Film

„Ein guter Regisseur darf nur die Emotionen zeigen, die ihm selbst bekannt sind."

Poster: "Along with Gods" (©Dexter Studios)

Poster: "Along with Gods" (©Dexter Studios)

Mit seinem Fantasy-Action-Drama „Along with the Gods“ hat Kim Yong-hwa eine neue Ära der koreanischen Filmwelt eingeleitet. In seiner Heimat sowie in ganz Asien gilt er als Pionier auf dem Gebiet „Visual Effects“ (VFX). Der Regisseur vertritt oft die koreanische Filmindustrie bei internationalen Filmevents. Vor Kurzem wurde er beim Internationalen Filmfestival & Awards in Macau (IFFAM) geehrt. In unserem Interview in Macao sprach er darüber, was guten Filmcontent ausmacht sowie über seine Zukunftspläne, unter anderem über die weiteren Folgen seines Kassenschlagers „Along with the Gods“.


Mit seinem Film „Along with the Gods“, der zum erfolgreichsten südkoreanischen Film in ganz Asien wurde, erlangte der Regisseur Popularität. Auf unterhaltsame Art und Weise erzählt Kim die Geschichten von der Überwindung von Widrigkeiten. Als Gründer der renommierten VFX-Firma „Dexter Studios“ hat er an großen asiatischen Filmen wie „The Taking of Tiger Mountain", „The Monkey King", „Kung Fu Yoga" und „Along with the Gods" mitgearbeitet. Das letzte Projekt der Studios, „Ashfall“ (‚Mount Paektu‘), kam im Dezember in die koreanischen Kinos. In dem 20 Millionen US-Dollar teuren Katastrophenfilm geht es um die beiden Koreas, die sich bemühen, einen Vulkanausbruch des Mount Paektu zu verhindern. Momentan arbeitet er an den nächsten Folgen von „Along with the Gods: Part 3, 4".

Eine Fantasy-Filmreihe ist ein seltenes Phänomen im koreanischen Kino. Wie kam es zu dem Projekt „Along with the Gods“?

Diese Produktion war eine rücksichtslose Herausforderung einer verrückten Person. Ich wollte mit dem Film auf dem asiatischen Markt Fuß fassen, und der Spaß kostete 35 Milliarden Won (etwa 30 Mio US-Dollar). Es war ein sehr gefährlicher Versuch. Ich frage mich, wie es gewesen wäre, wenn ich ruiniert worden wäre. Es gab schon koreanische Fantasy-Filme. Doch haben sie nie gute Kritiken bekommen. Ich habe mir überlegt, warum diese Filme auch nie erfolgreich waren und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Filmemacher immer wieder versucht haben, eine völlig neue Welt zu erschaffen, während es besser gewesen wäre, sich auf echte Emotionen sowie Objekte und Szenerien zu konzentrieren, die den Menschen vertraut sind. „Along with the Gods“ basiert auf den Webtoons von Joo Ho-Min und ist sehr mit der koreanischen Sagenwelt verbunden, einem Mix aus Buddhismus, Schamanismus und Konfuzianismus. Viele Regisseure lehnten dieses Thema ab. Als mir der Stoff angeboten wurde, hatte ich das Gefühl, dass dieses Projekt – quasi schicksalhaft – aus einem bestimmten Grund zu mir kommt. Im Leben geht es immer darum, etwas zu wagen, einen ersten Schritt zu gehen. Also habe ich zugesagt und die ersten vier Jahre damit verbracht, Manhwa (südkoreanische Comics) ins Filmformat zu übersetzen.


Ihre Filme erinnern an Werke des deutschen Regisseurs Roland Emmerich, der als Meister von Katastrophenfilmen mit grandiosen Spezialeffekten gilt und mit solchen einer der erfolgreichsten Filmemacher unserer Zeit geworden ist. Ich nehme an, Sie kennen sie

Natürlich kenne ich die Filme von Roland Emmerich. Seine atemberaubenden Explosionen habe ich immer bewundert ebenso wie sein Vermögen, nie das Budget zu sprengen. Dennoch orientiere ich mich in meinen Filmen eher an James Cameron, und mein Lieblingsfilmregisseur ist Steven Spielberg. Seine Geschichten sind romantisch und verträumt, vielleicht entsprechen sie eher meiner Vision von der Welt.


Wenn der Film zu 80 % aus VFX besteht, was ist daran besonders herausfordernd?

