Kunst

10^-33cm - GRAYCODE,jiiiiin

Ausstellungdauer
15. März 2019 - 28. April 2019
Vernissage
Donnerstag, 14. März 2019 / 19:00
Ort

galley damdam

Eintritt
frei
10^-33cm

10^-33cm - unseen, does not exist in space and does not expand in time

 

GRAYCODE und jiiiiin
Träger des Giga-Hertz-Produktionspreises 2018

 

Kuratorin: Ka Hee Jeong

Vernissage Donnerstag: 14. März, 19.00 Uhr

Live-Performance: #include red, Donnerstag, 14. März, 20.00 Uhr

Screening: +3x10^8m/s, beyond the light velocity (465” ver.) 

 

Eine Reise vom Makro- ins Mikrouniversum

Im 20. Jahrhundert baute die moderne Physik auf der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik auf. Die moderne Physik ist gekennzeichnet durch das Streben, das Universum und die elementaren Kräfte, die darin wirken, durch die Interaktion von mikrokosmischen Partikeln zu erklären, ausgehend von dem Zeitpunkt kurz vor dem Urknall bis zum gegenwärtigen Zustand des Universums. Bei der Verfolgung dieses Ziels ist die Stringtheorie entstanden. Dabei handelt es sich um ein theoretisches Konzept, in dem davon ausgegangen wird, dass die kleinste Einheit aller Schöpfung kein punktförmiges Teilchen ist, sondern eher eine winzige, fadenartige Formation (String), und dass jeder supersymmetrische Faden eine charakteristische Schwingung hat. In der Theorie wird konstatiert, dass in Abhängigkeit von der Vibration verschiedene subatomare Partikel und Energien in winzigen Maßstäben produziert werden, sodass über den gegenwärtigen Zustand des Universums sogar anhand kosmischer Maßstäbe entschieden wird. In dieser Theorie wird davon ausgegangen, dass sich die vier dominierenden fundamentalen Kräfte des Universums und die Partikel mit Hilfe von Fäden erklären lassen, die als die kleinsten Bestandteile der Interaktion von Materie und Kraft betrachtet werden können. Dies bedeutet eine Umkehr des gesamten Konzepts von Zeit und Raum, das uns vertraut ist. Um die komplexen Gleichungen der Stringtheorie zu lösen, müssen wir das elfdimensionale Konzept des Raum-Zeit-Kontinuums übernehmen, was die Nachvollziehung noch komplexer macht. Auch wenn diese Theorie möglicherweise Theorien über die Mikro- und Makrowelt vereinen kann – z.B. die Quantenmechanik und die relativistische Gravitationstheorie – und es sich hierbei um eine plausible Form der vereinheitlichten Feldtheorie zu handeln scheint, die Einstein vielleicht beweisen wollte, sorgt sie für eine Irritation der menschlichen Wahrnehmung, die sich immer noch in der vierdimensionalen Welt befindet. Laut dieser Theorie bilden Elementarteilchen der Materie Bänder, die durch vibrierende Fäden gebildet werden. Auf diese Weise ist das gesamte Universum eine Symphonie aus vielfältigen Harmonien. Es gibt allerdings ein entscheidendes Hindernis für diese Theorie, das sich immer noch nicht verifizieren lässt. Die moderne Physik war erfolgreich darin, unterschiedliche Konzepte und Phänomene im Hinblick auf Zeit und Raum zu definieren: Trotzdem müssen wir vorsichtig sein, welche Fragen wir stellen.

Die in Seoul ansässigen Komponist*innen für Elektromusik sowie Klang- und Medienkünstler*innen GRAYCODE und jiiiiin zeigen ab dem 14. März 2019 in der Galerie des Koreanischen Kulturzentrums in Berlin eine Ausstellung. 2018 waren sie die ersten Koreaner*innen, die mit dem Giga-Hertz-Produktionspreis ausgezeichnet wurden, einem international renommierten Preis für Elektromusik. Dies wird die erste Klangkunstausstellung in der gallery damdam sein. In der Ausstellung werden die beiden ein neues Stück präsentieren, bei dem es sich um ein Album mit elf Soundtracks handelt. Die moderne Physik stellt für das Künstler*innenduo eine reiche Quelle der Inspiration dar. Bei der Produktion dieses Stücks waren sie insbesondere von Matwei Bronsteins Theorien inspiriert. Bronstein war der erste, der die Behauptung aufstellte, dass wir unsere Anschauungen und grundlegenden Prinzipien ändern müssen, um die Quantengravitation zu verstehen. Obwohl GRAYCODE und jiiiiin Komposition für westliche klassische Musik studierten, haben sie sich bemüht, außerhalb des traditionellen Systems der klassischen Musik zu denken. Sie haben einen ungewöhnlichen Weg gewählt, durch den sie ihre Ideen frei ausdrücken können. Diese Entscheidung hat sie dazu veranlasst, ein neues Medium zu erforschen und ihr eigenes, einzigartiges Narrativ zu präsentieren. Dies erinnert an die Ideen Bronsteins. Eines der vorherigen Projekte von GRAYCODE und jiiiiin war ein audiovisuelles Werk mit dem Titel #include red (2016-2017). Es handelt von der Farbe Rot und ihrer Wahrnehmung durch den Menschen. In +3x10^8m/s, beyond the light velocity (2017-2018) bildeten sie das sich ausdehnende Universum ab, indem sie bewegliche Bilder, die ein kompliziertes Narrativ enthalten, sowie verschiedene Klänge aus unterschiedlichen Quellen, die sich in zahlreiche Richtungen bewegen, einsetzten.   

