Musik

Der rätselhafte Zauber der Jeong-ak

Musik ist mehr als nur eine Kunst. In Musik verbindet sich Intellekt mit Gefühl und Leidenschaft mit Identifikation, Musik kann die Hörerschaft spalten (wie bei Avantgardewerken in Abonnementskonzerten) oder selig vereinen (wie bei den Rolling Stones) – aber immer ist unser Begriff, unsere Erfahrung von Musik davon geprägt, dass ein Mensch oder eine Gruppe einen Ausdruck – seinen Ausdruck – gestaltet und preisgibt. Musik ist Kommunikation, und je mehr diese Kommunikation der Dynamik von Seelenregung entspricht und wir Hörer sie „verstehen“, desto „besser“ finden wir sie.

Jeong-ak, die strenge „regelgerechte Musik“, die koreanische Kunstmusik der Aristokratie der Joseon-Ära (1392 - 1910), die im März 2018 in drei Konzerten in Hamburg (Hochschule für Musik und Theater) und München (Bayerischer Rundfunk) sehr ausführlich präsentiert wurde, könnte daher eigentlich nicht erwarten, hier so warmherzig aufgenommen zu werden wie die westliche Klassik, denn sie funktioniert mehr nach Regeln des Staates als der Seele. Aber sie wurde sogar noch freundlicher angenommen, und dem Erlebnis des hiesigen Publikums, von einer ihm doch ganz fremden Musik innigst berührt zu werden, stand das Erlebnis der Musiker gegenüber, einem geduldig lauschenden Publikum vorzuspielen – unvergessliche Momente.

Kurator Matthias Entreß im Gespräch mit der BR-KLASSIK-Redakteurin Susanne Schmerda (Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Jeong-ak ist nicht die Botschaft einer schöpferischen Persönlichkeit, es ist die Essenz einer jahrhundertealten Kultur, einer von der Aristokratie des Königreiches der Yi-Dynastie entworfenen, gepflegten und zur Perfektion optimierten musikalischen Selbstdarstellung.

Haben wir in der westlichen Musikwelt zahllose berühmte Komponisten, die wiederum -zig, mitunter gar mehr als hundert große Werke geschaffen haben, beschränkt sich das gesamte Repertoire der Jeong-ak auf ca. zehn Werke oder Werkzyklen, von denen es aber manchmal mehrere Varianten gibt. Da in Deutschland die koreanische Musik nicht sehr bekannt ist, fällt es nicht ins Gewicht, wie klein das Repertoire ist, es könnte aber einer der Gründe dafür sein, dass das Interesse der mittlerweile sehr westlich orientierten Hörerschaft in Korea eher gering ist. Das und die Tatsache, dass die koreanische Musik der Reize von Dur und Moll und singbarer gefühlvoller Melodien (Mozart, Verdi etc.) entbehrt, wurde in früheren Jahrzehnten so schmerzlich empfunden, dass man mit Überblickskonzerten nach Europa ging, bei denen in siebzig Minuten acht verschiedene Stile vorgestellt wurden. Das war zwar abwechslungsreich, aber keiner der Hörer konnte so auch nur etwas davon zu hören lernen

Die Hamburger und Münchner Konzerte nun ließen das Hörenlernen zu, und ich als Kurator oder musikalischer Berater kann mich nicht genug dafür bedanken, dass die Musiker des National Gugak Centers Seoul darauf eingegangen sind und ein einfach strukturiertes Programm mit langem Atem zuließen. Und ist diese Musik nicht ganz vorzüglich geeignet, die Hörer zum Kennenlernen einzuladen? Fast ohne Tempo, mit stehender Zeit, beginnt die instrumentale Suite Hyeonak Yeongsanhoesang und arbeitet sich durch eine wegen ihrer Langsamkeit beinahe unerkennbare Melodie, wandelt sie in rätselhafter Weise ab, indem die Instrumente sie jeweils in ihrer Weise erzählen, gleichzeitig zwar, aber doch wie unabhängig voneinander. Die schweren Schläge des Geomungo, der Wölbbrettzither, die der Anführer ist, und die klagend klingende Bambusquerflöte Daegeum stellen die leise Spießgeige Haegeum zwar in den Schatten, aber ihr gemächliches Quäken dringt doch durch. So erschaffen die im Halbkreis sitzenden Musiker einen weit größeren Raum.

Verklingende Saiten vorne, fortklingende Töne hinten: Yeongsanhoesang in Hamburg

Kaum ein Symphonie- oder Sonatensatz der westlichen Musik hält diese Langsamkeit so beharrlich. Später äußerten sich die Musiker verwundert über die Geduld unserer Hörer, die aber einfach nur still blieben, weil sie dieser Musik sonst nicht hätten folgen können. Ob es als Ritual oder als „Tönende Philosophie“, als experimentelle Musik oder was immer wahrgenommen wurde, es erregte Kopf und Herz – einer postete später in sozialen Netzwerken, dass er an Erik Saties „Musique Ameublement“ (1917) erinnert wurde, welche ja einer der Anfänge der Avantgarde gewesen war. Denn die Avantgarde hatte ja mit dem erzählerischen Ausdruck der Klassik und Romantik aufgeräumt und wieder System und Konzept zum Leitbild gemacht. Was blieb da fremd? Andere empfanden Yeongsanhoesang minimalistisch oder nannten Verwandtschaften mit der Musik von Morton Feldman oder Giacinto Scelsi, Avantgardisten, die beide auf ihre Art eine große Konzentration auf Klang oder fortschreitende Veränderungen gelegt hatten. Die koreanischen Instrumente mit ihrer scharfen individuellen Klanglichkeit, die sich einer klanglichen Vermischung widersetzen, schaffen eine Fülle von zerbrechlichen Ereignissen, die man nicht müde wird zu hören. So wird das scheinbar Einfache durch den Klang ebenso komplex wie die Polyphonie von Bach oder Bruckner. Sich dem Werk und damit dieser Gattung in voller Länge widmen zu können, erlaubte es, nicht nur zu hören, wie sie klingt, sondern, wie es sich anfühlt, sich in sie zu versenken. Und schließlich zu finden, dass alle Vergleiche nicht ganz zutreffen.