Unsere Priorität ist immer, die Hintergründe so natürlich wie möglich zu gestalten, auch wenn in „Along with the Gods“ etwa Dinosaurier in manchen Szenen auftauchen, eine Hommage an „Jurassic Park“. Natürlich waren einige gegen die Idee, diese Kreaturen in den Film einzufügen, da sie den Betrachter ablenken könnten. Aber als kommerzieller Regisseur wollte ich beweisen, dass die Qualität von koreanischen Filmen mit der von Hollywood mithalten kann. Bei Produktionskosten von 35 Milliarden Won musste ich über zehn Monate vor einer Green Screen[1] drehen, ohne zu wissen, wie die am Computer generierten Bilder aussehen werden. Ehrlich gesagt habe ich mich gefragt, ob es in Ordnung ist, so weit zu gehen. Das Projekt lief jedoch schon. Ich habe den Schauspieler*innen vertraut, sie haben mir vertraut. Wir ruhten uns ausreichend aus und während eines Monats haben wir nicht mehr als 20 Mal gefilmt. Ich will ja als guter Mensch vor anderen dastehen. Ich möchte respektiert werden, also respektiere ich die anderen. Es ist lustig, wie die Leute sagen, dass sich koreanische Filme in einer Krise befinden. Ich habe den Satz seit den 1990er-Jahren immer wieder gehört, aber auch, dass sich die Qualität im Laufe der Zeit verbessert habe. Obwohl es Probleme hinsichtlich der mangelnden Genre-Vielfalt gibt bin ich stolz darauf, dass koreanische Filme weltweit immer mehr Beachtung finden und ihre Qualität sich deutlich verbessert hat.


Brauchen wir immer noch Schauspieler für solche Projekte, wenn wir heutzutage Protagonisten am Computer so gut und realistisch gestalten können?

Darsteller können nicht durch VXF ersetzt werden, weil nur echte Menschen menschliche Emotionen auf reale Art und Weise darstellen können. Schauspieler bleiben das wichtigste Element in Filmen. Der Einsatz von VFX hängt vom Verwendungszweck ab. Einige Genrefilme wie Action oder Fantasy, an denen gerade ich arbeite, wären ohne Spezialeffekte nicht möglich.


Seitdem K-Pop und K-Drama zu globalen Phänomenen wurden und Filme wie „Train to Busan“ oder „Parasite“ internationale Kinoleinwände eroberten, stellt sich eine ganz andere Frage: Warum fasziniert die koreanische Unterhaltungsindustrie so viele Menschen weltweit?

Vor 30 Jahren, als ich noch viel jünger war, hörte ich viel Musik. In Korea hörte man damals amerikanische oder britische Popmusik. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Welt irgendwann koreanischen Rap, Hip-Hop und Pop hören würde. Ich denke, dass die Leute, die in unserer Unterhaltungsindustrie arbeiten, dafür brennen. Koreaner sind ein sehr hartnäckiges Volk ohne Angst vor Herausforderungen.


Derzeit gilt „Parasite“ von Bong Joon Ho in der Kategorie „Bester Film“ als Oscar-Favorit, was dem koreanischen Kino Tür und Tor öffnet - auch vielen Koproduktionen. Haben Sie schon daran gedacht, Hollywood zu erobern?

Es freut mich sehr für „Parasite“, zumal meine „Dexter Studios“ die visuellen Effekte und die Postproduktion für den Film gemacht haben. Aber eigentlich interessiert es mich wenig, Filme für diesen oder jenen Markt zu machen. Mir geht es nicht ums Verkaufen, sondern um Leidenschaft. Warum hat Bong Joon-ho einen enormen Erfolg mit seinem Film? Weil er etwas gemacht hat, woran er glaubte und nicht, weil er ans Geld oder den Erfolg an den Kinokassen dachte. Mir wurden bereits englischsprachige Projekte auch aus Hollywood angeboten, doch bis jetzt habe ich sie abgelehnt. Mir gefallen die Erwartungen, die an einen Filmregisseur in Hollywood gestellt werden, nicht. Ich mag die Vorstellung nicht, eine bestimmte, mir auferlegte Rolle als Regisseur spielen zu müssen. Ich empfinde es als sehr einschränkend, dass die Produzenten oder das Studio und nicht ich selbst Anspruch auf den Final Cut haben. Mir gefällt es nicht, Kontrolle über meine Projekte abzugeben. Ich habe auch Bedenken, mit fremdsprachigen Schauspieler*innen zu drehen und viel zu sehr von anderen wie z.B. von Dolmetschern abhängig zu sein. Dazu bin ich noch nicht bereit.

