Kultur

HERE COMES THE SUN

Erst einen Monat nach dem 1. Januar feiern viele Koreaner das neue Jahr -  den Jahresanfang nach dem Mondkalender. 2018 zelebrierten die Koreaner das Neujahrsfest Seollal, das mit Familientreffen und alten Traditionen einhergeht, am 16. Februar. 2019 fällt Seollal auf den 5. Februar. Und wie ein amerikanischer Expat entdeckt, bleiben diese Traditionen in Korea lebendig und dynamisch -  selbst unter jüngeren Menschen

Von Steven E. Athay

Stellen Sie sich einen Moment der Dunkelheit vor. Sie sitzen am Strand, eine Tasse heiße Schokolade oder Kaffee in Ihren Händen, die in Handschuhen stecken. Der Geruch des Meeres weht schwach zu Ihnen hinüber, wie eine Geistererscheinung, abgeschwächt durch die endlosen Bewegungen des Wassers. Oder vielleicht laufen Sie in der Dunkelheit am Hang eines Berges zwischen Bäumen entlang. Ihr Atem bildet kleine Dampfwölkchen, erwärmt durch den Aufstieg. Suchen Sie einen Ort nach Ihrem Geschmack. Wichtig ist nur, dass Sie eine klare Sicht auf den östlichen Horizont haben. Während Sie durch den morgendlichen Nebel spähen, vertreiben Sie sich die Zeit, indem Sie vielleicht Geschichten erzählen oder sich in einen Zustand der totalen Stille begeben. Ein Streifen am Horizont beginnt zu leuchten, erst in einem dunklen Orange, dann in einem strahlenden Gelb, welches heller und heller wird. Jede Minute, die voranschreitet, wirkt wie eine Unterstreichung von Koreas Beinamen „Land der Morgenstille“. Die Sonne erscheint über dem Meer oder an dem von Bäumen gesäumten Horizont, und die morgendliche Kühle löst sich durch die Strahlen der Sonne auf. Sie haben soeben einen koreanischen Brauch vollzogen, der darin besteht, das erste Licht des neuen Jahres zu beobachten. Oder zumindest das des Neujahrs nach dem Sonnenkalender.

Alle Illustrationen: Jo Seung-yeon 

Korea feiert aber auch das Mondneujahr, welches auf Koreanisch „Seollal“ genannt wird. Obwohl es immer am ersten Tag des Mondkalenders zelebriert wird, variiert der Tag von Jahr zu Jahr, da er von den Phasen des Mondes abhängig ist. 2011 zum Beispiel fiel er auf den 3. Februar, während er 2012 am 23. Januar gefeiert wurde. Drei volle Ruhetage sind für Seollal vorgesehen, die häufig mit der Familie und traditionellen Aktivitäten verbracht werden. Da Seollal ein traditioneller Feiertag ist, hat er in Korea größere Bedeutung als das solare Neujahr. In der Tat wird Koreas ausgeprägter Sinn für Traditionen offensichtlich, vor allem während der beiden wichtigsten Feiertage Chuseok (das koreanische Erntedankfest) und Seollal, welche beide auf dem Mondkalender basieren. An den Feiertages widmen sich die Menschen dem Verzehr traditioneller Gerichte und oftmals dem Besuch der Familiengräber und tragen die traditionelle koreanische Kleidung namens Hanbok.

Ich unterrichte an der Kwangmu-Mittelschule für Mädchen in Busan, und so sprach ich mit meinen Schülerinnen und Arbeitskolleginnen über Seollal und die damit einhergehenden Traditionen und Bräuche. Wir hatten Unterricht in einer Englisch-Bibliothek, und eine Handvoll Schülerinnen unterhielt sich mit einigen Lehrern leise an Tischen. „Kyung-ju“, fragte ich meine Kollegin, „tragen Männer zu Seollal auch einen Hanbok?“. Kyung-ju bejahte dies: „Männer tragen welche in Blau oder Rot, und Frauen in leuchtenden Farben wie Gelb, Pink oder Orange.“ Während der traditionellen Feiertage reisen Koreaner durch das ganze Land, um ihre Familien zu sehen und die Ahnengräber zu besuchen. Dabei einen Hanbok zu tragen, ist ein Zeichen der Ehrerbietung. Es werden Speisen angeboten und tiefe Verbeugungen gemacht, und es wird zu den Verstorbenen gebetet, um Segen für das neue Jahr zu erbitten. „Es ist normalerweise eine schöne Zeit, in der wir das Gedenken an die Verstorbenen zelebrieren“, berichtete Kyung-ju. „Wir erzählen uns Geschichten und versuchen, die Erinnerung an sie wachzuhalten.“

