Sonderausgabe 2020

Kommunikation durch Kultur

                            Jiyoon Lee, 1. Konzertmeisterin der Staatskapelle Unter den Linden, über ihren                                                         ungewöhnlichen Karrierestart, Teilung und Wiedervereinigung

 

Jiyoon Lee

Jiyoon Lee, 1. Konzertmeisterin der Staatskapelle Unter den Linden (Foto: © Nikolaj Lund)

Der Anfang

Es war ihr erstes Vorspiel überhaupt. Und das obendrein bei einem der renommiertesten und ältesten Orchester der Welt. Wie andere ihrer Kommiliton*innen auch hatte die Berliner Musikstudentin Jiyoon Lee regelmäßig Aufführungen der Staatsoper Unter den Linden besucht. „Es gab immer diese Studententickets, und ich hatte gehört, dass die Staatsoper ein sehr gutes Opernhaus ist.“ Dann erfuhr die Violinistin von der Möglichkeit, an einem Vorspiel für die Position der stellvertretenden Konzertmeisterin teilzunehmen: bei der Staatskapelle Unter den Linden, die unter dem Dach der Staatsoper residiert. Mehr aus Neugier meldete sie sich an – „um professionelle Erfahrung zu sammeln und um die Staatskapelle und den Chefdirigenten Daniel Barenboim einmal persönlich kennenzulernen.“ Chancen rechnete sie sich keine aus. Zwar hatte sie bereits 1. Preise bei internationalen Musikwettbewerben gewonnen und trat neben dem Studium regelmäßig als Solistin auf. Aber sie hatte noch keinerlei Orchestererfahrung.

Gern erinnert sie sich an diesen Wendepunkt in ihrem Leben zurück: „Ich habe einfach gespielt. Dann wurde mir mitgeteilt, dass ich im Finale bin.“ In der letzten Runde waren Daniel Barenboim und das gesamte Ensemble anwesend. Es ging nun nicht mehr um die Position der stellvertretenden, sondern um die Stelle der 1. Konzertmeisterin. „Nach meinem Vorspiel habe ich mich bedankt und wollte den Raum verlassen. Aber Herr Barenboim hat mich zurückgerufen und gefragt, warum ich Mitglied der Staatskapelle werden möchte. Ich habe gesagt, dass ich es großartig fände, Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein. Und dann hat er geantwortet, dass er sich freuen würde, mich im Orchester begrüßen zu können. Auch viele Mitglieder der Staatskapelle haben für mich gestimmt.“

In der Konzertsaison 2017/ 2018 trat die damals 25-jährige Violinistin Jiyoon Lee die Stelle der 1. Konzertmeisterin an. Damit war sie nicht nur die jüngste 1. Konzertmeisterin Berlins, sondern auch die erste Frau in dieser Position in der Staatskapelle, seitdem das Ensemble 1570 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Im September dieses Jahres begeht die Staatskapelle ihren 450. Geburtstag mit einem Festkonzert.

Teilung und Wiedervereinigung

Berlin ist der Mittelpunkt der deutschen Musikszene. Nirgendwo in Deutschland gibt es eine größere Dichte an Musikschaffenden. „Für mich als Musikerin wäre Berlin immer die erste Wahl“, sagt Jiyoon Lee. „Am faszinierendsten finde ich, dass es hier überall Musik gibt. Es besteht jeden Abend die Möglichkeit, in ein Konzert zu gehen.* Die Musik gehört einfach zum Leben der Menschen.“ Sie fügt hinzu: „Man kann nicht über die europäische Geschichte diskutieren, ohne die Musik zu erwähnen.“

Berlin ist auch eine Stadt mit einem reichen historischen Erbe. Die Violinistin lebt im Zentrum Berlins. In unmittelbarer Nähe ihrer Wohnung liegen Orte des Gedenkens, die an die deutsche Teilung und Wiedervereinigung erinnern. Seit ihrem Umzug in die deutsche Hauptstadt hat sie viele geschichtsträchtige Orte wie Checkpoint Charlie und die Gedenkstätte Berliner Mauer besucht. Nur einen Kilometer von ihrer Arbeitsstätte entfernt befindet sich das Brandenburger Tor. Mit seiner früheren Randlage an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin ist es heute ein Symbol für die Überwindung der Teilung und die darauf folgende Vereinigung.

Jiyoon Lee ist 1992 geboren, drei Jahre nach dem Mauerfall und zwei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung. „Natürlich habe ich in der Schule gehört, dass Deutschland ein geteiltes Land mit zwei Staaten und jeweils unterschiedlichen politischen Systemen war. Aber ich wusste nicht, wie sich dies auf den Alltag der Menschen ausgewirkt hat.“ Was die Teilung bedeutete, hat sie erst durch Gespräche vor allem mit ihren ostdeutschen Orchesterkollegen herausgefunden. Orchestermusiker gehörten zur Gruppe der DDR-Bürger, die vor dem Eintritt ins Rentenalter für ihren Beruf ins westliche Ausland reisen durften. „Auf Tourneen in den Westen haben sich regelmäßig Musiker abgesetzt. Für mich ist es unfassbar, dass seit diesen Ereignissen nur etwa 30 Jahre vergangen sind.“

