Film

Koreanische Filme auf der Berlinale-70: Zwischen Utopie und Dystopie

Die 70. Internationalen Filmfestspiele in Berlin haben zwei prominente Projekte aus Südkorea gezeigt. Die Arthouse-Produktion Woman who ran des Regisseurs Hong Sang-soo nahm am Wettbewerb teil. Und der Science-Fiction-Thriller Time to Hunt von Yoon Sung-hyun wurde auf der Berlinale Special Gala vorgestellt. Beide Filme zeigen die koreanische Gesellschaft aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

Leere Straßen, kleine Gruppen von Menschen, die sich in Häuserruinen verstecken, heruntergekommene Slums vor dem Hintergrund einer trostlosen urbanen Landschaft. Fast ist es, als hätte der Koreaner Yoon Sung-hyun eine Pandemie vorausgesehen, doch in seinem psychologischen Thriller Time to Hunt geht es um Südkorea nach einer Finanzapokalypse.

Szene aus Time to Hunt

Filmstill "Time to Hunt" © Union Investment Partners, Littlebig Pictures, Sidus

Der in den USA geborene und an der Korean Academy of Film Arts (KAFA) ausgebildete Yoon Sung-hyun sorgte mit seinem Spielfilmdebüt Bleak Night für viel Aufmerksamkeit. Als sein Film beim Filmfestival in Busan 2011 in der Sektion „New Currents“ seine Weltpremiere feierte und den Hauptpreis gewann, kündigte man den damals 29-jährigen Regisseur als einen Leader der nächsten Generation koreanischer Filmemacher an. In seinem zweiten Spielfilm Time to Hunt behauptet sich Yoon Sung-hyun weiterhin als fähiger Filmemacher, vor allem als Meister des Action-Genres, doch ein neuer Kinohit wie Bleak Night ist daraus nicht geworden.

Vier junge Freunde stehen im Mittelpunkt der filmischen Handlung. Jun-seok (Lee Je-hoon) ist gerade aus dem Gefängnis in eine Welt entlassen worden, in der es keinerlei Aussicht auf eine Zukunft gibt. Im Knast hat er noch seinen letzten Coup geplant, der ihm und seinen Freunden (Choi Woo-shik, Ahn Jae-hong und Park Jung-min) ein Leben im Wohlstand sichern soll, einen Raubüberfall auf eine Unterwelt-Spielhölle. Als die maskierten Jungs,begleitet von dröhnender Musik, sich ihren Weg in das Casino freischießen, beginnt die Action.

Szene aus Time to Hunt

Filmstill "Time to Hunt" © Union Investment Partners, Littlebig Pictures, Sidus

Es ist, als würden Kinder einen Süßwarenladen ausrauben, ohne den Angriff sorgfältig durchdacht zu haben. Ihre atemlose Flucht wird durch die Angst in ihren Gesichtern noch aufregender. Wie durch ein Wunder gelingt es ihnen, den Tatort zu verlassen und sie feiern bereits, allerdings ohne zu bemerken, dass die Gefahr gerade erst begonnen hat. Die naive Bande wird schnell zur Zielscheibe eines unerbittlichen Mörders, eines apokalyptischen Jägers namens Han (Park Hae-soo) in dessen Wohnung bereits eine gerahmte Sammlung menschlicher Ohren an der Wand hängt, die vermutlich von früheren Opfern stammt.
Der Jäger hat zwar die Aufgabe herauszufinden, wer die maskierten Diebe der Spielstätte waren und die Schuldigen zu töten, den letzten Schritt hält er jedoch für „Spaß“. Etwa eine halbe Stunde wird damit verbracht, wichtige Konflikte und Protagonisten vorzustellen. Die weitere Erzählung dreht sich bloß um die Action sowie die Bruderschaft der vier Kumpel, deren tiefste Emotionen dem kaltblütigen Killer entgegengesetzt sind.

In einer Krisenzeit versucht Yoon Sung-hyun, die Stimmung eines absoluten Horrors zu erzeugen. Ihm zu Hilfe kommt die metaphorische Figur des Killers: „Die Gefahr kann jederzeit hereinbrechen, eine Katastrophe kann die Menschheit vernichten. Das Kino hat zahlreiche Weltuntergangsszenarien entwickelt, in der Gewalt zum wichtigen Bestandteil der Geschichte wurde. „Mad Max, Terminator, Road to Perdition oder auch Der weiße Hai dienten mir als Inspirationsquellen“, sagt der Regisseur in unserem Berlinale-Interview.

