Literatur

Die dunkle Seite der Welt

Literatur-Talk mit Park Hyoung-su im Literaturhaus Berlin

LITERATUR-TALK mit Park Hyoung-su am 3.Juli 2019 im Literaturhaus Berlin (Alle Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)


Park Hyoung-su liest in Berlin aus „Nana im Morgengrauen“ – und berührt Abgründe


„Aber warum schreiben Sie denn nun nicht über Korea?“ Die Fragestellerin, die an diesem Sommerabend zusammen mit etwa 50 anderen Zuhörer*innen ins Literaturhaus Berlin gekommen ist, um Park Hyoung-su aus seinem Roman „Nana im Morgengrauen“ lesen zu hören, ist hörbar verwirrt. Dabei ist es eigentlich schon das zweite Mal, dass die Frage im Laufe der Veranstaltung gestellt wird: Gleich zu Beginn des Literatur-Talks hatte die Moderatorin Barbara Wahlster darauf hingewiesen, dass Parks Entscheidung, seine 500-seitige Handlung nicht in Korea, sondern in Bangkoks Rotlichtbezirk Nana – mit anderen Worten: im Ausland – spielen zu lassen, für die koreanische Gegenwartsliteratur nach wie vor ungewöhnlich sei.

Matthias Scherwenikas (Sprecher)

Matthias Scherwenikas liest aus "Nana im Morgengrauen"

Der Grund für diese Obsession der koreanischen Autor*innen für das eigene Land, erläutert Park Hyoung-su, dessen Gedanken von der Dolmetscherin Irene Maier wortgewandt ins Deutsche gebracht werden, läge in der koreanischen Geschichte begründet: Die lange, gewaltsame Kolonialisierung durch Japan, gefolgt von einer nicht minder gewaltvollen Phase der Diktatur, hätten es den Koreaner*innen lange Zeit schwer gemacht, den Blick nach außen zu richten, und so seien auch koreanische Autor*innen bis vor kurzem vor allem mit den Turbulenzen in ihrer Heimat beschäftigt gewesen. Parks Roman schaut zwar weit über die koreanischen Grenzen hinaus, indem er sich mit Thailand einen Handlungsort wählt, der, dem Autor zufolge, aus koreanischer Sicht neben Afrika als der „Traumort“, als der „wesenhaft fremde Ort“ schlechthin gilt; zugleich wird man aber das Gefühl nicht ganz los, dass es sich bei „Nana im Morgengrauen“ doch um einen sehr koreanischen Roman handelt, in dem sich das Verhandeln der (historischen) Gewalterfahrungen bis nach Bangkok ausdehnt.

Denn Gewalt, insbesondere sexualisierte Gewalt, wird in Parks Roman mit einer so drastischen Nonchalance geschildert, wie man sie sonst vielleicht von chinesischen Gegenwartsautoren wie Mo Yan, aber auch aus dem koreanischen Kino von Filmen wie „Oldboy“ oder „3-Iron“ kennt. Park folgt dem Protagonisten Leo, der sich nach Abschluss seines Studiums auf einer mehrmonatigen Weltreise befindet, in die Niederungen der Sukhumvit Soi 16, einem verslumten Wohnviertel Bangkoks, das vor allem von Prostituierten, Drogendealern, Straßenhändlern und den Ärmsten der Armen bewohnt wird. Hier trifft Leo auf die Prostituierte Ploy, die ihn so sehr fasziniert, dass er all seine weiteren Reiseziele aufgibt und sechs Monate lang in dem verdreckten, stinkenden, heruntergekommenen Zimmer hängenbleibt, das Ploy gemeinsam mit drei Freundinnen, die sich ebenfalls als Sexarbeiterinnen verdingen, bewohnt.

In den flächigen, detailverliebten Beschreibungen, die darauf folgen, scheint die eigentliche Hauptfigur des Romans oft die Sukhumvit Soi 16 selbst zu sein, zu deren Schilderung Park deutlich Elemente des magischen Realismus einsetzt. So verstrickt sich etwa Leo, während er eine Treppe hinunterfällt, in eine philosophische Diskussion mit einem Gecko; an anderer Stelle wird ein Drogendealer, der nach einem Überfall ins Wachkoma gefallen ist, von seinen Kindern in einen Blumentopf gepflanzt, betreibt fortan Photosynthese und verlässt seinen Topf nur noch freitags, um durch die Sukhumvit-Straße zu spazieren: „An den Koteletten war er teilweise ergraut und unter dem Fußknöchel hatte er gelblich angetrocknete Gartenerde. Er schien damit sagen zu wollen, dass manchmal das, was man sah, schon alles war.“

Autor Park Hyoung-su und Dolmetscherin Irene Maier

 

Obwohl er es schließlich schafft, sich mit seinem letzten Ersparten noch ein Rückflugticket nach Korea zu kaufen, kehrt Leo über die nächsten zehn Jahre immer wieder in die Sukhumvit Soi 16 und zu ihren Bewohner*innen zurück. Er sucht dort keinen Sex, sondern Freundschaft und Nähe – und bleibt doch immer ein Fremder. Insofern ist „Nana im Morgengrauen“, wie Barbara Wahlster im Gespräch mit dem Autor bemerkt, eine Art „Anti-Reiseroman“: Zwischen Drogenkonsum, Polizeigewalt, Prostitution, Totgeburten, Krankheiten, Armut und Vergewaltigung erzählt Park Hyoung-su hier eine Geschichte von reiner Gegenwart, in der es keine Entwicklung der Protagonist*innen, kein Weiterkommen und keine erlösende Katharsis gibt. 

