Kaleidoskop

AEGYO: LIEBENSWÜRDIGKEIT AUF KOREANISCH

Twice

Die südkoreanische Pop-Gruppe Twice (2018) ist regelrecht bekannt für ihre Darbietungen von Aegyo (Foto: © 월아조운)

Wer oft und gern koreanische Dramen, Filme, Fernsehshows oder auch Musikvideos schaut, dem ist das sogenannte Aegyo (애교) nicht unbekannt. Wenn auf einmal ein K-Pop-Idol oder ein/-e Schauspieler/-in in Babystimme ein Lied anstimmt, Fingerherzen in Richtung Kamera formt und schmollt, führt diese/-r in der Regel Aegyo auf. Doch was genau hat es mit diesem übertriebenen, zuckersüßen Verhalten auf sich?

Aegyo ist eine Kombination aus einem bestimmten Verhalten in Form von verschiedensten Handbewegungen und Gesichtsausdrücken als auch einem besonderen Sprachgebrauch. Insgesamt soll dieses Zusammenspiel auf andere Personen kindlich, niedlich, unschuldig und liebenswert wirken. Die Intention hinter Aegyo ist meist stark situationsabhängig. Allgemein lässt sich aber sagen, dass diese Form des Verhaltens angewandt wird, um von anderen gemocht beziehungsweise als sympathisch empfunden zu werden. Eine genaue Übersetzung des Wortes ins Deutsche gibt es nicht, oftmals wird es jedoch mit „Liebreiz” oder „Liebenswürdigkeit” übersetzt. 

Auch wenn Aegyo häufig als ein einzigartiges Merkmal koreanischer Kultur beschrieben wird, existieren dennoch ähnliche Phänomene in vielen ostasiatischen Ländern. Besonders beliebte Formen von Aegyo in Korea sind das Formen von Herzzeichen oder V-Zeichen mit den Fingern, Schmollen, das Sprechen in Babystimme, Lispeln sowie Flüstern. Oft werden auch Szenen aus koreanischen Dramen wie z.B. das sogenannte „Bbuing Bbuing“ (‚뿌잉뿌잉') aus „High Kick 3: Revenge of the Short Legged“ (‚거침없이 하이킥! 짧은 다리의 역습’) nachgestellt. In dem Drama bezeichnet „Bbuing Bbuing” eine Faustbewegung, gepaart mit dem Sprechen in Babystimme. Auch viele koreanische Lieder wurden zur Vorlage für Aegyo. Ein bekanntes Beispiel ist der Song „Oppaya” (‚오빠야‘) von Seenroot (‚신현희와김루트‘). Insbesondere das Intro, welches aus einer in Babystimme vorgetragenen Liebeserklärung einer jungen Frau an einen älteren Mann besteht, wird oftmals gecovert oder als Playback für verschiedenste putzig wirkende Handbewegungen und Gesichtsausdrücke verwendet.

S.E.S. während ihrer Promotion für ihren Hit I’m Your Girl”, 1997 (Foto: © 묘묘이야기)

 

Eine der ersten Gruppen, die Aegyo in ihr Konzept integrierten, war 1997 die Girlgroup SES mit ihrem Lied „I’m Your Girl“. Seither sind derartige Konzepte ein fester Bestandteil der südkoreanischen Entertainmentindustrie und wurden von Gruppen wie Girls Generation, f(x), Twice und vielen anderen weiter vorangetrieben. Wenn eine neue Gruppe auf den Markt kommt, ist es nicht unüblich, dass deren Debüt-Konzept Aegyo beinhaltet. Dies hat meist zwei Gründe. Zum einen etabliert es die Debütanten als Rookies, also Newcomer, in der Szene, zum anderen hat es sich immer wieder erwiesen, dass ein unschuldig wirkendes Gruppenkonzept zu größerem Erfolg führt. 

Die beim TV-Sender MBC ausgestrahlte Unterhaltungssendung „Weekly Idol“ hat ein ganzes Segment namens „Aegyo Battle“ geschaffen und ist nun quasi „Geburtsstätte“ für neue Aegyo-Trends wie das Lied „Gwiyomi“ (‚귀요미’), „Oppaya“ (‚오빠야‘) oder auch den sogenannten „Confession Song“. Im „Aegyo Battle” werden die eingeladenen Stars, die sogenannten Idols, von den Moderatoren aufgefordert, ihre jeweils charakteristische Form von Aegyo zu demonstrieren. Basierend auf der Performance bestimmen die Hosts der Show, wer von den Gästen den größten Liebreiz besitzt.

Große Augen gelten als putzig in Südkorea (Foto:  © Olivia Meißner).