Suspense ist seine Absicht. Der Regisseur will das Gefühl totaler Verzweiflung, Entbehrung und des Schreckens der jungen Generation gegen das etablierte System darstellen: „Die Figur von Han ist nicht aus dem Nichts gekommen, er steht für ein System, für eine etablierte Gesellschaft, in der die Gegensätze Dystopie und Utopie nebeneinander existieren. Eine Ironie des Lebens“, erklärt Yoon Sung-hyun. Die vier Freunde sind unerfahren und machen einen fatalen Fehler nach dem anderen. Man denkt zunächst, der Filmemacher wolle eine schwarze Komödie im Sinne Tarantinos zeigen.

Szene aus Time to Hunt

Filmstill "Time to Hunt" © Union Investment Partners, Littlebig Pictures, Sidus

„Natürlich kann der Film aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, doch eine schwarze Komödie war nie mein Ziel. Ein Junge, der vor seinem endgültigen Weggang noch einmal seine Familie besucht und diese leider somit in Gefahr bringt, handelt typisch für einen Koreaner, weil die Familie immer im Zentrum der koreanischen Gesellschaft ist. Deshalb entscheidet er sich auch dafür, sich später für seine Familie zu opfern.
Ein anderer Junge lässt sein Handy unbekümmert eingeschaltet und ermöglicht dem Jäger so eine Lokalisierung. Auch er ist eben kein Profi. Diese Jungs sind nicht erwachsen, sondern verletzlich und naiv. Sie begehen Verbrechen, um in den gefährlichen Slums zu überleben. Dies ist ihr Ausweg aus einer Hoffnungslosigkeit. Ihre Handlungen sind von extremer Verzweiflung getrieben. Sie leben in einer Gesellschaft, in der die Aussichten für junge Menschen besonders schlecht sind“, sagt der Regisseur.

Ebenfalls unverkennbar gezeichnet ist die koreanische Gesellschaft im Film Woman who ran von Hong Sang-soo. Im Gegensatz zu Time to Hunt wird die Handlung aus einer utopischen und urbanen Szene in die Natur und Vororte verlegt. Auch diese Landschaft ist kaum besiedelt: Menschenleere Umgebung, breite Felder, keine Hektik, doch klare Luft und friedlich gackernde Hühner erhellen den Alltag weniger Frauen, die hier in Stille und Kontemplation leben.  

Filmstill "The Woman Who Ran" mit Kim Minhee und Song Seonmi © Jeonwonsa Film Co. Production

Zumindest auf den ersten Blick. „Ich drehe meine Filme ohne Verallgemeinerungen darüber zu treffen, wie der Betrachter die abgebildete Gesellschaft wahrnimmt“, sagt der Filmemacher. „Selbst wenn ich gezwungen wäre, Aussagen über Korea zu machen, wäre ich nicht in der Lage. Dies passt nicht zu meiner Denkweise. “ Hong Sang-soo ist ein erfahrener Regisseur. Vor 23 Jahren wurde er zum ersten Mal zur Berlinale mit dem Film The Day a Pig Fell into the Well eingeladen. Sein Projekt lief damals im „Forum“, einer Sektion für Indie- und Experimentalproduktionen. 2008 zeigte er Night and Day hier im Wettbewerb, gefolgt von Nobody’s Daughter Haewon im Jahr 2013 und On the Beach at Night Alone im Jahr 2017. Mit dem letzten Film gewann die Muse des Regisseurs, Kim Min-hee, den „Silbernen Bären“ als beste Schauspielerin und war die erste Koreanerin, die diesen Preis bei der Berlinale erhalten hat.