Das neue Stück handelt von einer Reise vom Makro- zum Mikrouniversum. Die Künstler*innen wollten eine Topologie erschaffen, in der das Publikum den reinen Moment von Zeit und Raum durch minimale Visualität und durch zunehmend ausgearbeitete multidimensionale Klänge erleben kann. Der Ansatz des Künstler*innenduos besteht hier darin, dem kleinsten, tiefsten und endlosen raumzeitlichen Moment zu lauschen, um unsere Sinne für Wahrnehmungen zu sensibilisieren, die uns vorher verborgen geblieben sind. Sie haben einen Klang kreiert, der im kleinsten denkbaren Raum existiert, der Planck-Länge (ca. 10^-33 cm). Sie ist kleiner als eines der kleinsten Elementarteilchen, Neutrino, dessen Restmasse so gering ist, dass lange davon ausgegangen wurde, dass sie bei Null liege. Darüber hinaus ist 10^-33cm der Titel dieser Ausstellung und dieses Kunstwerks. Die beiden Künstler*innen haben ein neues Event geschaffen, indem sie diverse Klänge überlagert haben und das gesamte Klangspektrum innerhalb des Bereichs der hörbaren Frequenzen plus zwei unterschiedliche nichthörbare Klänge verwenden, 23.999 Hz und OHz. Von Soundtrack 1 – „0.99, 0,10e“ – bis zu Soundtrack 9 – „0.18d, 0.90e“ – werden die Klänge zunehmend fragmentarisch und kompliziert. Sie vermitteln das Gefühl, als würde man im Boden versinken. Der unerwartet verdichtete, kurze Ton von Soundtrack 10 – „0.00d, 1.00e“ – führt zur Entfaltung einer neuen Dimension, als würde man sich in ein Wurmloch begeben. Soundtrack 11 schließlich – „unseen, does not exist in space and does not expand in time” – löst einen Trigger des geistigen Auges aus. Der Klang dieses Soundtracks dringt tief in die Risse zwischen Zeit und Raum ein und kommt in einer anderen Welt an – der Mikrowelt. Hier verschwindet die Schwerkraft.   

Die meisten von uns können mit einem gewissen Selbstvertrauen den Gedanken akzeptieren, dass die Realität nicht vollständig das ist, was sie zu sein scheint. Es ist ganz natürlich, sich das, was sich nicht beobachten lässt, auszumalen. Die Begrenzungen der Nichtbeobachtbarkeit verleihen der modernen Physik einen philosophischeren Anstrich. Es hat zahllose Bemühungen als endliche Wesen gegeben, den Begrenzungen unserer Wahrnehmungen und Sinne zu entrinnen und die Schatten der unsichtbaren Welt zu beseitigen, die im Anthropozentrismus gefangen sind. Die moderne Physik hat sich auf der Grundlage der Bedeutung von „sehen“ weiterentwickelt. GRAYCODE und jiiiiin wollen uns anhand des Klangs ein neues Gefühl des „Sehens“ vermitteln. Auf den Gebieten der Wissenschaft, Philosophie und Kunst existiert jeweils eine unterschiedliche Sicht auf die Größe von Raum und die Länge von Zeit. Kann der Raum im Klang, den GRAYCODE und jiiiiin geschaffen haben, auch als eine Mikrowelt betrachtet werden? Diese Ausstellung, die auf das Hören fokussiert, ist nicht so schwer zu begreifen wie die oben erwähnten Theorien der Physik, da es sich um die Visualisierung der imaginären Welt dieses Künstler*innenduos handelt. Der Philosoph Gaston Bachelard sagte in „Die Poetik des Raumes“: „Die Unermeßlichkeit ist, konnte man sagen, eine philosophische Kategorie der Träumerei. Zweifellos nährt sich die Träumerei von verschiedenartigen Szenerien, aber sie hat gewissermaßen eine angeborene Neigung für das Betrachten der Größe. Und die Betrachtung der Größe löst eine so besondere Haltung aus, eine so eigentümliche Stimmung, daß die Träumerei den Träumer aus seiner nächsten Umgebung hinaus in eine andere Welt versetzt, die das Merkmal einer Unendlichkeit trägt.“ Nur die Imagination kann unsere menschlichen Fähigkeiten übersteigen. Und die Imagination ist der einzige Trost, um unserer Existenz in diesem andernfalls bedeutungslosen Universum einen Sinn zu verleihen. – Ka Hee Jeong, Kuratorin