Gesellschaft

Aufbruch aus der Komfortzone

Stephanie Auten (Foto: privat)

Die Jugendbuchautorin Stephanie Auten (Foto: privat) 

 

EIN UMZUG MIT FOLGEN

Im Gespräch mit der Jugendbuchautorin Stephanie Auten

Expatriates oder kurz Expats. Dieser Anglizismus bezeichnet im engeren Sinne Mitarbeiter international agierender Unternehmen, die von ihrem Arbeitgeber auf Zeit ins Ausland entsandt werden, um dort in einem Tochterunternehmen des Konzerns oder in einem externen Projekt zu arbeiten. Meist gehen sie diesen Schritt nicht allein, sondern nehmen ihre Familien mit.

Wie ist es, von heute auf morgen die vertraute Umgebung und liebgewonnene Menschen zurückzulassen und anderswo völlig neu anzufangen? Insbesondere für Jugendliche kann dies einen riesigen Einschnitt bedeuten. Stephanie Auten hat von April 2017 bis Juli 2019 in Südkorea gelebt und die Zeit dazu genutzt, ein Jugendbuch zu schreiben, das von Pubertät, Umzug, Familie und erster Liebe handelt. Es erzählt von der zwölfährigen (später dreizehnjährigen) Emmi, die von ihrem Vater mit der Nachricht konfrontiert wird, dass er für einige Zeit in Südkorea arbeiten werde und dass sie, ihre Mutter und ihr kleiner Bruder Benno „mal eben“ mitziehen sollen. Für Emmi bricht zunächst eine Welt zusammen, bedeutet dies doch den Abschied von ihren besten Freunden und den Aufbruch in ein ihr völlig unbekanntes Land.

Von Emmi in Korea" existieren drei Bände: Urlaub mit Folgen" (ISBN 978-171909770), Umzug mit Hindernissen" (ISBN 978-1731169754) und Schulstart mit Herzklopfen" (ISBN 978-1072269212)

Abbildung: Umzug mit Hindernissen" (Umschlaggestaltung und Illustration: Katharina Netolitzky) 

Nicht nur für ihre Romanfgur, sondern auch für die Autorin selbst war der Umzug nach Korea ein Sprung ins kalte Wasser. Als ihr Partner eine Stelle als Lehrer an der Deutschen Schule Seoul (DSSI) annimmt, reicht sie Urlaub bei ihrem Arbeitgeber im öffentlichen Dienst ein - mit dem Wissen, dass es ihr als mitreisende Begleiterin nicht möglich sein wird, einen Beruf auszuüben. Anders als vielleicht vermutet, kommt ihr dieser Umstand sehr gelegen. Sie habe lange auf die Chance gewartet, sich intensiv dem Schreiben widmen zu können, verrät sie. Dank Korea kann sie ihren Traum endlich verwirklichen.

Es gibt bereits zahlreiche Blogs und persönliche Erfahrungsberichte, die Mitgliedern der Expat-Community die Möglichkeit zu Austausch und Information bieten. Aber sie habe wohl Glück gehabt, dass vor ihr noch niemand die Idee gehabt habe, die eigenen Erlebnisse in Form eines Jugendbuchs literarisch zu verarbeiten, mutmaßt die studierte Historikerin. „Natürlich ist es von Vorteil, diese Situation selbst durchlebt zu haben und zu wissen, wovon man schreibt, selbst wenn die Geschichte um Emmi rein fiktiv ist.“ Bislang existieren drei Bände - „Urlaub mit Folgen“, „Umzug mit Hindernissen“ und „Schulstart mit Herzklopfen“ -, die ein eigentlich ernstes Thema mit viel Humor und Leichtigkeit behandeln und Jugendlichen, die vor dem Umzug ins Ausland stehen, mögliche Ängste nehmen. Die Erlebnisse von Emmi aus der deutschen Provinz, die sich plötzlich in einer asiatischen Megacity zurechtfnden muss, machen Mut, Grenzen zu überwinden und sich auf Ungewohntes einzulassen. 
 

Foto: Stephanie Auten

Die Autorin lebte während ihres Aufenthaltes im Seouler Stadtteil Itaewon, in unmittelbarer Nähe zum Namsan Park und dem Wahrzeichen N Seoul Tower  (Foto: Stephanie Auten).  