In der „Ära Bong Joon-ho“ ist Hong Sang-soo vielleicht nicht gerade der koreanische Regisseur, der am meisten gefeiert wird. Während der letzten zwanzig Jahre hat er jedoch beständig gedreht. Mehr als zwei Dutzend Spielfilme wurden es, die auf verschiedenen Filmfestivals vorgestellt und oft Auszeichnungen errungen. Seine Geschichten mögen ähnlich wirken. Sie handeln von neurotischen Charakteren, die gerne essen, zu viel trinken und durchs Leben streifen – kleine bescheidende Momente, die zuerst unbedeutend erscheinen, doch gleichzeitig viel Tiefe haben.

Szene aus Woman who ran

Filmstill "The Woman Who Ran" mit Kim Minhee und Kim Saebyuk          © Jeonwonsa Film Co. Production

Die Handlung seines neuen Films The Woman Who Ran dreht sich um eine junge Frau namens Gam-hee (Kim Min-hee), die drei Tage lang Freundinnen besucht, weil ihr Ehemann auf einer Geschäftsreise ist und sie zum ersten Mal seit fünf Jahren allein gelassen hat. Die Frau scheint glücklich in ihrer Ehe zu sein oder hatte sie bis dato nur keine Möglichkeit, ernsthaft über ihr Leben nachzudenken? Sie reist von einer Freundin zur nächsten und fängt an, die Welt um sich anders wahrzunehmen.Die Szenen friedlicher Frauengespräche werden immer wieder von irgendwelchen Männern unterbrochen. Ein Nachbar beschwert sich über streunende Katzen, die nicht gefüttert werden sollen.

Ein anderer belästigt die Frau, nachdem sie eine Affäre mit ihm hatte, die sie aber zügig beendete. Auch die Hauptdarstellerin hat ihre Begegnung, als sie sich nach einem Wiedersehen mit dem Ex-Freund nun mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss. The Woman who ran ist ein radikal weiblicher Film. Darin weigern sich die Frauen, die Entscheidungen über ihr Leben anderen zu überlassen. Auch wenn sie für ihre Freiheit mit einer gewissen Einsamkeit zahlen müssen, wollen sie nicht Teil der Toxizität werden, die ihnen immer wieder in die Quere kommt.

„Ich konnte mich nicht entscheiden, wer diese rennende Frau ist“, sagt der Regisseur des Filmes über den Titel. Mir hat der Ausdruck , „Die Frau, die lief“, sehr gefallen. Ich habe mir vorgestellt, welche Bilder im Kopf der Zuschauer entstehen würden. Nach der Fertigstellung des Filmes hatte ich das Gefühl, dass alle Frauen in meinem Film vor etwas weglaufen, ob vor einem Mann, ihrer Unzufriedenheit, Unterdrückung oder Gewalt“.

Regisseur Hong Sang-soo

Regisseur Hong Sang-soo © Jeonwonsa Film Co. Production

Ein wichtiges Kennzeichen von Hong Sang-soo ist seine ungewöhnliche Arbeitsweise: „Nicht ich entwickle die Handlungsstränge in meinem Film, sondern das Leben selbst, sagt der Regisseur. Ich nenne ein Beispiel: Ich habe mit meinem Drehbuch angefangen, nachdem ich Seo Young-Hwa (spielt eine der Protagonistinnen) in ihrem Haus besuchte.

Plötzlich habe ich eine Katze auf dem Bildschirm der Überwachungskamera gesehen, die ums Haus herumschlich. Ich verließ sofort das Haus und filmte sie. Die Aufnahmen haben wunderbar geklappt, die Katze erwies sich als eine ausgezeichnete Schauspielerin. Später wurden diese Szenen Teil meines Filmes. Ich arbeite eben mit Gegebenheiten, die mir die Realität gibt, und ich hoffe dabei, dass meine Beobachtungen zum Schluss einen Sinn ergeben.“

Die wenigen männlichen Darsteller, die wir in The Woman who ran auch nur am Rande sehen, treiben die Handlung nicht voran. Ihre Anwesenheit ist nicht zwingend nötig. Umgekehrt fehlen in Time to Hunt Protagonistinnen komplett (bis auf die Figur einer Mutter, die kurz in wenigen Szenen vorkommt). Dieses Beobachtung überrascht ebenfalls: Ein 60- jähriger Regisseur macht Frauen zu Protagonistinnen seines Filmes und betrachtet sie mit einem innovativen Blick, während sein um 20 Jahre jüngerer Kollege weibliche Darstellerinnen eher als Störung für seine Handlung empfindet.