Kim Yong-hwa beim IFFAM 2019, Foto: Dr. T. Rosenstein

Kim Yong-hwa beim IFFAM 2019, Foto: Dr. T. Rosenstein

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Film aus?

Manchmal machen Filmemacher einen Film über etwas, das sie in ihrem Leben noch nie erlebt haben. Ich meine nicht Genres wie etwa Science-Fiction oder Fantasy, aber sie versuchen, Gefühle auszudrücken, die sie kaum kennen. Ein guter Regisseur darf nur die Emotionen zeigen, die ihm selbst bekannt sind. Nur dann kann er seine eigenen Erfahrungen mit anderen teilen. Andernfalls wirkt die Geschichte nicht glaubwürdig, und das Publikum wird das spüren. Also, wenn Sie mich fragen was einen guten Film ausmacht antworte ich Ihnen: „Ehrlichkeit“. Nur wenn ich Emotion selbst kenne und sie authentisch zeigen kann, wird der Film die Empathie des Publikums gewinnen. Auch bei der Themenauswahl folge ich immer meinem Herzen und nicht dem kommerziellen Markt oder dem Geschmack des Publikums. Ich hatte nur das große Glück, dass die meisten meiner erfolgreichen Filme irgendwie auch dem Geschmack des Publikums entsprachen.


Haben Sie schon etwas bereut? Würden Sie heute etwas anders machen?

Filmkritiker schreiben oft über Regisseure: „Er dreht immer wieder denselben Film“ oder „Seine Geschichten sind alle gleich“. Der Grund dafür, dass ein- und dieselbe Person ähnliche Stories ersinnt, liegt vermutlich darin, dass die Regisseure eben auch ihre Vorstellungen und Werte haben, die nicht leicht zu ändern sind. Aber in diesem Bereich bereue ich nichts. Ich finde, dass man sich nicht leicht von den eigenen Werten verabschieden kann. Doch in meinem Privatleben bereue ich viele Sachen. Als ich „Along with the Gods“ drehte, musste ich ständig an meine Eltern denken, die leider verstorben sind. Im Mittelpunkt des Filmes steht nämlich das Thema der elterlichen Liebe. Deshalb habe ich meinen Eltern beide Filme gewidmet: Der erste Film ist eine Hommage an meine Mutter und der zweite an meinen Vater. Meine Mutter war damals sehr krank. Sie schlief die ganze Zeit. Wenn sie aufwachte, bat sie mich, ihr Mandarinen zu geben. Aber das habe ich nicht immer gemacht, weil ich dachte, die Mandarinen enthielten zu viel Säure für ihren trockenen Mund. Ich dachte: „Selbst wenn sie diese Mandarinen isst, wird sie trotzdem sterben.“ Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich heute die ganze Schachtel für sie schälen und ihr alle geben. So etwas bereue ich sehr.


Sie haben viele Komödien gedreht. Was spricht Sie an diesem Genre an?

Das Leben hat eben zwei Seiten: eine lustige und eine tragische. Beide ergänzen sich wunderbar, weil guter Humor den Schmerz tiefer und wertvoller macht.


Woran arbeiten Sie jetzt?

An der Fortsetzung des Films „Along with the Gods“ sowie an dem Science-Fiction-Action-Drama „The Moon“. In der letzten Produktion geht es um ein Raumschiff, das auf der dunklen Seite des Mondes gestrandet ist. Und bei „Along with the Gods“ bereite ich die Episoden drei und vier vor, die ich parallel drehen will und hoffentlich in etwa eineinhalb Jahren beenden werde. Darin geht es um die junge Generation und ihre Einstellungen gegenüber der Familie und anderen Menschen. Natürlich muss ich die Comic-Vorlage beachten und den Inhalt dem koreanischen sowie dem internationalen Publikum verständlich machen. Doch es bleibt dabei: Jeder Regisseur wird in seinen Filmen immer wieder eigene Geschichten erzählen.

[1] Für eine Greenscreen-Filmproduktion werden zuerst Filmaufnahmen vor einem grünen Hintergrund gemacht. Es handelt sich um eine Variante der farbbasierten Bildfreistellung in der Film- und Fernsehtechnik (Am. d. Red.).
Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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