Die Verbeugungsrituale sind bekannt als „Sebae“. Morgens, nachdem die Kinder ihre Hanboks angezogen haben, verbeugen sie sich vor den Älteren und sagen (natürlich auf Koreanisch): „Bitte empfangt dieses Jahr viel Segen“. Ich fragte Hee-won, eine meiner vielseitig interessiertesten Schülerinnen, ob sie mir zeigen könnte, wie Sebae richtig durchgeführt wird. Aber Schülerinnen einer Mittelschule zu bitten, etwas zu tun, das aus der Reihe ist, löst erst einmal hysterisches Kichern aus. „Wie viel werden Sie mir dafür geben?“, fragte Hee-won. „Was meinst du?“, fragte ich nach. Da erklärte sie: „Man bekommt dafür Geld. Sebaedon.“ „Don“, mit einem langgezogenen „O“, ist das koreanische Wort für Geld, und nachdem Kinder sich verbeugt haben, erhalten sie eine Belohnung dafür. „Wie viel bekommst du denn üblicherweise?“, fragte ich. Zu diesem Zeitpunkt folgten alle unserer Unterhaltung, und so saß ich an einem Tisch mit sieben kichernden Mädchen. „Zehntausend Won (ca. 8 Euro)“, antwortete eine. Eine andere nannte einen Betrag von 30.000 Won (ca. 23 Euro). Aber auf die Höhe des Betrags käme es nicht an. Wichtig sei die Anerkennung, die sie für ihre Mühen erhalten würden. Obwohl ich Geld dafür anbot, dass sich jemand von ihnen verbeugte, meldete sich niemand freiwillig. Stattdessen brachten sie mich dazu, dass ich mich auf die Knie begab. Sie erteilten mir Instruktionen, wie ich eine richtige Verbeugung ausführe. Mädchen und Jungen, so lernte ich, verbeugen sich unterschiedlich. Jungen legen ihre linke Hand auf die rechte und die Mädchen genau andersherum. Als ich in die Knie ging, um mich zu verbeugen, schloss sich Na-young mir an, die sich mir in der traditionellen weiblichen Form der Verbeugung gegenübersetzte - die Beine gekreuzt, die rechte Hand oben, nach vorn gebeugt, wobei sie mit der Stirn den Boden berührte.

Während des Seollal-Fests machen viele Familien traditionelle Spiele, um das neue Jahr einzuläuten. Eines dieser Spiele ist Yunnori, das ein wenig schwer zu erklären ist. Aber man sagte mir, dass es Spaß mache. Ich vermute, dass es eine Kombination aus Kniffel und einem Brettspiel ist, nur dass anstelle eines Würfels vier doppelseitige Holzstäbe (koreanisch „Jang-ak“) geworfen werden. Jae-hee, eine meiner Schülerinnen, die sich den Großteil ihrer Englischkenntnisse selbst beigebracht hat, kam zu mir und schaute auf meinen Computerbildschirm. „Was ist das?“, fragte sie. Ich scrollte hoch und zeigte ihr ein Bild des Yunnori-Spielbretts und des übrigen Spielzubehörs. Sie nickte, um mir zu zeigen, dass sie verstanden hatte. „Magst du das Spiel?“, fragte ich sie dann. „Yunnori? Ja, Herr Lehrer“, antwortete sie. Ich fragte nach dem Grund. „Es macht Spaß. Meine Familie spielt es an jedem Feiertag.“ Andere Schülerinnen hörten Jae-hee und mich sprechen, und aufgrund ihrer Vertrautheit mit dem Spiel beteiligten sie sich an unserem Gespräch. Aus dem koreanischen Stimmengewirr konnte ich das Wort „Yunnori“ heraushören. Kyung-min lächelte und nickte bestätigend. „Magst du das Spiel?“, fragte ich auch sie. Sie bejahte dies und erzählte: „Wir spielen es jedes Jahr“. Alle meine Schülerinnen stimmten zu: Yunnori ist eine jährliche Familientradition. Es erzeugt nostalgische Gefühle und ist stark mit dem Gedanken verbunden, dass die Familie heilig sei, fast wie der Eierpunsch und die Weihnachtslieder, die in den USA zur Weihnachtszeit nostalgische Gefühle auslösen. „Was ist mit dir“, fragte ich Hyun-jeong, eine Schülerin, die fließend Englisch spricht und derzeit noch Französisch lernt. „Ich mag das Spiel nicht, Herr Lehrer“, antwortete sie.
„Und warum nicht?“
„Weil ich mich lieber Computerspielen widme“, gab sie zurück.
Ah-young, eine Kollegin, gluckste, was meine Aufmerksamkeit erregte. Daher befragte ich sie über ihre Meinung zu Yunnori. „Es ist spaßig. Ich habe es hauptsächlich als Kind gespielt. Aber es macht mehr Spaß, wenn man Geld auf den Gewinner setzt“, erklärte sie mit einem verschmitzten Lächeln. Kyung-ju, die das Gespräch mitverfolgte, fügte hinzu: „Ein beliebtes Spiel für Erwachsene heißt Go-Stop und ist ähnlich wie Poker. Man braucht mindestens drei Mitspieler, und es wird um kleinere Geldbeträge gespielt.“ „Das ist eine verbreitete moderne Tradition“, erläuterte Kyung-ju und lächelte. „Und ich bin nicht wirklich gut darin“.