Auf die Frage, wo die Frauen in seinem Film seien, antwortete Yoon Sung-hyun, er habe bewusst keine weiblichen Charaktere gezeigt, denn sonst habe er die Themen „Liebe und Romanze“ in seine Erzählung aufnehmen müssen, woraufhin die Gefahr bestanden habe, dass die Handlung zum Melodrama geriete. Dafür gebe es in einem Thriller keinen Platz, und er wolle sich ausschließlich auf Männer und ihre Freundschaften konzentrieren.

Vielleicht war dies der Grund, warum die Auswahlkommission der Berlinale beschloss, The Woman who ran in den Wettbewerb um die Bären-Preise zu schicken, während sie das visuelle Spektakel mit Action,in dem die Stars die Hauptrollen besetzen, als glamouröse Special-Galaorganisierten. Hong Sang-soos innovative Weltanschauung wurde übrigens mit dem „Silbernen Bären“ für die beste Regie ausgezeichnet.

Hong Sang-soo bei der Preisverleihung am 29.02.2020 © Erik Weiss / Berlinale 2020

Silberner Bär für die Beste Regie 2020: Hong Sang-soo für Domangchin yeoja ("The Woman Who Ran")  © Erik Weiss / Berlinale 2020





Im Interview mit Lee Je-Hoon und Park Hae-Soo über ihre Rollen in dem Actionthriller „Time To Hunt“ 

Lee Je-hoon (35) und Park Hae-soo (38) sind zwei koreanische Schauspieler, die heute zu den bekanntesten ihrer Generation gehören und als Darsteller sowohl für Filme als auch Fernsehdramen sehr gefragt sind. Beide kamen mit dem Filmteam von Time to Hunt[i] nach Berlin. Lee Je-hoon spielt den Anführer der Clique, einen Gejagten; Park Hae-soo den schweigsamen und mysteriösen Killer. Vor der Premiere des Filmes trafen wir die beiden Schauspieler für ein Interview.

Park Hae-soo und Lee Je-hoon

Park Hae-soo und Lee Je-hoon © Tatiana Rosenstein

Was halten Sie vom Genre „Thriller“? Haben Sie gerne Thriller gesehen, bevor Sie Schauspieler wurden?

Lee Je-hoon: Dies ist meine erste Rolle in einem Thriller, aber als Zuschauer habe ich dieses Genre geliebt. Ich habe viele amerikanische Filme wie Der Weiße Hai von Steven Spielberg oder Terminator von James Cameron angeschaut. Während der Vorbereitung von Time to Hunt habe ich mehrmals No Country for Old Men von den Gebrüdern Coen gesehen, darin geht es auch um einen Killer, der sein Opfer jagt. Ich habe aber nicht gewusst, dass Dreharbeiten so herausfordernd und anstrengend sein können, vor allem körperlich. Mehrmals wollte ich alles hinschmeißen und wegrennen.

Park Hae-soo: Ich mag keine Thriller. Dafür habe ich ein zu schwaches Herz (lacht). Ich sagte die Rolle zu, weil ich nicht wusste, wofür man mich engagiert. Ich mochte Bleak Night und wollte mit Yoon Sung-hyun arbeiten, ich habe aber nicht gedacht, dass ich einen Killer darstellen soll. Mit der Zeit lernte ich meine Figur zu verstehen und zu lieben. Wie jeder andere hat er seine Gründe, warum er sich so verhält. Im Endeffekt sind die Gründe immer gleich: Wir wollen leben und überleben. 

Regisseur Yoon Sung-hyun

Regisseur Yoon Sung-hyun © Tatiana Rosenstein

Es gibt wenige Filme, die die neue Generation Schauspieler in einem Projekt vereinen. Time to Hunt macht das gleich mit fünf Nachwuchstalenten...

