Literatur

Zweimal sieben Jahre Nacht in Berlin - „Der Knopf zur Hölle“

Literatur-Talk mit Jeong Yu-jeong

LITERATUR-TALK mit Jeong Yu-jeong im Koreanischen Kulturzentrum, 5. Sept. 2018
Podium (v.l.): Irene Maier (Dolmetscherin), Jeong Yu-jeong (Autorin), Dr. Sabine Vogel (Moderatorin), Dorothee Krüger (Sprecherin)

 

Als ich gefragt wurde, ob ich einen kurzen Text über den Roman „Sieben Jahre Nacht“ von Jeong Yu-jeong und über die beiden Lesungen der Autorin in Berlin schreiben wolle, war ich zunächst skeptisch. Könnte ich einen koreanischen Thriller besprechen? Der Name der Autorin war mir kein Begriff, wie ich gestehen muss, wenngleich ich mich für eine halbwegs versierte Krimileserin halte. Meine anfänglichen Zweifel waren, wie sich bald herausstellte, unbegründet. Ich war schon von den ersten Seiten hingerissen. Von der schier unerschöpflichen Fantasie der Autorin und ihrem gleichzeitig äußerst präzise beschreibenden Stil.

Das 520 Seiten dicke Buch beginnt mit der Ich-Perspektive eines jungen Mannes namens Choi Sowon. Er ist der Sohn des „Stauseemonsters“, Choi Hyunsu, wie wir bereits im Prolog erfahren. Choi Sowon ist geächtet, hat die letzten sieben Jahre quasi auf der Flucht verbracht. Hatte er sich an einem Ort eingerichtet, flog seine Identität bald auf, und er musste weiterziehen. Anfangs wurde er von Verwandten aufgenommen, die ihn jedoch schnell wieder loswerden wollten, sobald sie feststellten, dass das Stigma des Stauseemonsters auch auf sie abfärben könnte, und so bleibt ihm nur eine Bezugsperson - ein Mann, den er Onkel nennt, obwohl er nicht sein leiblicher Onkel ist. Sowons Vater sitzt im Gefängnis und wartet auf seine Hinrichtung. Vor sieben Jahren hat er nicht nur ein elfjähriges Mädchen getötet, sondern darüber hinaus die Schleusen des Seryong-Stausees geöffnet, worauf das anliegende Dorf überflutet wurde und die Hälfte der Einwohner, im Schlaf überrascht, ums Leben kam.

In Rückblenden wird nach und nach die ganze Geschichte erzählt, beginnend mit dem Leben am Seryong-Stausee. Zusammen mit einem Dorf, einem Park, einer Anlage mit Werkswohnungen und einer Autobahnraststätte eine Art eigener Kosmos für sich. Sowons Vater, Choi Hyunsu, findet eine Anstellung als Sicherheitsmanager des Stausee-Damms. Er ist ein ehemaliger Baseballspieler, der seine Karriere wegen eines Handicaps, eines zuweilen gefühllosen Arms, beenden musste. Nebenbei bemerkt „outete“ sich die Autorin übrigens als großer Baseballfan. Choi Hyunsu liebt seinen Sohn und hat eine, gelinde gesagt, schwierige Beziehung zu seiner Frau. Sie verachtet ihn und lässt ihn das auch deutlich spüren. Sie fühlt sich um ihr Leben und ihren gesellschaftlichen Aufstieg betrogen, weil aus der Baseballkarriere ihres Mannes nichts wurde und er überdies ein Alkoholproblem hat.

ilb-Lesung mit Jeong Yu-jeong

Lesung mit Jeong Yu-jeong im Rahmen des 18. internationalen literaturfestivals berlin, Literaturhaus Berlin, 6. Sept. 2018
Podium (v.l.): Han Hee-Ji (Dolmetscherin), Jeong Yu-jeong (Autorin), Dr. Stefanie Grote (Moderatorin), Matthias Scherwenikas (Sprecher)

Choi Hyunsu erträgt die Schmähungen seiner Frau stoisch. Er ist ein gutmütiger, phlegmatischer, leicht tumber Riese. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als er alkoholisiert Auto fährt, obwohl ihm der Führerschein wegen Trunkenheit bereits entzogen wurde, und ihm in der Nähe des Stausees im Nebel ein Mädchen vor den Wagen läuft.
Das Mädchen lebt noch. Choi Hyunsu wird panisch, und statt ihr zu helfen, hält er ihr den Mund so lange zu, bis sie erstickt. Ihre Leiche wirft er in den Stausee.