Dass Abenteuerlust und Sicherheitsbedürfnis individuell unterschiedlich stark ausgeprägt sind, erfuhr die Autorin, als sie in ihrem Bekanntenkreis von ihren Plänen berichtete. Einige sind begeistert von der Idee, mit Mitte 30 – ein Alter, in dem meist die Weichen für die nächsten Lebensjahrzehnte gestellt werden und der Fokus auf Karriere, Kinderkriegen und Hausbau liegt, - noch einmal aufzubrechen und etwas völlig Neues anzufangen. Andere schreckt dieser Gedanke eher ab.


Sechs Wochen benötigt der Schiffscontainer, um Stephanie Autens Hausstand von Bremerhaven nach Busan zu bringen. Trotz der professionellen Abwicklung des Transports bescheren ihr die Planung und Vorbereitung so manches graue Haar und lassen danach „jeden weiteren Umzug in eine andere Straße geradezu lächerlich erscheinen“. In der südkoreanischen Metropole angekommen, brauchen sie und ihr Partner mehrere Anläufe, bis sie endlich eine geeignete Bleibe fnden: „Wir hatten leider etwas Pech mit dem Lärm und mussten zwei Mal umziehen.“ Auch wenn es in Seoul genügend freien Wohnraum zu geben scheint, sei der Wohnungsmarkt für Ausländer recht undurchsichtig. Dank eines auf internationale Kunden spezialisierten Maklers gelingt es ihnen trotzdem jedes Mal, ein neues Zuhause zu fnden.
 

Foto: Stephanie Auten

Koreanisches Essen liebt die Autorin auch heute noch und ist in Berlin regelmäßig auf der Suche nach authentischen Restaurants (Foto: Stephanie Auten).  

Psychologische Studien belegen, dass der Wohnortwechsel ins Ausland insbesondere für die mitreisenden Familienmitglieder zur Belastungsprobe werden kann. Während die (immer noch meist männlichen) Expats gewöhnlich von hilfsbereiten Kollegen empfangen werden, die ihnen den Einstieg am neuen Arbeitsplatz erleichtern, sind die zu Hause bleibenden Partnerinnen auf sich gestellt, wenn es darum geht, den Schul- und Kindergartenalltag zu organisieren und dem Nachwuchs über die ersten Hürden hinwegzuhelfen. Kinderlose Partner stehen vor der Herausforderung, sich für die Zeit, die der Expat auf der Arbeit verbringt, eine Beschäftigung zu suchen und ihr Leben neu zu strukturieren.

Dank ihrer Schreibambitionen und ihrer proaktiven Herangehensweise fällt es Stephanie Auten jedoch nicht schwer, ihre Zeit auszufüllen und sich mit der neuen Umgebung anzufreunden. Bereits in Berlin belegt sie Koreanisch-Anfängerkurse an der Volkshochschule und informiert sich umfassend über ihr Gastland. In Seoul begibt sie sich auf Entdeckungstour durch die Riesenmetropole, lernt Koreanisch im Tandem und besucht Kurse am Itaewon Global
Village Center. Die Institution ist eine von mehreren Einrichtungen, die Neuankömmlingen das Einleben in Korea erleichtern und ihnen einen Crash-Kurs in koreanischer Kultur geben sollen. „Hier gibt es zum Beispiel rechtliche Beratungen, Kochkurse und gemeinsame Museumsbesuche“.

Um in ihrer Wahlheimat Kontakte zu knüpfen, gibt sie einmal pro Woche ehrenamtlich in einem Sprachcafé Deutsch-Konversationskurse für Fortgeschrittene. Dort trifft sie Koreaner*innen aller Altersstufen mit sehr guten Sprachkenntnissen, die in Deutschland gelebt und gearbeitet haben oder dies noch vorhaben. Dank freier Themenwahl kann sie alle Fragen über Korea stellen, die ihr auf den Nägeln brennen, und erhält viele interessante Einblicke in die koreanische Gesellschaft.
 

