Film

Bong Joon-ho: „Meine Filme sind meine persönlichen Visionen, Ausdruck meiner Verrücktheit“

Bong Joon-ho erhält die Goldene Palme

Bong Joon-ho erhält bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 die Goldene Palme (@Filmfestival Cannes 2019)

Bong Joon-ho zählt zu den renommierten Filmemachern nicht nur in Südkorea, sondern auch weltweit. Während des 72. Cannes Filmfestivals wurde sein Film „Parasite“ in diesem Jahr mit dem höchsten Preis - der Goldenen Palme – ausgezeichnet. So viel Anerkennung erhielt das koreanische Kino in Cannes zum ersten Mal.

Film still: "Hunde, die Bellen, beißen nicht"

Film still: "Hunde, die Bellen, beißen nicht" (@Filmfest München 2019)

Im Juni kam Bong Joon-ho nach Deutschland. Das 37. Filmfest München ehrte ihn mit einer Retrospektive. Bereits sein erster Film „Hunde, die bellen, beißen nicht“ zeigte sein außergewöhnliches Regie-Talent. Der Polizeithriller „Memories of Murder“ hat Auszeichnungen auf internationalen Festivals gewonnen. Seinen Durchbruch erlangte der Regisseur mit dem Monsterfilm „The Host“, der heute noch zu den erfolgreichsten südkoreanischen Filmen aller Zeiten zählt. Für weltweiten Erfolg sorgten die englischsprachigen Produktionen „Snowpiercer“ und „Okja“

Film still: "Okja"

Film still: "Okja" (@Filmfest München 2019)

Mit dem Psychothriller „Mother“ fängt Bong an, sich auf die Probleme der koreanischen Gesellschaft zu konzentrieren, die in seiner letzten Produktion „Parasite“ noch mehr auf die Spitze getrieben werden. Im Interview spricht Bong Joon-ho über Hierarchien in der modernen koreanischen Gesellschaft, darüber, wie sich die Reichen von den Armen unterscheiden und warum die meisten Menschen auf dieser Welt bald zu Parasiten werden. 

Wie und wann kam Ihnen die Idee zum Film?

2013 habe ich „Snowpiercer“ gedreht und saß im Schneidezimmer. Im Film ging es um Klassenunterschiede. Und so fing ich an, mir Fragen zu stellen, zum Beispiel: „Was würde passieren, wenn sich Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen treffen?“
Damals habe ich mir vorgenommen, dieses Thema anhand des Beispiels der südkoreanischen Gesellschaft zu behandeln. Ich stellte mir eine Familie aus der Unterschicht vor, deren Mitglieder arbeitslos und verzweifelt sind. Sie hoffen bloß auf ein halbwegs gewöhnliches Leben und können sich auch das nicht leisten. Diesen Menschen wird eine andere Familie gegenübergestellt, eine reiche Familie, die in einem luftigen Designer-Haus wohnt und von einem malerischen Hügel auf Seoul herabblicken, eine ideale moderne Familie der städtischen Elite sozusagen. 

Film still: "Parasite"

Film still: "Parasite" (@Filmfestival Cannes 2019)

Welche Bedeutung hat der Titel „Parasite“?

Der Titel kam mir nicht sofort in den Sinn. Anfangs hieß der Film „Decalcomania". Als ich anfing, das Drehbuch zu schreiben, wollte ich mich auf die arme Familie konzentrieren. Um sich in der modernen Gesellschaft der Gegensätze anzupassen und darin zu überleben, sind sie gezwungen, einen parasitären Lebensstil zu führen. Da sich mein Fokus nun geändert hat, hat sich auch der Titel des Filmes geändert. Meine Aussagen, etwa, dass „unsere Gesellschaft aus einem Prozent Menschen und 99 % Parasiten besteht“, sollten Sie natürlich mit viel Humor nehmen.

Film still: "Parasite"

Film still: "Parasite" (@Filmfestival Cannes 2019)

Im Film zeigen Sie drei Familien. Welche von ihnen parasitiert am meisten, Ihrer Meinung nach?

Interessante Frage, weil ich ursprünglich bloß an eine Familie dachte. Es gibt eine Szene im Film, in der alle gemeinsam einen trinken und der Vater sagt, dass sich für den Job eines Wachmanns 500 Hochschulabsolventen bewerben. Das ist keine Übertreibung! So etwas habe ich in den Nachrichten gehört.

Film still: "Parasite"

Film still: "Parasite" (@Filmfestival Cannes 2019)

Wenn man sich die Mitglieder der armen Familie ansieht, sind sie alle talentiert, doch arbeitslos und daher in eine seltsame Situation gedrängt. Als ich meinen Film drehte, habe ich ironischerweise an „Reiche“ als „Menschen“ gedacht. Den Rest nannte ich „Parasiten“. Aber jetzt, wo Sie mir die Frage stellen, denke ich anders. Sind die Armen wirklich am Fehlen von Arbeitsplätzen schuld? Könnte man die Reichen nicht vielleicht auch Parasiten nennen, weil sie viele Dinge nicht selbst machen können, sondern auf die Dienste der Armen angewiesen sind? Bis jetzt habe ich meine Filme immer über Arme gedreht. Sie waren meine Helden. Mit Reichen habe ich mich zum ersten Mal beschäftigt.

Wo haben Sie so ein schönes Designer-Haus gefunden, wie es im Film gezeigt wird?