Das Mädchen hieß Seryong, genau wie der Stausee. Sie war auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Vater, Yi Youngjae, der sie kurz zuvor schwer misshandelt hat – und das nicht zum ersten Mal. Yi Youngjae ist der Besitzer des Seryong-Landschaftsparks und erweist sich als waschechter Sadist. Seine Misshandlungen nennt er „Korrekturen“, und er lässt keinen Zweifel daran, dass sie nötig sind. Nachdem die Leiche seiner Tochter aus dem Stausee geborgen wird, ist er auch nicht etwa traurig, sondern voller Zorn: „Er spürte das starke Verlangen, Seryong aus dem Leichensack herauszuholen und ihr eine Ohrfeige zu verpassen.“

Bei der Veranstaltung im Rahmen des internationalen literaturfestivals berlin im Literaturhaus Berlin wurde Jeong Yu-jeong gefragt, wie sie sich in seine Gedankenwelt hineingefühlt habe. Sie sagte, sie habe sich vorgestellt, was ihn antreibt, was er als Rache und Bestrafung ersinnen würde. Schon in ihrer Schulzeit habe sie sich nach Hänseleien durch andere Kinder gerne ausgemalt, diese Kinder später zu verprügeln.
Yi Youngjae ist der wahrhaft Böse dieses Thrillers. Er ist nicht nur Besitzer des Landschaftsparks, sondern perfiderweise auch noch Zahnarzt. Allein hierin zeigt sich der unterschwellige schwarze Humor der Autorin, der – bei aller Tragik und auch Gewalt – immer wieder aufblitzt und das ganze Buch durchzieht. Anders als bei ihm haben wir mit dem eigentlichen Mörder, dem gutmütigen ehemaligen Baseballspieler Choi Hyunsu, Mitleid. Mehr noch, wir empfinden Sympathie für ihn. Auch, weil wir durchaus nachvollziehen können, wie er unaufhaltsam in diesen Strudel der Ereignisse geraten ist.

Die Autorin signiert ihr Buch (Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Davon handelt auch im Wesentlichen „Sieben Jahre Nacht“: Vom Bösen in uns allen. Vom „Knopf zur Hölle“, wie die Autorin es bei ihrer ersten Veranstaltung im Koreanischen Kulturzentrum so treffend nannte, ein Knopf, den man bei jedem Menschen drücken könne und der das Böse, die Bestie, in uns zum Vorschein bringe und aktiviere. Von den zwei Seiten jedes Menschen, dem Hellen und dem Dunklen. Das Dunkle, das in uns allen steckt, wird in „Sieben Jahre Nacht“ gleichsam metaphorisch durch das immer wiederkehrende Motiv des Tauchens verdeutlicht.

Jeong Yu-jeong verriet dem Publikum auch, wie sie auf die Idee für „Sieben Jahre Nacht“ kam. In ihrer Heimatstadt lebte sie in einer typischen koreanischen Apartmentsiedlung. Eines Tages fuhr ein Betrunkener ein Kind an. Beide, der Fahrer und das Kind, wohnten ebenfalls in der Siedlung. Das Kind überlebte den Unfall, der Fahrer erschoss es und vergrub es danach. Der Mann war als überaus fürsorglich und aufopferungsvoll bekannt, und niemand verstand, wie es dazu kommen konnte. Und das habe sie, erzählte Jeong, einfach nicht losgelassen – die Frage nach dem Warum.

„Sieben Jahre Nacht“ ist großartig und schaurig. In den Gewaltschilderungen ist der Thriller streckenweise extrem. Darauf angesprochen, sagte Jeong, dass sie das Geschehen für den Leser hautnah erlebbar machen wolle und deswegen Wert auf realistische und detailreiche Beschreibung lege.

Am Schluss der Lesung im Literaturhaus wurde sie zu ihrem Tagesablauf befragt. Sie bezeichnete sich als Frühaufsteherin. Mit früh meint sie tatsächlich früh – drei Uhr nachts. Dann fange sie an und höre beim ersten Kaffee Rammstein, um wach zu werden.

Bild von Regina Nössler

Foto: privat

Regina Nössler

studierte Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum. Lebt seit 1995 als freie Autorin und Lektorin in Berlin. Schreibt seit einigen Jahren Thriller, zuletzt: „Endlich daheim“ (2015) und „Schleierwolken“ (2017).

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