Jiyoon Lee

Jiyoon Lee begann im Alter von vier Jahren mit dem Violinspiel. Nach ihrem Studium an der Korea National University of Arts in Seoul kam sie 2013 nach Deutschland, um ihr Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin fortzusetzen. Seit der Konzertsaison 2017/ 2018 ist sie 1. Konzertmeisterin der Staatskapelle Berlin Unter den Linden. In ihrer Freizeit trifft sich die Musikerin gern mit Freunden, um zu kochen und koreanische Filme anzuschauen. Zu den kulinarischen Anziehungspunkten der deutschen Hauptstadt gehören für sie koreanische Restaurants in Charlottenburg. (Foto: © Nikolaj Lund)

In Berlin wird Jiyoon Lee immer wieder auf ihr Heimatland angesprochen. Viele Menschen möchten von ihr wissen, aus welchem Teil Koreas sie stammt. Es ist ein Interesse, das sie freut. Die Musikerin, die in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul aufgewachsen ist, schildert ihre Jugenderinnerungen an das geteilte Korea: „Die Teilung war mir besonders während meiner Zeit in der Mittelschule bewusst, als wir im Unterricht die koreanische Geschichte behandelt haben. Und mein Bruder wurde am 25. Juni geboren, also am gleichen Tag, an dem 1950 der Koreakrieg ausgebrochen ist.” In Südkorea ist der 25. Juni ein offizieller Feiertag. „Wir haben nicht nur mit den Lehrern, sondern auch in der Familie regelmäßig darüber gesprochen, welche historische Bedeutung dieser Tag hat."

Die Teilung hat Jiyoon Lee eigentlich nie als Bedrohung empfunden - ebenso wie Millionen anderer Südkoreaner, die in einem geteilten Land aufgewachsen sind: „Ich kenne Korea nur mit Demilitarisierter Zone. Deshalb fühlt sich die bestehende Situation für mich ganz normal an. Ich hatte nie das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist.“ Sie erinnert sich allerdings an ein Ereignis vor ein paar Jahren – sie war damals schon in Deutschland -, das ihr große Sorgen bereitet hat: Es war zu der Zeit, als ihr Bruder gerade seinen Wehrdienst angetreten hatte. Ein Zwischenfall an der innerkoreanischen Grenze führte zu extremen Spannungen zwischen dem Süden und dem Norden. „Mein Bruder und seine Einheit wurden informiert, dass etwas sehr Ernstes passieren könnte. Sie mussten in ständiger Alarmbereitschaft sein. Ein geplanter Besuch meiner Eltern musste abgesagt werden.“ Eigentlich war sie überzeugt davon, dass es nicht zu militärischen Auseinandersetzungen kommen würde. „Aber in den bestehenden Konflikt sind ja nicht nur Süd- und Nordkorea involviert. Auch andere Länder wie China, Japan, die USA und Russland sind darin einbezogen. Man kann nie zu 100 Prozent sicher sein. – Als mein Bruder diese Situation durchleben musste, habe ich die koreanische Teilung noch bewusster wahrgenommen.“ Sie ist froh, dass er seinen Militärdienst inzwischen beendet hat.

Zu möglichen Lösungen, wie die derzeitigen Spannungen auf der koreanischen Halbinsel abgebaut werden können, sagt Jiyoon Lee: „Die Kommunikation durch Kultur ist vielleicht der beste Weg, um einen Dialog zu beginnen. Im Bereich der Musik und Kultur wird nicht nach Nationalität oder ethnischer Herkunft unterschieden. Alle sind gleich.“ Sie spricht über das West-Eastern Divan Orchestra, das 1999 von Daniel Barenboim und anderen gegründet wurde. Das Orchester setzt sich für eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts ein. Darin spielen sowohl israelische als auch arabische Musiker. „Angesichts der politischen Realität finde ich es bewundernswert, dass es mit Hilfe der Musik gelingt, Menschen aus unterschiedlichen Lagern zusammenzubringen.“ Auch für Süd- und Nordkorea könnte sie sich ähnliche Projekte vorstellen. „Es existiert eine enorme Kluft, wie Südkoreaner über Nordkoreaner denken und umgekehrt.“ Gern würde sie einen Beitrag dazu leisten, diese Kluft zu überwinden. Sie ist überzeugt: „Es beginnt mit einer kleinen Kooperation, aber es kann etwas Großes daraus entstehen.“

In Berlin sind die Botschaften der Republik Korea und der Demokratischen Volksrepublik Korea lediglich wenige Kilometer Luftlinie voneinander entfernt. Die Distanz in den innerkoreanischen Beziehungen scheint dagegen derzeit so groß wie schon lange nicht mehr.

Doch Jiyoon Lee möchte sich ihren Optimismus nicht nehmen lassen: „Ich hoffe auf eine Zeit, in der Korea ein wiedervereinigtes Land sein wird. Dann werde ich meinen jüngeren Musikerkollegen davon erzählen, wie das Leben im geteilten Korea war.“

* Das Interview fand kurz nach dem coronabedingten Lockdown statt (Anm. d. Red.).
 

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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