Cheonnyeonmanseh (Tausend Jahre Frieden): Ein fröhlicher Ausklang des Münchner Konzerts

Ist diese komponistenlose Musik Natur? Oder ist sie klingende Tugend, als geistige Übung entworfen von Beamten und Musikern, die den Idealen eines friedlichen, aber hierarchisch geordneten Staates Ausdruck verschaffen wollten? Diese Kultur ist so zurückhaltend, dass sich eine ganze Musikgattung in nur einem Werk erschöpft!

Auch zutiefst bewegend und geistig herausfordernd waren die Gesangsformen Sijo, Gasa und Gagok. Am meisten gewiss Sijo. Dieser Stil kennt nur wenige melodische Grundformen, besser, Regeln mit drei Tönen, die auf eine unüberschaubare Anzahl von zumeist kurzen Texten angewendet werden können. Dies widerspricht wiederum allem, was in der westlichen Musik „Lied“ heißt, wo die Melodie und Begleitung doch dem Inhalt des Texts musikalisch Ausdruck verleiht. Dies ist bei Sijo, wo die wenigen Begleitinstrumente stets der Stimme folgen und sie in ihr eigenes Echo einbetten, gar nicht so. Aber den Text zu singen, erhebt ihn zu einem feierlichen Akt. Und die Musik spielt mit jedem Text und seinen Vokalen und Betonungen neu, sodass das scheinbar Gleiche nie dasselbe ist. In Hamburg war das Sijo-Programm fünfzig Minuten lang. Da die drei Sänger – die zauberhaft zarte und gerade zum Immateriellen lebenden Kulturgut erhobene Lee Jun-a, der kraft- und prachtvoll klar strahlende Kim Byoung-oh und der sich tief in den Ausdruck der Texte versenkende Hong Chang-nam – zusätzliche Kontraste schufen, hätte dieser Konzertabschnitt gewiss noch viel länger gehen können.

München: Lee Jun-a (Mitte), Lebender Kulturschatz, Bewahrerin der langen Lieder Gasa

Gasa, bei dem der Gesang in seiner „formellen“ Aufführungsweise ebenfalls von der leisen Oboe Sepiri, Haegeum und Daegeum plus Sanduhrtrommel Janggu zärtlich umschwirrt wird wie eine Blüte von Kolibris und Bienen, kennt nur zwölf lange Texte, deren weitschweifende Melodien allerdings individuell komponiert sind. Übrigens soll diese Aufstellung erst vor ca. 40 Jahren eingeführt worden sein. Vormals sollen sie höchstens Janggu und Daegeum zur Begleitung gehabt haben, wenn die Lieder nicht sogar komplett solistisch gesungen wurden. Auch andere traditionelle Musikformen Koreas sind erst im 20. Jahrhundert konzertmäßig erweitert worden – in diesem Fall höchst geschmackvoll und sensibel.

Sijos in Hamburg: Kim Byoung-oh und Lee Jun-a, eingebettet in die Klänge von Haegeum, Daegeum, Sepiri und Janggu

Was aber wird, wenn man hier die verschiedenen Versionen von Yeongsanhoesang sowie Yeomillak, Gagok, Sujechon, Jajinhanip und Jongmyojeryeak so gut kennt, dass man nach Neuem fragt? Es existiert schlicht nicht. Was in Korea heute für traditionelle Instrumente komponiert wird, tendiert zur westlichen Harmonik, und die löscht das kalte Feuer der Erhabenheit und inneren Ruhe, die der Jeong-ak eigen ist. Die Tugend, die Haltung, die die traditionellen Werke transportieren, findet in Zeiten der individuellen Komposition – ein westliches Konzept – keine adäquate Fortsetzung. Bisher zumindest!

Aber noch ist Jeong-ak, wie ja auch die Minsogak, die Musik der Volkstraditionen, nicht fester Bestandteil der kulturellen Kenntnis in Deutschland. Abgesehen von einer Ankündigung des zweiten Hamburger Konzerts am selben Tag in der Hamburger Ausgabe von „Die Welt“ und abgesehen davon, dass das Münchner Konzert in zusammen drei Sendungen vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wird*, hat es keinerlei Presse-Resonanz gegeben. Dass etwas, das alle Besucher der Konzerte, teils von weither angereist, als bedeutend oder herausfordernd erlebt haben, der Öffentlichkeit verborgen bleibt, ist ein trauriger, zutiefst erschütternder Zustand.

 

*Radio-Tipp: Musik der Welt: Jeong-ak – Tönende Philosophie, Sa. 20. Okt. 2018, auf BR-Klassik

München: Dankbarer Abschlussapplaus für alle Instrumentalisten der Deutschland-Tournee

Bild von Matthias R. Entreß

Foto: privat

Matthias R. Entreß

geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea.

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