Literatur

EWIG WÄHRT DER SCHMERZ DER LIEBE

                                        Die Schriftstellerin Gong Ji-young spricht über "Literatur und Liebe"

 

LITERATUR-TALK mit Gong Ji-young zum Thema “Literatur und Liebe”, Lettrétage (Berlin-Kreuzberg), 12.11.2018
Gong Ji-young (Mi.), Moderatorin Katharina Borchardt (re.), Dolmetscherin Irene Maier (li.)


Sie ist ein Star, seit dreißig Jahren eine der wichtigsten Stimmen der südkoreanischen Literatur. Das ist bemerkenswert, denn Gong Ji-young ist ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft, ein Seismograf des Schmerzes, ein Geigerzähler für Missstände. Wenn sie ihre Stimme erhebt, will sie denen Gehör verschaffen, die sonst keine haben.

Im November war Gong Ji-young an Universitäten in Kopenhagen und Berlin eingeladen, in diesem Rahmen kam es auch zu einer Begegnung mit ihrer Leserschaft. Den Weg in die Lettrétage in Berlin-Kreuzberg fanden vor allem koreanische Leserinnen. Eine sehr wache, sehr charmante Autorin stellte sich ihren Fragen ebenso wie ihrer Begeisterung. Davon konnten auch alle profitieren, die des Koreanischen nicht mächtig waren und sonst eher das Nachsehen haben: Auf Deutsch liegt bisher nur die Erzählung "Die Stimme des Gewissens" vor. Sie handelt das Schicksal des Journalisten Jürgen Hinzpeter ab, der 1980 die Gräuel des Militärs in Gwangju filmte. Der damalige Aufstand nimmt nicht nur im Werk Gongs einen zentralen Raum ein, sondern in der zeitgenössischen koreanischen Literatur generell.

Die Autorin Gong Ji-young

Etliche Texte von Gong Ji-young sind ins Englische oder andere europäische Sprachen übersetzt, vor allem "Our Happy Time", das den mühseligen Demokratisierungsprozess Ende der 1990er Jahre am Beispiel eines zum Tode verurteilten Mannes und einer vom eigenen Cousin missbrauchten Frau skizziert. Der Roman arbeitet mit scharfen, teils etwas holzschnittartigen Kontrasten und wurde von Amnesty International mit dem Special Media Award gewürdigt. "My Sister Bongsoon" spielt in den 1960ern und erzählt in Retrospektive von der Protagonistin Jiang und der Verwestlichung ihrer Familie, die nach dem koreanischen Wirtschaftswunder statt Reis Brot isst. Ihr Dienstmädchen Bongsoon muss schon als Kind hart arbeiten und erfährt später von wechselnden Männern häusliche Gewalt. Jiangs Mutter zwingt sie im 7. oder 8. Monat zu einer Abtreibung, gleichwohl verliert diese geschundene Kreatur nie ihren Optimismus. Bigotterie in der Aufsteigerschicht und die ungerechten sozialen Verhältnisse der damaligen Zeit – das sind die Themen von Gongs bisher vielleicht bestem Werk.

Um sie ging es auch an jenem Abend, den Irene Maier mit ihrer Dolmetschleistung auf souveräne Weise für alle erfahrbar gemacht hat, die keinen Zugang zum Koreanischen haben. Gong bezeichnet sich selbst als "Profileiderin". Schmerz, so ließe sich paraphrasieren, bedeutet das Öl, das ihren literarischen Motor am Laufen hält. Ihr Augenmerk liegt nicht auf dem Happy End einer – oder gar der – "Love Story", im Gegenteil, das langweilt sie. Dabei versteht sich die 1963 geborene, bekennende Katholikin keineswegs als Märtyrerin. Hinter ihrem Engagement stecke eine gehörige Portion Egoismus – der freilich der etwas anderen Art ist: Wenn ihr das eigene Essen im Hals stecken bleibt, weil sie jemanden sieht, der hungert, dann will sie den Hunger abschaffen. Das klingt banal, sicher, aber sie hätte ja auch das sprichwörtliche Rouleau runterlassen können.