Lee Je-hoon: Der Regisseur und ich sind Freunde. Seit Bleak Night haben wir oft über dieses Projekt gesprochen. Schon damals habe ich mir vorgenommen, jede Rolle anzunehmen, die er mir anbietet. Seit unserer ersten Begegnung 2011 wurden unsere Sets viel größer, wir haben auch bessere Food Trucks, damals hatten wir bloß Kimbap jeden Tag. Aber alles andere blieb gleich. Wir lieben immer noch leidenschaftlich das Kino, und der Regisseur fordert immer noch so viel Einsatz, dass das über die Grenzen der Schauspieler hinausgeht. 

Park Hae-soo: Ich war, anders als Lee Je-hoon und Park Jung-Min, bei Bleak Night nicht dabei, aber ich denke, der Regisseur hat uns engagiert, weil er die Stimmung seiner Generation zeigen wollte. Das Genre „Thriller“ erfordert eine außergewöhnlich gute körperliche Kondition. Ich habe meine Karriere mit physischen Rollen angefangen und beabsichtige auch weiterhin, „körperliche“ Rollen zu spielen. Die Energie, die von einem Körper ausgeht, spielt eine große Rolle in unserem Beruf. Die Verfolgungsjagden wurden meistens nachts gedreht, sodass ich mich ständig in einem dunklen, abgelegenen Bereich befand oder oft alleine in leeren Räumen blieb. Während des Drehs habe ich mich oft gequält und litt an Schlaflosigkeit. Später, als ich Nachaufnahmen gesehen habe, stellte ich fest, dass ich eine schärfere Stimme habe als üblicherweise.

Szene aus dem Film Time to Hunt

Filmstill "Time to Hunt" © Union Investment Partners, Littlebig Pictures, Sidus

Beide Charaktere sind im Film wenig entwickelt. Wir kennen ihre Vorgeschichten, Abstammung und biografischen Details kaum. Wie sind Sie vorgegangen, diese Figuren zu spielen?

Lee Je-hoon: Ich stelle mir immer vor, wie mein Protagonist gelebt hat bis zu diesem Moment, in dem die Geschichte anfängt. Ich dachte viel darüber nach, warum er sich für dieses Verbrechen entscheidet und seine Freunde mitnimmt. Das Gefühl von Solidarität und Freundschaft kam dann auf natürliche Weise. Nicht weil wir im wirklichen Leben Freunde sind, sondern weil wir die Freiheit hatten, uns so auszudrücken, wie wir es wollten.

Park Hae-soo: Ein Charakter, der nichts Mysteriöses in sich trägt und vorhersehbar handelt, ist sehr langweilig. Solche Protagonisten lassen einem Darsteller keinen Spielraum und dem Betrachter keine Fantasie. Während wir Time to Hunt drehten, habe ich ein Tagebuch geschrieben. Ich habe mir vorgestellt, dass Han in der Vergangenheit Mitglied einer Spezialeinheit war und ihn seine dortige Tätigkeit dem Tod nahegebracht hat. Irgendwie kam ich zu dem Schluss, dass er sich gerne zum Richter aufschwingt, deshalb handelt er so, als ob er Gott wäre.

Der Regisseur hat erwähnt, dass die junge Generation der Koreaner gerade sehr verzweifelt ist. Woher kommt diese Verzweiflung?

Park Hae-soo: Ich glaube, schnelle Veränderungen in unserem kapitalistischen System haben dies beeinflusst. Die heutige koreanische Gesellschaft konzentriert sich nur auf das Wachstum, alles wird von Geld bestimmt, außer Geld existieren keine anderen Werte mehr. Und das bringt Menschen zur Verzweiflung. Wenn Sie als Reisende nach Korea kommen, sehen Sie von außen diese Verzweiflung nicht, aber das Gefühl ist da. Gerade für junge Menschen wird es immer schwieriger, das nötige Geld zu verdienen. Es ist ein großer Kampf ums Überleben.

Lee Je-hoon: Hinter dem Glamour der K-Pop- und K-Beauty-Industrie, die Millionen Fans auf der ganzen Welt hat, verbirgt sich eine andere Realität: steigende Jugendarbeitslosenquoten und sehr anspruchsvolle Arbeitszeiten. Junge Menschen entwickeln sich zu Skeptikern. Deshalb suchen sie heute sehr aktiv nach Möglichkeiten, außerhalb traditioneller Erfolgsmaßstäbe Zufriedenheit im Leben zu finden.

[i] Release on Netflix: April 2020

 

Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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