Literatur

Licht ins Dunkel bringen - in weißer Nacht



WETTBEWERB & RESULTATE
 

Wir möchten uns bei allen Teilnehmer*innen des Rezensionswettbewerbs 2021 herzlich für die Zusendung der vielen guten Buchkritiken zu dem Roman "Weiße Nacht" von Bae Suah bedanken! Da es gewissermaßen in der Natur eines Wettbewerbs liegt, nur wenige Rezensent*innen prämieren zu können, möchten wir hier einen Auszug des ermutigenden Fazits der unabhängigen Jury veröffentlichen:

"... Auch in diesem Jahr stellten viele anspruchsvolle Beiträge, die ganz unterschiedliche Aspekte von Bae Suahs Buch 'Weiße Nacht' ins Zentrum rückten, unsere Jury vor eine schwierige Entscheidung. (...)"

Barbara Wahlster (Literaturkritikerin und Autorin)
Dr. Kai Köhler (Publizist)
Thomas Diecks (Literaturkritiker, Rundfunkautor, Publizist


Vielleicht eröffnet sich im nächsten Jahr ja eine neue Chance - wenn Sie mögen?!
 

GLÜCKWUNSCH!


Den Gewinner*innen gratulieren wir zu ihrem großartigen Erfolg, der nicht zuletzt deshalb besondere Anerkennung verdient, weil sich das Buch anfühlt, "als würde man in ein surrealistisches Gemälde eintauchen", wie The Guardian scheibt. 

In Anerkennung der Leistung, sich diesem surrealistischen Gemälde in Form der Literaturkritik souverän genähert zu haben, veröffentlichen wir nachfolgend den erst- und zweitplatzierten Beitrag. Die drei Gewinner*innen des 3. Platzes stellen wir in alphabetischer Reihenfolge per Foto und Kurz-Biografie vor und fügen allen prämierten Rezensionen das jeweilige Urteil der Jury bei. 
 

                                                     © Suhrkamp

 

Erscheinungsjahr: 2021 (D), 2013 (ROK)
Seitenanzahl:159
ISBN: 978-3-518-43017-0
Suhrkamp Verlag, 1. Auflage
Preis: 22,00 €
Originaltitel: Allyeojiji anh-eun bamgwa haru
Übersetzter: Sebastian Bring


»Das ist spannende experimentelle Literatur, die Lesende intelligent herausfordert und dabei mitreißend erzählt.«
Meike Stein, SR Literatur




 

(Foto: privat)

1. Platz

Heike Lee


(*1962) studierte Koreanistik in Berlin und Pjöngjang, lehrte Deutsch in Gwangju und Koreanisch in Hamburg und arbeitet derzeit in einem Notariat. Nebenberuflich übersetzt sie gelegentlich koreanische Literatur oder lernt Isländisch.

 

 

Der Nagel im Kopf 
 

Wolfi schwitzt. Er leidet. Alles „entwickelt sich wie ein langanhaltender Albtraum.“ Irgendwie fühlt er sich falsch, als wäre er „furchtbar lange zwölf Stunden geflogen, nur um im falschen Land zu landen“, einer irgendwie vernagelten Welt, von deren Sprache er kein einziges Wort versteht. Es mag manchem Leser von Bae Suahs Roman „Weiße Nacht“ (2013/2021) ähnlich ergehen. Er lernt Ayami als eine junge Frau kennen, die im einzigen Seouler Hörtheater arbeitet,  Stimmen aus imaginären Radios hört und sich vor elektromagnetischer Strahlung fürchtet. Als das Theater endgültig schließt, begeben sich dessen Angestellte – Ayami und der Direktor – hinaus in die Schwüle einer Seouler Sommernacht. Bald schon scheinen sich Traum und  Realität zu vermischen. Ist es vielleicht die quälende, stickig heiße Luft, „die Hautporen verklebte wie ein auf der Haut liegendes warmes Stück Fleisch“, die das Geschehen sowohl für Protagonisten als auch manchen Leser zu einer enormen Herausforderung werden lässt? 