Parks Roman fragt schmerzhaft deutlich danach, inwieweit Menschen überhaupt einen Einfluss auf ihr eigenes Schicksal haben, denn Wiederkehr und Stagnation ereignen sich nicht nur in der Gegenwart der Erzählung, sondern über einen Zeitraum von vielen hundert Jahren hinweg: Leo fühlt sich deswegen so sehr zu Ploy hingezogen, weil er über die Fähigkeit verfügt, in visionsartigen Zuständen zu sehen, wer die Menschen um ihn herum in einem früheren Leben waren – und ausgerechnet in der Bangkoker Sexarbeiterin erkennt er eine indische Prinzessin, mit der er selbst in einer früheren Inkarnation vor 500 Jahren verheiratet gewesen ist. Aber genauso wenig, wie er es an seinen Sehnsuchtsort Afrika schafft, gelingt es ihm, an diese Liebesgeschichte anzuknüpfen, und so bleibt ihm nur das handlungslose Erinnern: „Die Erinnerung war fast schon das ganze Leben. Durch die Erinnerung flüstern die knappen Augenblicke, die in unserem Leben enthalten sind, mit der Ewigkeit.“ 

Park Hyoung-su signiert Bücher

Diese verträumte Einstellung steht in einem krassen Kontrast zu der alltäglichen Gewalt, der die Frauen um Leo ausgesetzt sind und die explizit bis ins kleinste Detail auserzählt wird. Kein Wunder also, dass Ploy von Leos Schwärmerei wenig angetan ist: „Wenn er wirklich mein Ehemann war, hätte er mich da rausholen müssen, bevor ich im Alter von neun Jahren in einer schmutzigen Toilette von den älteren Halbbrüdern vergewaltigt wurde.“ 

Die erbärmlichen Umstände, unter denen diese Frauen leben, gepaart mit einem apathisch wirkenden Fatalismus, aber auch einem trotz allem anhaltenden Lebenswillen, machen aus „Nana im Morgengrauen“ eine oft schwer erträgliche Lektüre. Die verstörendste Figur ist eine, die gar nicht so sehr zu leiden scheint: Die junge Lissa, die den Beinamen „die Glückliche“ trägt und schon seit frühester Kindheit davon geträumt hat, Sexarbeiterin zu werden. Lissa liebt ihren Job und vergisst häufig sogar, sich bezahlen zu lassen: „In Wahrheit war Lissa gar kein besonderer Fall. Es war nicht so, dass die Prostituierten in Sukhumvit ihren Job mit irgendeiner großartigen Haltung ausübten. Meistens waren sie wider Erwarten völlig naiv, obwohl sie meisterlich logen, und genossen den Sex einfach. […] Für Lissa war die Prostitution ein Vergnügen.“

Das ist eine (nicht nur in Anbetracht der bedrückenden Armut der Protagonistinnen) derart unfassbare Aussage, dass man sie sofort noch einmal lesen muss, um sich zu vergewissern, dass man sich nicht verlesen hat. Hat man nicht: Tatsächlich kommen vergleichbare Romantisierungen in beinahe jedem Kapitel des Romans vor.
Auch wenn Park Hyoung-su im Laufe der Lesung erzählt, dass er für seinen Roman zwei Jahre lang Thailändisch gelernt, vor Ort recherchiert und mit vielen Sexarbeiterinnen in Sukhumvit Interviews geführt habe, und auch wenn Passagen wie die oben zitierte häufig wie ein Versuch von comic relief in einem sehr langen, sehr düsteren Text wirken – sie hinterlassen einen doch sprachlos ob der inhärenten Gewalt, mit der hier einer Frau zugeschrieben wird, sie würde es genießen, in einem Slum ohne funktionierende Kanalisation zu leben und ihren Körper zum Minimalpreis zu verkaufen. 

Da erscheint es wenig verwunderlich, dass die zweite Publikumsfrage im Literaturhaus in genau diese Richtung geht: „Warum beschreiben Sie derart viel Gewalt?“ Park Hyoung-su antwortet, indem er Kafka zitiert: „Wir müssen die helle und die dunkle Seite der Welt kennen, um sie begreifen zu können. Einer muss auch über diese dunkle Seite schreiben.“ Das ist sicherlich richtig; schön wäre allerdings, wenn es einer wäre, bei dem einen nicht hin und wieder das Gefühl beschleicht, seinem Buch hätte eine gründlichere Reflexion über misogyne Klischees in diesem Zusammenhang nicht geschadet.


 

Cover "Nana im Morgengrauen"

 

 

 

 


Park Hyoung-su
Nana im Morgengrauen
Roman
Erschienen in deutscher Ausgabe:
September 2018
Aus dem Koreanischen von:
Sun Young Yun und Philipp Haas 

Gebunden mit Schutzumschlag 
Lesebändchen 
552 Seiten

Preis: 26,00 € (D), 26,70 € (A)
ISBN: 978-3-902711-78-6

Septime Verlag, Wien

Foto von Lea Schneider

Foto: Charlotte Werndt

Lea Schneider

ist Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin chinesischer Gegenwartsliteratur. Zuletzt erschien der von ihr übersetzte und herausgegebene Band „CHINABOX. Neue Lyrik aus der Volksrepublik”.

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