Ob Sie mir glauben oder nicht, die Räume habe ich selbst entworfen. Mein Set-Designer hatte große Probleme damit, weil er von verschiedenen Architekten hören musste, dass meine Entwürfe nie funktionieren werden.  

Da Sie in Cannes den höchsten Preis bekommen haben und überall gefeiert werden, würden Sie sich nun auch privat so ein Haus leisten?  

Als ich die Goldene Palme erhielt, war ich natürlich im siebten Himmel. Am gleichen Abend gab es eine Party, wo die bekanntesten Filmmacher aus der ganzen Welt meine Hand schüttelten und mir gratulierten. Als ich in Incheon (Südkorea) landete, warteten Hunderte von Journalisten auf mich. Ich kam mir vor wie ein Olympiasieger, der die Goldmedaille nach Hause brachte (lacht). Aber das war eigentlich alles an Weltruhm.

Bong Joon-ho beim Filmfest München 2019

Bong Joon-ho beim Filmfest in München 2019 (@Filmfest München 2019)

Am nächsten Tag kehrte ich zurück in meinen Alltag, suchte ein Kaffeehaus auf und arbeitete an dem neuen Drehbuch. Meine Retrospektive in München war noch vor dem Filmfestival in Cannes geplant. Keiner hat damit gerechnet, dass ich in Cannes etwas gewinnen würde. Als ich jung war und gerade geheiratet habe, war meine Wohnung viel kleiner als die Kellerwohnung der Armen in „Parasite“. Mein jetziges Haus hat eine mittlere Größe, die etwa zwischen der Wohnung der Armen und dem Haus der Reichen liegt. Darin habe ich übrigens keinen Luftschutzraum.

Was hat der Luftschutzraum mit Ihren Anspielungen auf Nordkorea zu tun? 

In Südkorea gibt es tatsächlich viele Häuser, die einen Luftschutzraum haben. Sie wurden gebaut, für den Fall, dass Nordkorea angreift. Angeblich stehen diese Räume nun leer. Aber wer weiß, wie sie tatsächlich von ihren Besitzern genutzt werden. Die Fantasie eines Filmemachers kann hier ganz verrückt spielen. 

Im Film wird ein Stein zum Symbol des Reichtums, während ein unangenehmer Geruch mit der Unterschicht in Verbindung gebracht wird. Warum nutzen Sie ausgerechnet diese beiden Elemente? 

Das Sammeln von Steinen ist eine lange Tradition in asiatischen Ländern. Einige dieser Steine können Tausende und Abertausende von Dollars kosten. Solche Hobbys sind nur für reiche Leute möglich. Im Film bringt Park Seo Joon seinem armen Freund Ki Woo einen Stein. Danach bekommt Ki Woo einen Job als Nachhilfelehrer bei der reichen Familie. Da sein Freund aus wohlhabenden Verhältnissen stammt, kann man sagen, dass der Stein diesen Teil der Gesellschaft repräsentiert. Ein Geruch ist etwas Persönliches. Man muss einer Person nah sein, um einen Geruch wahrzunehmen. Wenn der reiche Ehemann seiner Ehefrau vom Geruch seines Fahrers erzählt, ist dies ein eindeutiger Hinweis auf Menschen anderer sozialer Schichten. Seine Kommentare sind beleidigend, aber sie spiegeln auch die Realität einer Gesellschaft wider, in der alles getrennt ist: Plätze in Restaurants, Kabinen in Zügen und Flugzeugen, Bahnsteige, Nacht- oder Tanzclubs, Hotelzimmer und Wohngebiete. Nur wenn man die Stelle eines Dieners in einem reichen Haus annimmt, kommt man dem Dienstherrn so nah, dass man sich gegenseitig „riecht“.

Film still:"Parasite"

Film still: "Parasite" (@Filmfestival Cannes 2019)

Sie setzten sich mit sozialen Problemen moderner Gesellschaften auseinander, darunter Themen wie wachsende Ungleichheit und Arbeitslosigkeit. Viele Vorfälle, die Sie in Ihren Filmen ansprechen, sind in Korea zu alltäglichen Ereignissen geworden. Was sind die Ursachen solcher Probleme? 

Am 23. Mai hat ein arbeitsloser Vater aus Uijung-bu seine Familienmitglieder umgebracht und nur seinen Sohn am Leben gelassen. Derzeit passieren viele schockierende Ereignisse in der koreanischen Gesellschaft. Das Land, das eine enorme wirtschaftliche Entwicklung gemacht hat und für K-Pop, TV-Serien und seine Kosmetik-Industrie auf der ganzen Welt berühmt ist, leidet unter einer großen gesellschaftlichen Spaltung. Und dies ist ein weiterer Teil der Realität.

Film still: "The Host"

Film still: "The Host" (@Filmfest München 2019)

Wir mögen uns für „Demokraten“ halten und belächeln die wachsenden Hierarchien als Relikt der Vergangenheit. Aber die Realität holt auf. Die Klassen existieren und so die Grenzen, die nicht überschritten werden können. Ich zeige die unvermeidlichen Risse, die auftreten, wenn sich die Armen und die Reichen treffen. Woher das kommt, weiß ich selbst nicht. Meine Filme sind meine persönlichen Visionen, Ausdruck meiner Verrücktheit. Ich möchte Ihnen jedoch versichern, dass die koreanische Gesellschaft viel besser und gesünder ist als ich.

Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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