Ayami lernt Deutsch und im Haus der Deutschlehrerin, einer Freundin des Direktors, ist ebenfalls die Stimme aus dem nicht existenten Radio zu hören, auch die Lehrerin fürchtet sich vor elektromagnetischer Strahlung. Das erste Kapitel lässt den Leser – zumindest jenen eher traditionelle Textsorten präferierenden – ziemlich verwirrt zurück, doch er hofft auf Erhellung in Kapitel 2. Hier lernt er Buha kennen, einen jungen Mann, der seit seiner Jugend in die „Dichterfrau“ verliebt ist. Aber Moment mal! Ist diese „Dichterfrau“ vielleicht Ayami oder ist  Ayami nicht eher seine geschiedene Frau, womöglich auch das blinde Mädchen, und  höchstwahrscheinlich auch Yoni, die Deutschlehrerin mit dem „von Pockennarben entstellten Gesicht“. Pockennarben? Dichtes schwarzes Haar, einfache Hanfsandalen, von drahtigen Muskeln durchzogene Waden? Attribute, die beinahe alle Frauenfiguren des Romans  charakterisieren. Und möglicherweise sind auch Buha, der Direktor und Dichter Kim Chol-ssok identisch? Irgendwie scheint allein der schwitzende Wolfi ausschließlich er selbst zu sein … 

Bae Suah, die für ihr unkonventionelles Schreiben bekannte und derzeit in Deutschland lebende südkoreanische Autorin, will ihre Leser verwirren, wie sie in einem Interview bekennt. Und das gelingt ihr exzellent. Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?, fragen sich ihre Figuren wiederholt, freilich ohne darauf eine Antwort zu finden. Sollte Ayami womöglich schon vor langer Zeit gestorben sein, und es ist nunmehr ihr Geist, der uns nach Antworten auf diese ewigen Fragen der Menschheit suchend an die Orte ihres einstigen Lebens im „geheimnisvollen“ Seoul führt? Traumhaft, surreal, geisterhaft. Wem es an Bereitschaft mangelt, sich von vertrauten logisch-rationalen Erwartungen an Literatur zu lösen, um sich dem Unbewussten, Absurden, ja vielleicht auch Paranoiden zu öffnen, dem wird Baes Text fremd und unzugänglich bleiben. Bizarre Bilder, mitunter wenig einleuchtend, erzeugen nicht immer Wohlfühleffekte, generieren hingegen bisweilen eher morbide, ungemütliche Stimmungen. Wie ist ein Theater vorstellbar, das „wie ein buddhistischer Tempel oder eine  Nachhilfeschule“ aussieht? Was hat es mit dem Moment, „in dem Natur und Materie gleichzeitig sterben“ auf sich? Ausgestattet jedoch mit einem Gespür fürs Surreale, oder zumindest gewillt, sich auf Unbekanntes einzulassen und weder nach Story noch Logik zu  suchen, kann „Weiße Nacht“ zu einer bewegenden Lektüre werden, unterhaltsam wie spannend, denn auch nach wiederholtem Lesen ergeben sich immer wieder neue Perspektiven, Verknüpfungen und Einsichten. Auf jeden Fall aber bereichert Baes Roman das breite Spektrum an deutschsprachigen Übersetzungen koreanischer Literatur hierzulande. 

Am Ende ihrer Odyssee sitzen Ayami und der Direktor schließlich auf dem Bahnhofsvorplatz, der Direktor klagt über Kopfschmerzen. Doch dafür gibt es ausnahmsweise einmal eine rationale Erklärung: Aus seinem blutverschmierten Scheitel ragt ein dicker Nagel hervor.

Urteil der Jury:

"Die Rezension ist außerordentlich gut aufgebaut und klar formuliert. Es gelingt Lee, Inhaltsangabe und Charakteristik des Buches anschaulich zu verbinden und dabei das Moment der Desorientierung, das den Roman kennzeichnet, herauszuarbeiten. Besonders hervorzuheben ist, dass sich Lee nicht mit allgemeinen Aussagen über die Sprache von Vorlage oder Übersetzung begnügt, sondern die Stärken und Schwächen der verwendeten Bilder abwägt."