„Tteokguk“, die koreanische Reiskuchensuppe

Nachdem ich all diese Informationen in mich aufgenommen hatte, drehte ich mich zu meinen Arbeitskolleginnen um und fragte sie: „Was fällt euch noch zu Seollal ein?“. Sie zögerten einen Moment und antworteten dann einstimmig: „Tteokguk“.

In jeder Landesküche gibt es Gerichte, die manche Menschen nicht mögen - aber ich habe bislang noch keinen Koreaner gesehen, der keine Reiskuchensuppe Tteokguk mag. Dabei handelt es sich um ein einfaches Gericht, normalerweise eine leichte Rinder- und Anchovisbrühe mit dünn geschnittenen Tteok (koreanischen Reiskuchen), geröstetem Gim (Seetang) und einem Ei als Beilage. Es ist so gesehen eine Suppe, die zubereitet wird, um im neuen Jahr Glück zu bringen.

Der Mondkalender hat 12 Einteilungen, welche in Form von Tieren repräsentiert werden.

Auch wenn Rituale eine große Rolle an Seollal spielen, müssen nicht alle Zeremonien von historischen Riten durchdrungen sein. Der Mondkalender hat 12 Einteilungen, welche in Form von Tieren repräsentiert werden. Das Jahr 2010 war das Jahr des Tigers und 2011 das des Hasen. Es gab Hasen überall, auf Kleidung, Büroartikeln, Kalendern und einfach auf allem, was Sie sich vorstellen können. Bestimmte Cafés verkauften Donuts in Hasenform, und es hieß, dass Leute, die im Jahr des Hasen geboren wurden, in einigen Läden Rabatte erhielten. Der Everland-Zoo in der Nähe von Seoul kreierte eine Art Hindernisparcours für diese kleinen, niedlichen Tierchen. Besucher sahen also flauschige Hasen, die mit kleinen Winterpullovern bekleidet waren, über Hürden und durch Reifen springen.

Die Sonne scheint - egal ob am Morgen, durch den Nebel am Horizont oder auf den Tischplatten in Englisch-Bibliotheken. Es ist das Sonnenlicht, das Korea dazu veranlasst, Bräuche, Rituale und Zeremonien durchzuführen, aber es ist der Mond, auf dem diese Bräuche basieren. Es war faszinierend, meinen Arbeitskolleginnen und Schülerinnen dabei zuzuhören, wie sie mir zum ersten Mal diese persönlichen und alltäglichen Aspekte ihrer Kultur verrieten. Als ich auf dem Boden kniend die Verbeugung vollzog, die linke Hand über meiner rechten, kicherten meine Schülerinnen vor Vergnügen beim Anblick ihres Lehrers, der etwas völlig Neues lernte. Damit entlasse ich Sie, liebe Leser, nun mit den Worten, die nach der Durchführung des Sebae gesprochen werden: „Bitte empfangen Sie dieses Jahr viel Segen.“

 

Über den Autor: 

Steven E. Athay ist ein angehender Schriftsteller. Er absolvierte einen Bachelor in englischer Sprache und Literatur mit dem Schwerpunkt „Kreatives Schreiben“. Er lebt in Busan.

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Gesine Stoyke und Jana Aléna Scharfenberg

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