersetze, übersetze! Hast du? Tu es wieder, tu es!’ (Inoffiz. Übersetzung)
[6] Ebd. S. 23: ,Ich werde es Ihrer Fantasie überlassen, …, ob ein geteiltes Land ein Land ist oder nicht.... .’ (Inoffiz. Übersetzung)



* In dieser Rubrik veröffentlichen wir fortlaufend bis Ende des Jahres sämtliche Beiträge aus der gedruckten Sonderausgabe 2020 von  „Kultur Korea"  zu den Themen  Koreakrieg, Teilung und Wiedervereinigung. 

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