Kunst

SOUNDTRACK: Biotope - Temporary Protectorate

Ausstellungdauer
20. September 2019 - 16. November 2019
Vernissage
Donnerstag, 19. September 2019 / 19:00
Ort

gallery damdam
Koreanisches Kulturzentrum
Kulturabteilung der Botschaft der Republik Korea
Leipziger Platz 3, 10117 Berlin

Eintritt
frei

SOUNDTRACK

Biotope – Temporary Protectorate

Von Koreas traditioneller Gesellschaft zur Risikogesellschaft

 

Ausstellungszeitraum: 20.09.2019 - 16.11.2019

Kuratorin: Ka Hee Jeong

Künstlerin: Youngho Lee

Eröffnung: 19.09.2019 (Do), 19.00 Uhr

 

Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten der Prozess der kulturellen Standardisierung eine rasante Entwicklung vollzogen hat, wurde bislang noch kein Archivierungsprojekt durchgeführt, das mit dieser Entwicklung korrespondiert. Ausgehend von diesem Problembewusstsein wurde dieses Projekt initiiert.

Der Grund, warum das Narrativ dieser Ausstellung vom Koreakrieg ausgehen muss, ist einleuchtend: Während des Krieges wurde alles zerstört - das Fundament des Alltags, die familiären Bindungen, die Möglichkeit, Vorhersagen über die Zukunft zu treffen, bis zu allen Gewohnheiten und Ratschlägen, die daran erinnerten, dass ein Mensch Teil der Geschichte eines anderen Menschen ist. Methoden der sofortigen Lebensmittelbeschaffung bis zu Techniken zur Sicherung der sozialen Existenz entwickelten sich zu wichtigen Inhalten des persönlichen Strebens. Nicht nur das Land musste wieder aufgebaut werden.

Die Fotografie, die sich zu einem der neuen Wirtschaftszweige entwickelte, stellte für viele, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen wollten, eine ungeahnte Chance dar. Sie übte einen äußerst großen Reiz als „Spitzentechnologie“ aus.

In die koreanische Gesellschaft der 1960er Jahre wurde die „Entwicklung“ des Westens in rasantem Tempo „transplantiert“. Es war ein Zeitalter des rapiden Wandels. Die politische und wirtschaftliche Kraft konzentrierte sich auf die Einführung einer zeitgenössischen Kultur mit visuellem Schwerpunkt und auf die Übernahme von Technologien, die sie möglich machten. Ein Beispiel ist das damals gerade aufgekommene Phänomen des Fernsehbooms. Indem die Regierung eine führende Rolle bei der Verbreitung von Fernsehern spielte, sorgte sie für die Etablierung eines Massenmediums, durch das sich die Rechtfertigung des politischen Systems effektiv übermitteln ließ; gleichzeitig konnte sie so die Wirtschaft ankurbeln. Das Fernsehen wurde vom Staat aktiv als Schlüsseltechnologie eingesetzt. Des Weiteren wurden zahlreiche Fotoprojekte durchgeführt, in denen der Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung aufgezeichnet und präsentiert wurden.

Darüber hinaus war es ein Zeitalter, in dem innerhalb der koreanischen Musik die Grammatik der westlichen Musik erforscht wurde. Ab den 1970er Jahren entwickelte sich eine Musik, die nicht für das amerikanische Militär, sondern für die koreanischen Massen bestimmt war. Es war eine Ära, in der die traditionelle Kultur und der koreanische Stil neu interpretiert wurden, was zu einem Output an einzigartigen musikalischen Formen führte (mit traditionellen Instrumenten aufgeführte westliche Populär- und Unterhaltungsmusik, koreanische Volkslieder, die von psychedelischen Rockbands vertont wurden, etc.). Der Entwicklungsprozess dieser kulturellen Verschmelzung wurde zeitweise aufgrund der besonderen politischen Situation unterbrochen, für wertlos erachtet und nicht angemessen aufgezeichnet.

