Film

Rebellisch in der Schwebe

(Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

 

„Our Body“ oder der gelungene Auftakt von KOREA INDEPENDENT 2019                                                                                                                                                                                                                

Die Welt bröselt, welchen Sinn macht es da noch, sich abzurackern? Wofür lohnt es sich überhaupt noch, sich anzustrengen? Überall auf der Welt hadern die thirty somethings mit ihren Lebensaussichten und Zukunftsplanungen. Auch in Südkorea, wo der gesellschaftliche Druck vielleicht noch ein bisschen größer ist, als anderswo.

Diese Schwingungen nehmen auch die jungen, koreanischen Independent-Filmemacher*innen auf, zum Beispiel Han Ka-ram in ihrem ganz erstaunlichen Debütfilm „Our Body“ der Ende Oktober als Eröffnungsfilm beim KOREA INDEPENDENT-Festival lief, das diesen Herbst zum dritten Mal vom Koreanischen Kulturzentrum im Berliner Babylon-Kino ausgerichtet und vom Korean Film Council (KOFIC) unterstützt wurde. Die Filmemacher*innen erzählen von diesem ernüchternden Lebensgefühl, von den Zwängen und dem Druck. Vor allem aber erzählen sie auch vom Widerstand, der sich regt. Davon, wie die jungen Leute aus den gesellschaftlichen und familiären Zwängen ausbrechen, wie sie sich den Erwartungen ihrer Eltern entziehen. Zum Beispiel Ja-young (Moon Choi) in „Our Body“, die mit knapp über 30 mit abgeschlossenem Studium einer Elite-Uni und kurz vor der Abschlussprüfung als Verwaltungsbeamtin, sehr zum Entsetzen ihrer Mutter, alles hinwirft. Stattdessen nimmt sie einen schlecht bezahlten Aushilfsjob an, mit der vagen Hoffnung auf eine Festanstellung. Keine großen Ambitionen, ein Leben auf Sparflamme. Bis ihr Blick an einer jungen Frau hängen bleibt, die ungefähr genauso alt ist wie sie, aber alles zu haben scheint, was ihr selber fehlt: Drive und Dynamik, Rhythmus und Elastizität. Nachts im Licht der Straßenlaternen läuft Hyun-joo (Ahn Ji-hye) federnd und mit wippendem Pferdeschwanz durch die Straßen und über endlose Treppengebirge. Irgendein Funke springt über in diesem Moment, auf magische Weise reißt dieser Anblick Ja-youn aus ihrer Lethargie heraus. Zunächst langsam und zögernd, schnaufend, ächzend und stöhnend, dann immer entschlossener und kraftvoller beginnt auch sie zu laufen, zusammen mit der nächtlichen Läuferin, die bald ihre Freundin wird, und zwei weiteren, männlichen Mitgliedern der kleinen Laufgruppe, die sich formt. Man trifft sich und läuft, und plötzlich haben die Tage wieder eine Richtung, einen Rhythmus und eine Dynamik, die sich jetzt auch ganz direkt auf den Film überträgt.

KOREA INDEPENDENT 2019 wird mit dem Film "Our Body" im Babylon eröffnet

So eine ähnliche Geschichte hat gerade auch der Amerikaner Paul Downs Colaizzo im westlichen Kino erzählt. In „Brittany runs a Marathon“ entdeckt eine Endzwanzigerin aus New York das lebenserneuernde Potenzial des Laufens. Einfach mal in Bewegung kommen, das kann Wunder wirken. Für die fiktive Brittany gibt es ein reales Vorbild, eine enge Freundin des Regisseurs, die am Ende des Films unter dem Abspann auch zu sehen ist. Auch die Regisseurin Han Ka-ram hat diese Erfahrung gemacht, am eigenen Leib erlebt. Nach dem Studium hatte sie vergeblich rund hundert Bewerbungen geschrieben und fühlte sich irgendwann so entmutigt, dass sie sich dachte, wenn sie jetzt von einem Auto überfahren würde, sei ihr das auch egal. Dann bekam sie den Rat, zu laufen. Als sie begann, ihren Körper zu bewegen, habe sie sich wieder lebendig gefühlt, erzählt sie, und man kann dabei ihre Lebenskraft spüren. Und genau davon handelt jetzt ihr Debütfilm, der im Grunde überhaupt erst durch das Laufen möglich wurde. „Our Body“ erzählt ihre ganz persönliche Geschichte einer Selbstermächtigung, an deren Ende immerhin ein Film steht, bei dem Han Ka-ram nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern neben der Regie auch den Schnitt übernommen.