 

Obwohl Aegyo mittlerweile als fester Bestandteil koreanischer Pop-Kultur angesehen wird, wissen viele gar nicht, dass diese Darbietungen von kindlichem Liebreiz auch im südkoreanischen Alltag zu finden sind. Jedoch ist das alltägliche Aegyo weniger übertrieben und kitschig als jenes, welches von Schauspielern/-innen und Idols für ihre Fans aufgeführt wird. Diese im banalen Tagesgeschehen verwendeten, putzig wirkenden Aufführungen sollen so nahtlos wie möglich in Konversationen eingebaut werden. Nicht einmal die Absicht der Anwendung soll für andere klar erkennbar sein. Doch nicht nur in realen Unterhaltungen nimmt Aegyo einen Platz ein, sondern auch in Textnachrichten wird es durch bestimmte Wortendungen und Emojis integriert. Da diese kindlichen Spielereien natürlich wirken sollen, lernen die meisten Koreaner/-innen früh, Aegyo an ihre eigene Persönlichkeit anzupassen.  

Eigentlich hat Aegyo seine Ursprünge in der koreanischen Eltern-Kind-Beziehung. Kinder werden oft von klein auf dazu ermutigt, ihre Liebe zu den Eltern zum Beispiel durch Tanzen, Singen, Küsschengeben, Umarmen oder auch durch das Formen von Herzzeichen mit den Händen auszudrücken. In den Augen von vielen Koreaner/-innen ist Aegyo ein Zeichen von Nähe und Intimität, welche meist nur mit Familie und Freunden geteilt wird. Kindern wird zeitig bewusst, dass sie Aegyo verwenden können, um ihre Eltern in eine gute Stimmung zu versetzen. Auch entwickeln sie schon früh ein Gefühl dafür, wann diese Spielereien angemessen sind und wann nicht.

Bereits im Kindesalter zeigt sich eine gewisse Unterscheidung zwischen Jungen und Mädchen. Zwar werden beide Geschlechter zu Aegyo ermutigt, allerdings wird es in der Regel von Mädchen eher erwartet als von Jungen. Der Grund ist, dass diese Art von Benehmen in Südkorea als eine feminine Eigenschaft angesehen wird. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass es öfters von Frauen als von Männern an den Tag gelegt wird. Dennoch sind Männer, die sich bemühen, putzig aufzutreten, kein seltener Anblick. Durch die zunehmende Geschlechtergleichstellung in der südkoreanischen Gesellschaft ist heutzutage diese Form des Verhaltens im Großen und Ganzen gängig für beide Geschlechter. Allerdings verwenden viele Männer Aegyo auf eine ironische Art und Weise, während die Mehrheit der Frauen tatsächlich niedlich wie ein Kind wirken will. Meistens wird dieses schnuckelige Auftreten als eine positive Eigenschaft wahrgenommen. Wenn ein Erwachsener kein Aegyo beherrscht, gehen Koreaner/-innen oft davon aus, dass dieser eine unglückliche Kindheit hatte. Häufig stellen Eltern auf verschiedensten Social-Media-Plattformen Videos oder Bilder von ihren Kindern ein, die solche kleinen Darbietungen präsentieren. Mehrfach sind derartige Aufnahmen viral gegangen und wurden zu Vorlagen für Aegyo-Demonstrationen von K-Pop-Idols und koreanischen Schauspieler/-innen.

Ein V-Zeichen mit den Fingern zu machen, ist eine übliche Geste in der Darstellung von Aegyo (Foto: © Olivia Meißner).

Verfeinert und abgewandelt findet sich dieses spielerische Verhalten auch in der Erwachsenenwelt. Und obwohl hier Aegyo kindliches Verhalten imitiert, ist dieses nicht als rein kindlich aufzufassen. Das wird vor allem in der Dating-Kultur Koreas deutlich. Dort hat Aegyo nämlich eine wichtige Funktion. Einerseits fungiert es als eine Form des Flirtens. Die kleinen Aufführungen gelten als ein Zeichen der Annäherung sowie als Indikator für den Stand der Intimität zwischen zwei Personen. Oftmals wird diese Geste von südkoreanischen Männern als Äußerung großen Vertrauens seitens der Frau aufgefasst.

Andererseits wird Aegyo in Liebesbeziehungen gern dazu verwendet, den eigenen Willen durchzusetzen. Zum Beispiel möchte die Freundin gern etwas Bestimmtes haben oder unternehmen, doch ihr Freund ist dagegen. In einer solchen Situation ist es nicht ungewöhnlich, dass der unwillige Partner mit einer zuckersüßen Performance umgestimmt wird. Auch nach einem Streit wird Aegyo oft verwendet, um die Wogen zu glätten und sich wieder zu versöhnen. Wenngleich nicht jeder südkoreanische Mann Aegyo mag, ist dieser unschuldige Charme dennoch eine Eigenschaft, die sich viele Männer in Südkorea bei einer Partnerin wünschen. 