Man kauft Gong ab, dass sie keine Wand zwischen sich und ihrer weniger satten Umwelt hochzieht. Dazu berichtet sie zu freimütig über ihr Schicksal, benennt sie die Dinge zu offen beim Namen. Die Tante in "Our Happy Times" habe sie schlicht aus der inneren Logik des Textes heraus benötigt, da sollte kein weltanschauliches Prinzip in eine Figur gegossen werden. Nein, ihre Generation handle nicht per definitionem engagierter, früher sei durchaus nicht alles besser gewesen, es käme stets auf den einzelnen Menschen an, gestern wie heute und morgen. Die technische Entwicklung dürfe man nicht in Bausch und Bogen aburteilen, von den sozialen Medien gehe zwar eine ungeheure Gefahr aus, aber das Internet könne auch zur Stimme der Unterdrückten werden ...

Bei dieser soziologisch grundierten Sicht nimmt es nicht wunder, dass ihr Liebeskonzept nicht nach erotischen Begehrlichkeiten fragt, die Amour fou ebenso wenig von ihr thematisiert wird wie die Ménage à trois. Als Synonyme für Liebe nennt sie „Nächstenliebe", „Zugewandtheit" und „ernstes Gespräch", darüber hinaus löst sie das Gefühl aus dem Familienverband, verortet es nicht nur im biologischen Kontext, sondern auch im sozialen.

Für westliche Ohren mag sich das gelegentlich "undivers" anhören, doch gerade in solchen Momenten gewinnen kulturelle Begegnungen dieser Art ihre Anregung über den Abend hinaus. Innerhalb der koreanischen Community kam es zu einer lebhaften Diskussion um die "Schule der Liebe", die Gong entworfen hat. Liebe müsse gelernt werden wie eine Sprache, das ist ihre feste Überzeugung. Das gelte auch für Selbstliebe, die Schutz gegen jene übergriffige Selbstoptimierung biete, welche die Gesellschaft dem Individuum abverlange. Gong weiß, wovon sie spricht. Die Schönheitsindustrie samt operativer Eingriffe boomt in Südkorea. Da es letztlich jedoch ein globales Phänomen ist, können Stimmen wie die Gongs nicht laut genug sein. Welche Kritik dann überhaupt zulässig sei, wollte jemand aus dem Publikum wissen. Stets die, bei der es um Meinungsverschiedenheiten gehe, bei der Argumente zählen, nicht die Nasenlänge. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Und die Selbstliebe? Dieses Schlagwort könnte missverständlich klingen, doch dürfte mittlerweile klar sein, dass Gong nicht auf die Zahl von Followern zielt, sondern auf Ausgeglichenheit, Selbstakzeptanz und Kontemplation.

Ihr Leben sei ihr zu kostbar, als dass sie es sich vom Schmerz stehlen lassen möchte, behauptet die "Profileiderin" – und muss sich gegen allerlei Schmerzen wehren. In ihren Romanen habe sie eine Fantasiestadt etabliert, um Klagen vorzubeugen. Eine staatlich gesteuerte Mobbingkampagne gegen sie hat bis zur Kerzenlicht-Revolution 2016/2017 zur Twitter-Abstinenz geführt, seitdem "twittere ich um mein Leben", um glücklich wie einst als Kind ihre Texte schreiben zu können. Die Gesellschaft hat die "Schule der Liebe" noch nicht durchlaufen ...

Die #MeToo-Bewegung halte sie für ähnlich wichtig wie die Kerzenlicht-Revolution. Worte aus dem Mund einer Autorin, die seit Jahrzehnten Gewalt gegen Frauen beschreibt ... Ihr jüngster Roman kritisiert den Umgang mit sozialen Medien, können diese doch zu einer freiwilligen Psychiatrisierung einladen: "Musste" man früher an einer psychischen Störung leiden, um mehrere Identitäten auszuleben, reicht heute der Internetzugang ... Gong versichert, sie brauche den Schutz des Kreuzes, dessen Bild ihren eigenen Account begleitet. Warum eigentlich? Diese Frage unterblieb leider. Gleichzeitig übt sie auch an der katholischen Kirche in Korea Kritik, selbst wenn sie diese, auch in Kenntnis europäischer Verhältnisse, als engagiert beschreibt. Wie diese Kritik denn aufgenommen worden sei, so eine Frage aus dem Publikum. Drei Vorträge seien schon abgesagt worden ... Gongs Schmerz dürfte in absehbarer Zeit nicht abklingen. Daher ist von ihr noch einiges zu erwarten ...

Im Anschluss signierte die Autorin die Bücher (Alle Fotos: Koreanische Kulturzentrum).

 

 

Bild von Christiane Pöhlmann

Foto: privat

Christiane Pöhlmann

übersetzt aus dem Russischen und Italienischen und arbeitet als Literaturkritikerin (FAZ, Glanz & Elend).

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