 

(Foto: privat)


2. Platz

Jana Schrader


studierte Germanistik, Anglistik und Literarisches Schreiben und arbeitet heute im Verlagswesen. Ihr besonderes Interesse gilt der koreanischen Kultur und Sprache.


Surrealer Tag, surreale Nacht 
 

Es ist heiß in Seoul. Die Luft flirrt, Formen zerschmelzen, die Zeit fließt träge und schwer dahin. Die Hitze verwischt die Grenzen zwischen dem was passiert, dem was passieren wird, dem was passiert ist und dem was nie passiert. 

In diesem Zustand zwischen dem Erzählten und Unerzählten steht die junge Ayami, Hauptfigur des Romans „Weiße Nacht“ der Südkoreanerin Bae Suah. Die Handlung setzt mit Ayamis letzten Arbeitstag in dem einzigen Audiotheater Seouls ein. Bislang konnten Menschen mit Sehbehinderung hier Audioaufnahmen von Theaterstücken hören. Ayami ist als einzige Angestellte Mädchen für alles. Neben ihr gibt es nur noch den Direktor. Doch da es kaum frequentiert wird, hat die betreibende Stiftung sich dazu entschlossen, das Theater zu schließen. 

Auch heute ist Ayami besorgt wegen der geisterhaften Geräusche, die zu einer bestimmten Zeit aus einem der Theaterradios ertönen und das Wetter für den Schiffsverkehr verkünden. Ein Ehepaar geht vorbei, hält kurz vor dem Theater und lamentiert, dass es diesen Ort erst jetzt entdeckt. Die elternlose Ayami glaubt in ihnen ihre Erzeuger zu erkennen. Ein augenscheinlich verwirrter Mann klopft an die Tür und verlangt Einlass, ehe zwei Wachleute ihn abführen. Ayami meint ihn zu kennen, kann sich jedoch selbst nicht trauen. Sie hört Dinge, die sie nicht hören sollte, wie die Stimme des Verwirrten durch das dicke Türglas oder einer Autofahrerin, die beim Fahren Telefonsex hat. 

„Weiße Nacht“ taumelt zwischen der Realität und dem Anderen, zwischen Traum und Wirklichkeit und gleitet auf der sommerlich-gestauten Hitze Seouls wie auf einem hypnotischen Trip. Innerhalb eines Tages und einer Nacht wandert Ayami mit dem Direktor durch Seouls Straßen, sucht ihre auf mysteriöse Weise verschwundene Deutschlehrerin und begleitet den deutschen Schriftsteller Wolf bei einer Recherchereise. Sie treibt dahin, unsicher, wohin sie, eine ehemalige Schauspielerin ohne besondere Fähigkeiten, gehen soll. 

Der Roman verweigert sich jeder Kategorie, bleibt unfassbar. Alles greift ineinander, wird hyperreal und von Motiven überlappt, wie etwa dem eines mehrdimensionalen Kosmos im koreanischen Schamanismus, in dem alle Dinge lebendig sind. Ayamis Name ist auch jener des Geistes, der während eines schamanischen Rituals den Körper der Schamanen ergreift und ihnen die andere Welt öffnet. Als Kind hebt Ayami einmal einen Kiesel auf und sieht darin zugleich ihr gegenwärtiges oder ihr vergangenes Selbst oder beide zugleich, sie ist gleichzeitig das Huhn und die alte Frau. 

Auch anderes existiert zugleich, doppelt und wiederholt sich. Ganze Absätze werden Wort für Wort wiederholt, Figuren sind immer wieder pockennarbig, haben eingesunkene Augen und dürre Fesseln, tragen einen weißen, stark riechenden Hanbok, die traditionelle koreanische Tracht, und ein weißer Bus fährt mehrfach vorbei. Geändert wird allein der Kontext, und so entstehen verfälschte Spiegelbilder wie Déjà-vus, die sich immer und immer wieder gegenseitig reflektierend, klare Strukturen und eine fassbare Chronologie verhindern. 