Und obwohl Aegyo seine Ursprünge in der Eltern-Kind-Beziehung hat und eine wichtige Rolle im Liebesleben vieler junger Koreaner/-innen spielt, ist der kindliche Liebreiz auch am Arbeitsplatz oft gang und gäbe. Häufig wird diese Form des Verhaltens eingesetzt, um jemanden behutsam zurechtzuweisen. Anstelle von klassischer Höflichkeit, wie sie im Westen üblich ist, wird in Korea diese Form des Verhaltens verwendet, um die soziale Harmonie aufrechtzuerhalten. Insbesondere Frauen in hohen beruflichen Positionen nutzen Aegyo in ihren Interaktionen mit männlichen Kollegen und Untergebenen, um diese ihre überlegene Stellung nicht so stark spüren zu lassen. Daher wird Aegyo auch oft als „Soft Power“ der Frauen bezeichnet.

Besonders in den sozialen Medien ist Aegyo sehr beliebt (Foto: © Olivia Meißner).

Schon lange geht Aegyo über Fingerherzen, Sprechen in Babystimme und Schmollmund hinaus. Nachdem die Inszenierung jener naiv kindlichen Lieblichkeit Bestandteil des Konzeptes vieler K-Pop-Gruppen wurde, entwickelte sich Aegyo zu einer eigenen Ästhetik weiter. Darin wird versucht, durch Kleidung, Make-up oder auch Schönheits-OPs ein kindliches, unschuldiges und liebenswürdiges Aussehen zu erreichen. Besonders beliebt ist das sogenannte „Aegyo-Sal“, ein kleines Fettpölsterchen unter den Augen. Dieser Look wird oft als „lächelnde Augen“ übersetzt und soll laut vielen Koreaner/-innen die Augen größer und freundlicher wirken lassen. Wer Glück hat, wird mit Aegyo-Sal unter den Augen geboren. Koreaner/-innen mit weniger Glück helfen oft mit Make-up oder auch einer OP nach. Mit der Zeit kamen einige Kosmetika in Südkorea auf den Markt, die speziell dafür entwickelt wurden, diesen Look zu kreieren. 

Obwohl Aegyo Teil der koreanischen Kultur geworden ist und in fast jedem Aspekt des koreanischen Alltags auftaucht, sind nicht alle von diesen kindlichen Spielereien begeistert. Heutzutage weigern sich immer mehr junge Koreanerinnen, Aegyo anzuwenden, da sie damit aus ihrer Sicht den stereotypischen Erwartungen an Frauen nachgeben würden. Doch bleibt diese Verweigerung nicht ganz ohne Konsequenzen. Egal ob in der Familie, im Freundeskreis, bei der Partnersuche oder auch am Arbeitsplatz, Frauen, die kein Aegyo verwenden, erfahren oftmals Diskriminierung aufgrund ihres „fehlenden“ Charmes. Das Interessante hierbei ist, dass laut manchen Forschern Aegyo einst eine Art Gegenbewegung zu dem vom Konfuzianismus geprägten „weise Mutter, gute Ehefrau“-Stereotyp war, welches für lange Zeit das Frauenbild in Korea prägte. Durch die starke Repräsentation von Aegyo in der koreanischen Pop-Kultur sowie in den Massenmedien wurde diese subversive Form von Femininität schnell zum Mainstream und schließlich das neue Ideal, welches nun vor allem jungen Koreanerinnen aufgezwungen wird. Auch einige Anthropologen/-innen, die sich auf Korea und den ostasiatischen Raum spezialisiert haben, argumentieren, dass Aegyo das traditionelle Frauenbild in Südkorea weiterhin bestärkt und laut Definition von Murnen und Byrne teils sogar eine Hyperfemininität begünstigt. Zudem sind Beobachter des Phänomens besorgt über die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Verkindlichung von erwachsenen Frauen.

 

[1] Fanservice, ursprünglich aus der japanischen Pop-Kultur hervorgegangen, beschreibt Handlungen von Prominenten, welche in erster Linie dazu dienen, ihren Fans zu gefallen.

Foto von Olivia Meißner

Foto: privat

Olivia Meißner

studiert seit 2016 Koreastudien an der Freien Universität Berlin. Zwischen 2018 und 2019 absolvierte sie ein Auslandsjahr an der Sogang University in Seoul. Olivia interessiert sich besonders für die gegenwärtige koreanische Kultur und Gesellschaft.

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