In diesem Projekt wird ein besonderes Augenmerk auf die Fragestellung gelegt, wie im Fall Koreas die von außen kommende westliche Musik sowie Minyo (Volkslieder), indigene koreanische Instrumente und andere Elemente, die als traditionell koreanisch betrachtet werden, miteinander verknüpft wurden. Zu den kulturellen Ressourcen gehört auch die Tradition, die sich nicht auf materielle Dinge, sondern auf Ideen und Diskussionen, die Struktur historischer Narrative und institutionelle politische Formen gründet.

Die essenzielle Zielsetzung und das wichtigste Anliegen dieser Ausstellung ist es, die unterschiedlichen Elemente, die die Geschichte der Populärmusik auf der koreanischen Halbinsel definieren, und die diversen Variablen, die einen Einfluss auf sie ausübten, zu verstehen, anhand historischer Aufzeichnungen die musikalische Verbindung zwischen diesen Faktoren und den Unterschieden in den Rhythmen heutiger Städte zu erkunden, durch die Kreation neuer Kompositionen Wissen anzueignen  und durch verschiedene Medien wie Soundinstallation, Video und Fotografie , die in einer 16-mm-Filminstallation zusammengeführt wurden,  das Resultat der Kooperation zwischen verschiedenen Aufführenden nachzuverfolgen und aufzuzeichnen.  Es ist die Intention dieser Ausstellung, auf der Grundlage einer Reihe von Materialien, die in Kollaboration mit dem Musiker Min Jun Park entstanden sind, der die koreanische Musik seit Langem erforscht und archiviert, ein Digitalisierungsprojekt vorzustellen, das Bezüge zur zeitgenössischen Kunst und zu einem neuen kreativen Output aufweist, der durch die Aufzeichnung und Archivierung von Materialien entstanden ist, die von traditioneller koreanischer Musik bis zu moderner Populärmusik reichen.  Obwohl zwischen den 1960er und den 1980er Jahren eine beträchtliche Anzahl an Aufzeichnungen, Verlagsmaterialien und Kritiken hervorgebracht wurde, gestaltet sich die Suche nach diesen Archivmaterialien heute schwierig. Da sich die Archive in einem ungeordneten Zustand befanden, war die systematische Sammlung nicht möglich. Denn der Großteil der Objekte befand sich im Besitz einzelner LP-Sammler und Musikliebhaber.

Die Künstlerin hofft, dass sich durch dieses Projekt nationale und kulturelle Grenzen überschreiten lassen und dass es anhand des intellektuellen Fundaments der modernen und zeitgenössischen asiatischen Kunst präsentiert wird. Bei den Aufzeichnungen des Projekts handelt es sich nicht um statische oder stagnierende Objekte. Vielmehr ist die Ausstellung durch die Zusammenarbeit verschiedener Menschen entstanden, die sich um die Bewahrung und Annotation der Materialien bemüht haben. Deshalb zielt diese Ausstellung darauf ab, eine Geschichte über die zeitgenössische asiatische Kunst zu schreiben, die über die koreanische Kultur hinausgeht, die Standards für die Teilhabe an kulturellen Inhalten zu erhöhen und die existierende Methodologie, die sich auf die westliche Perspektive stützt, infrage zu stellen.

Bei der Planung dieses Projekts war sich die Künstlerin der Bedeutung bewusst, welche die Ordnung und Bewahrung von Materialien für zukünftige Forschungen und künstlerische Kritiken haben wird. Durch das Projekt wurde eine Sammlung mit erstklassigen Forschungsmaterialien bestehend aus Einzelausgaben, Periodika, Zeitungen, Dokumentationen, Tonträgern, Filmen, Einladungskarten, Videoaufzeichnungen und Briefen aufgebaut. Es wurden ein Thema und eine künstlerische Perspektive gewählt, und es wurde eine noch umfassendere historische und - im zeitgenössischen Kontext - kritische Haltung eingenommen.  

 

Text: Youngho Lee