Die Deutsche Schule Seoul (DSSI) ist auch Schauplatz von „Emmi in Korea“

Abbildung: Band 3 - „Schulstart mit Herzklopfen" (Umschlaggestaltung und Illustration: Katharina Netolitzky) 

Anschluss fndet Stephanie Auten auch über die Deutsche Schule Seoul. Ebenso wie viele deutsche Firmen in Korea und der Deutsche Club Seoul bietet sie Ansprechpartner, Mentoren-Programme und ein Willkommensteam, die den zugezogenen Erwachsenen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Stephanie Auten bezeichnet die Schule und den Kindergarten als „Mittelpunkt der deutschen Expat-Community“. Über sie sind die meisten in Seoul lebenden Deutschen in irgendeiner Form untereinander vernetzt. Auch diejenigen, die keinerlei direkte Verbindung zur Schule haben, nutzen die Gelegenheit, den deutschen Weihnachtsmarkt, den Flohmarkt und andere Events auf dem Schulgelände zu besuchen. Zusätzliche Anlaufstellen sind die Dependance der deutschen Handelskammer und die deutsche Botschaft, die zwei Mal im Jahr zum Empfang lädt. Internationale Freundschaften knüpft Auten auch über Facebook-Gruppen und Online-Communitys für Expats wie Internations.

Die Deutsche Schule Seoul mit ihren rund 150 Schülerinnen und Schülern bietet alle Schulformen und Abschlüsse an: von der Grundschule bis zur gymnasialen Oberstufe, von der Mittleren Reife bis zum Abitur. Auch ein Kindergarten ist an sie angegliedert. Die DSSI ist ein Sammelbecken für Kinder und Jugendliche mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen. Für manche ist es der erste Auslandsaufenthalt, andere haben sich bereits daran gewöhnt,im Abstand von wenigen Jahren regelmäßig in ein neues Land umzuziehen. Ein Teil der Schülerschaft besteht aus Koreanern, deren Eltern in Deutschland studiert und gearbeitet haben und ihrem Kind nach dem Abitur ebenfalls ein Studium in Deutschland ermöglichen möchten. Doch nicht alle koreanischen Eltern können ihre Kinder an eine internationale Schule schicken: Nur wer mindestens drei Jahre im Ausland gelebt hat, erfüllt die Voraussetzungen. Die Schule ist auch Schauplatz von „Emmi in Korea“. Hier erlebt die Schülerin ihren aufregenden ersten Schultag, und hier fndet sie neue Freunde. Gespräche mit koreanischen Mitschülern und Streifzüge durch die südkoreanische Hauptstadt erlauben ihr einen Blick hinter die Kulissen ihres neuen Wohnorts


 

Band 1 von „Emmi in Korea": „Urlaub mit Folgen" 

(Umschlaggestaltung und Illustration: Katharina Netolitzky) 

Die Olympischen Winterspiele in PyeongChang 2018: Auch minus 15 Grad konnten die Autorin nicht davon abhalten, dabei zu sein (Foto: Stephanie Auten). 

Stephanie Auten selbst nennt Korea einen „Glücksgriff“. Die Asienliebhaberin, die vorher bereits Singapur, Thailand und Kambodscha bereist hatte, traf in Korea auf eine technologisch weit fortgeschrittene, dienstleistungsorientierte Gesellschaft - alles Annehmlichkeiten, die man bei einem längeren Aufenthalt in einem Land doch sehr zu würdigen wisse, wie sie zugibt.

Inzwischen ist ihre Zeit in Seoul um, und sie ist zurück in Berlin. Aus Korea ist sie „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ weggegangen. Natürlich habe sie sich darüber gefreut, Familie und Freunde wiederzusehen. Zu schätzen weiß sie auch die günstigen Lebensmittel („vor allem Obst ist in Korea teuer“) und die gute Luftqualität („ein Thema, das in Korea allgegenwärtig ist“). Fehlen werden ihr „die Skyline von unserem Wohnzimmerfenster, aber auch das Sicherheitsgefühl im Alltag“. Kleinkriminalität in Form von Diebstählen sei in Korea faktisch unbekannt: „Ich konnte zum Beispiel meine offene Tasche im Einkaufswagen stehen lassen, drei Regale weiter gehen und zu 100 Prozent sicher sein, dass nichts daraus gestohlen wird.“ Auch die Achtsamkeit im zwischenmenschlichen Umgang wird sie vermissen.

Ihre Reihe „Emmi in Korea“ wird sie wohl fortsetzen. Das ist sie ihren Leser*innen schuldig, die ihr regelmäßig schreiben und ihre Geschichten witzig und spannend fnden. Denn schließlich werden sie wissen wollen, für wen sich Emmi entscheidet: für Jan, den coolen älteren Bruder ihrer neuen besten Freundin Anne, oder für ihren gutaussehenden Mitschüler Min-Jun.
 

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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