Nachdem „Our Body“ auf den Festivals von Toronto und Busan die Zuschauer bezaubert hat, ist die Regisseurin zur Eröffnung des KOREA INDEPENDENT-Festivals nach Berlin gekommen und stellt sich nach der Vorführung dem Gespräch. Flankiert wird sie von der koreanischen Filmkritikerin Jeong Si-Woo und Jan Küveler, Filmredakteur der deutschen Tageszeitung Die Welt. Der Filmkritiker, der auf Festivals und im aktuellen Kinoprogramm ein wachsames Auge auf das koreanische Kino richtet, eröffnete das Gespräch mit der Bemerkung, dass er in den letzten zwanzig Jahren einen neuen, sanfteren, eher tastenden Tonfall im koreanischen Kino ausgemacht habe. Filme wie „Burning“ von Lee Chang-dong oder „House of Humming Bird“ von Bora Kim (der ebenfalls Teil des Programms war) kommen weniger gewalttätig, aggressiv und bizarr daher, als die Werke der berühmten Kollegen der Generation davor, Park Chan-wook oder Kim Ki-duk. Statt frontal zu provozieren und dabei gerne auch mal zu schockieren, entfalteten die neuen Filmemacher*innen ihre Geschichten in einem weicheren Fluss und leiseren Tonfall. 

Podiumsgespräch mit der Regisseurin Han Ka-ram (Mi.li.), den Filmkritikern Jeong Si-Woo, Jan Küveler und der Dolmetscherin Christina Youn-Arnoldi (li.)

Han Ka-ram zögert, für ihre Generation zu sprechen. Sie könne nur von ihrer eigenen Erfahrung erzählen, und genau diese Intimität macht auch ihren Film aus. Aber sie räumt ein, dass sich tatsächlich unter den jüngeren Regisseuren der Independent-Szene zunehmend auch Frauen zu Wort melden, und damit auch den weiblichen Blick und die weibliche Wahrnehmung ins Kino tragen - eine Entwicklung, die sich gerade in vielen Teilen der Welt auf erfrischende Weise bemerkbar macht. Die Stimmen der anderen Hälfte der Gesellschaft, langsam werden sie gehört. Ein wenig belustigt, vielleicht auch ein bisschen konsterniert erzählt sie, dass „Our Body“ in Toronto immer wieder als „Frauenfilm“ bezeichnet wurde, während sie doch einfach nur einen Film gemacht habe, der naturgemäß von ihrer persönlichen, also weiblichen Wahrnehmung gespeist sei. Es sei auch keine bewusste Entscheidung gewesen, einen „männerlosen“ Film zu machen“, und es würde ja auch niemand den Film eines Regisseurs einen „Männerfilm“ nennen. In einer Hinsicht allerdings war sie vorsichtig. Schöne Frauenkörper in Bewegung, die werden leicht zu Sexobjekten, gerade in der sehr auf Körperbewusstsein und Fitness bedachten koreanischen Gesellschaft. Doch „Our Body“ ist ganz bewusst aus Ja-youngs Perspektive erzählt, wodurch sie im Grunde ganz automatisch zum Subjekt werde. In erster Linie ist ihr Film eine Bestandsaufnahme des Lebensgefühls unter den Jugendlichen heute, die keine sichere Perspektive auf die Zukunft haben. Und weil die Regisseurin der einen, der weiblichen Hälfte der Menschheit angehört, erzählt der Film eben nicht nur von der Entfremdung der Jugendlichen in einer Gesellschaft, die von Status, Jugend und Fitness besessenen ist, sondern auch von weiblicher Identität, die sich noch ein bisschen stärker und in besonderer Weise dagegen behaupten muss. 

Gegen Ende des Abends im Babylon thematisierte der Filmkritiker Jan Küveler noch die wunderbar schwebende Art des Erzählens, die sich in „Our Body“ vor allem auf Andeutungen und Ahnungen stützt: Ja, erwidert Han Ka-ram, im Prozess des Drehbuchschreibens, der von der Filmschule begleitet wurde, habe sie immer mehr Dialoge und Erklärungen rausgestrichen. Sie wollte die Beziehungen und Situationen eben nicht durchdeklinieren, sondern ganz bewusst in der Schwebe lassen: Weniger ist mehr, und Körpersprache kann sehr beredt sein. 

Bild von Anke Sterneborg

Foto: privat

Anke Sterneborg

Studium Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Publizistik in München und Berlin. Seit 1989 freie filmjournalistische Arbeit u.a. für Der Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, Focus, epd-Film, rbbKultur. Diverse Veröffentlichungen u.a. in „Filmklassiker“ bei Reclam. Lebt in Berlin.

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