Bae spielt mit Kontrasten. Licht und Dunkel, sehend und blind, hörend und taub, Nord und Süd, Tag und Nacht. Mittendrin hängt Ayami, ebenso vage wie alles in diesem Roman, gefangen zwischen ihren eigenen Wünschen und gesellschaftlichen Formen, in die sie nicht passt. Bae nimmt die äußeren Erwartungen und kehrt sie, oftmals mit Blick in die koreanische Geschichte, um. Begriffe wie Ausgangssperre, Panzer und Stromausfall erinnern an die Zeit, als auch der Süden Koreas eine Diktatur war. In einer Fernsehsendung wird eine Familie, die durch die Teilung der Halbinsel getrennt wurde, zusammengeführt. Mit dabei ist auch die Schauspielerin Ayami. 

Was ist wahr, was ist Fiktion? In „Weiße Nacht“ stellt Bae Konzepte auf, hinterfragt und verwirft sie. Am Ende bleibt nichts als die Gewissheit, dass eine Geschichte nur so klar sein kann, wie die sie umgebende Welt und das diese hier ihre Leserschaft noch lange begleiten wird.

Urteil der Jury:
"
Die sprachlich souveräne Besprechung besticht besonders durch die gelungene Wiedergabe von Inhalt und komplexer Erzählstruktur des Romans. Überzeugt hat uns auch, dass Schrader Eigenarten der Autorin wie das Spiel mit Kontrasten thematisiert und kulturelle und gesellschaftliche Hintergründe (Schamanismus, Geschichte Koreas) in ihren Text mit einbezieht."


 

DIE GEWINNER*INNEN DER 'BRONZE-MEDAILLE' 

(in alphabetischer Reihenfolge)

(Foto: privat)



3. Platz
Timo Jochem


arbeitet als Arzt. Er hat Südkorea oft bereist und interessiert sich besonders für koreanische Literatur.


Urteil der Jury:
"Jochem gelingt ein Einstieg, der sogleich das Interesse an dem Roman weckt. Überzeugt hat uns zudem der schlüssige Aufbau dieses Beitrags
."




 

(© Lena Joana Kohlmann)

3. Platz

Lui Kohlmann


hat Freie Kunst studiert. Dabei haben ihre südkoreanischen Kommilitoninnen ihr Interesse für die koreanische Sprache und Kultur geweckt. Seit dem Abschluss ihres Kunststudiums geht es für Luisa Kohlmann in ihrem Zweitstudium also weiter mit Koreanistik und Linguistik. Nebenbei arbeitet sie bei einer Versandbuchhandlung und zeichnet Comics, schreibt Gedichte, entwickelt GIFs und weitere Projekte: Lui-Kohlmann.de

Urteil der Jury:
"Die Rezension bereitet mögliche Leser:innen gut vor auf die Lektüre, arbeitet Struktur und Handlungsstränge des Romans nachvollziehbar heraus. Außerdem werden die Wahrnehmungsweisen – Blindheit, Hörsinn – , mit denen die Autorin arbeitet, und auch die medialen Phänomene gut dargestellt."




 

(Foto: privat)


3. Platz
Anna Riedl


absolvierte ihren Master of Arts in "East Asian Economy and Society" an der Universität Wien. Sie arbeitet als Weiterbildungsmanagerin bei einem deutschen Verband und ist seit ihren Korea-Aufenthalten 2011 und 2013 begeistert von Sprache, Kultur und Küche Südkoreas.


Urteil der Jury:
"An Riedls Rezension ist uns vor allem die anschauliche Inhaltsangabe aufgefallen. Für das Verständnis wertvoll sind auch ihre Hinweise auf den koreanischen Originaltitel und die Todessymbolik des Romans."





 

Bild von Dr. Stefanie Grote

Foto: privat

Dr. Stefanie Grote

Redaktion "Kultur Korea"

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