Literatur

Erst grübeln, dann morden

Eine Bibliothek ohne Leser, ein depressiver Killer und ein blutiger Feldzug mit politischer Sprengkraft: Un-Su Kims Thriller „Die Plotter“ 

 

Profikiller, wie man sie aus Film und Literatur kennt, sind häufig ambivalente Helden: Selbstsicher in der perfekten Beherrschung ihres tödlichen Handwerks, befolgen sie blind und skrupellos die Befehle ihrer Auftraggeber. Anders Raeseng, einsamer Berufsmörder in Un-Su Kims international gefeiertem Thriller: Nach Jahren des Mordens drängen sich immer mehr Zweifel an seinem Tun in sein Bewusstsein, und er scheitert daran, seine Aufträge wie vorgesehen auszuführen. Mit einem alten General trinkt er eine ganze Nacht Whisky, anstatt ihn aus der Ferne zu erschießen, eine junge Frau kann ihn gar überreden, auf andere Art zu sterben als vorgegeben. Der etwa 30-jährige Raeseng hat nichts Heldenhaftes an sich, ihm fehlt die Aura der inneren Überzeugung. Für jemanden in seinem Beruf eine gefährliche Situation, schließlich werden Fehler hier meist mit dem Tode bestraft.

Der alte Old Racoon hatte den Waisenjungen Raeseng im Alter von vier Jahren aus einem Kloster geholt und mit in seine Bibliothek genommen. Die ist jedoch nicht der literarischen Bildung gewidmet, ja Raeseng wird von seinem Ziehvater inmitten von zehntausenden Bänden nicht einmal an das Lesen herangeführt, sondern muss es sich selbst beibringen. Die Bibliothek dient vielmehr als Versteck und Zentrum eines Mörderzirkels. Wer seinen Geschäftspartner, einen Konkurrenten oder ungeliebten Politiker ausschalten will, wendet sich an Old Racoon, dessen Tracker die Zielperson aufspüren, bevor Plotter dann alle Umstände des auszuführenden Mords recherchieren und Killer wie Raeseng instruieren. Ein riesiges Geschäftsfeld, das nicht umsonst als „Fleischmarkt“ bekannt ist, auf dem auch Organe, Prostituierte oder Drogen zu bekommen sind. Das geht soweit, dass manche Killer eigene Lockvögel engagiert haben, die zum Beispiel unglückliche Ehefrauen überreden, den Mord an ihren Ehemännern in Auftrag zu geben. Das dystopische Szenarium einer verkommenen Gesellschaft, die nur noch über Angebot und Nachfrage auf dem Markt funktioniert. Gesetze, Moral, Polizei? Fehlanzeige.

Un-Su Kims Thriller „Die Plotter“

Un-Su Kim
Die Plotter
Thriller
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt
360 Seiten gebunden mit Schutzumschlag
13,7 × 21,7 cm
Erschienen am 23.11.2018
24,00 € (D) / 24,70 € (A)
ISBN 978-3-95890-232-9

Hat er den Mord ausgeführt, muss Raeseng die Leiche zum Krematorium bringen, bevor er sich dem Nichtstun und der Depression hingeben kann. Menschen zu töten gibt ihm weder einen „Kick“ noch belastet es seine Seele – er tut es einfach. Oder belügt er sich nur? Zwischen den Aufträgen trinkt er eine Woche lang Dosenbier oder sitzt in der Bibliothek, um seine Langeweile zu überspielen und nicht darüber nachdenken zu müssen, dass kein Held ewig lebt. Diese Erkenntnis verdankt er seinem literarischen Vorbild Achill, dessen Abenteuer er als Kind fasziniert verfolgte. Allerdings brachte ihm die Lektüre auch das Misstrauen gegen das Leben insgesamt bei. Obwohl sich ihm sogar die Chance für einen Ausstieg und Neuanfang an der Seite einer Frau bietet, kehrt der Killer in die Bibliothek zurück, wo ihn Routine erwartet. Lieber Marionette eines Killerkommandos als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung. Doch die Zeiten ändern sich: Nicht nur, dass Old Racoon mit Hanja einen mächtigen Konkurrenten hat, der ihm die Aufträge streitig macht, sondern es verschwinden immer mehr Auftragskiller, darunter solche, deren Tod nicht spurlos an Raeseng vorbeigehen. Dieses Mal kann Raeseng sich nicht heraushalten – er wird in ein Komplott hineingezogen, das nicht nur sein eigenes Leben bedroht, sondern den ganzen Markt in Frage stellt und Koreas Gesellschaft bis ins Mark erschüttern könnte. Eine Gruppe Frauen auf blutigem Feldzug gegen die Plotter zwingt den Killer aus seiner Antriebslosigkeit und Melancholie heraus. Will er an ihrem Kampf gegen den Fleischmarkt teilnehmen, auch auf die Gefahr hin, damit ganz bewusst ins Visier seiner Kollegen zu geraten? War ihm bislang nur klar, dass auch sein Name eines Tages auf einer Todesliste auftauchen könnte, steht nun im Raum, selbst aktiv zu werden. Kann er für etwas töten, das nicht auf dem Markt gehandelt wird? Das Buch, das bis dahin vergleichsweise unblutig verlaufen ist – vor allem wenn man bedenkt, dass es um Profikiller geht – läuft nun auf ein Finale hinaus, das es in sich hat. Den Tod stellt sich dieser Killer übrigens wie das sanfte Plätschern eines Bachs vor: Ob diese friedliche Vision auch ihm selbst vergönnt ist?

Eine schielende Bibliothekarin, die nichts mit Büchern am Hut hat, eine gehbehinderte Strickladenbesitzerin, die unablässig lacht, und ihre undurchschaubare Schwester mit einer Vorliebe für Schweinekutteln, ein Friseur, hinter dessen unscheinbarer Fassade der Tod lauert – Un-Su Kims Figuren sind originell und bei aller Brutalität mitunter auch komisch. Sein Protagonist findet im Töten zurück zu den Menschen und bereichert das Genre des einsamen Profikillers um eine reizvolle neue Figur.

Der in seiner koreanischen Heimat bereits mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete Un-Su Kim (*1972) legt mit seinem ersten Krimi ein unterhaltsames Buch vor, das auch hierzulande sehr positiv aufgenommen wurde und den Einstieg in Krimibestenlisten schaffte. Da „Die Plotter“ aber mehr bietet als eine der genretypischen Geschichten, kann man ihm ein breiteres Publikum nur wünschen. Und dass uns der Thriller über den Umweg der englischen Ausgabe erreicht, merkt man der flüssig zu lesenden Übersetzung nicht an.

Bild von Jörn Pinnow

Foto: privat

Jörn Pinnow

arbeitet als Übersetzer aus dem Englischen, Französischen und Niederländischen und rezensiert für mehrere Online-Medien aktuelle Literatur und Sachbücher.

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