Porträt

Im Land von Sachertorte und Tafelspitz

Eine Koreanerin sorgt für frischen Wind in der Wiener Restaurantszene
 

Kim kocht, Shop & Studio (Foto: Gerhard Krejci)

Essen in Österreich- viele denken da sicher an das berühmte Wiener Schnitzel, oder an die unzähligen Mehl- und Süßspeisen des Landes. Doch auch vor der österreichischen Gastronomieszene hat die Globalisierung natürlich nicht haltgemacht: Seit über zehn Jahren schon wird die gehobene Hauptstadtküche durch die gebürtige Koreanerin Sohyi Kim bereichert, die mit ihren ungewöhnlichen Kreationen die Herzen der Wiener erobert hat.

Alles begann, als Kim in die Alpenrepublik kam, um dort Modedesign zu studieren – ursprünglich wollte sie durch das Studium den für sie vorgegebenen Weg, die Übernahme des elterlichen Speisenlokals in Korea, verlassen. Und dabei wurde ihr das Kochen eigentlich in die Wiege gelegt: Nicht nur ihre Mutter war Besitzerin eines Gourmet-Restaurants in Seoul, sondern auch ihre japanische Großmutter war Köchin. Bereits als Kind schaute Kim dem Küchenchef im Betrieb ihrer Eltern über die Schulter und entwickelte so eine natürliche Affinität für alles Kulinarische.

In Wien verlief zunächst alles wie von ihr geplant: Sie schloss ihr Studium an einer Modeschule ab und entwickelte eine eigene Bekleidungslinie. Eigentlich fühlte sie sich in ihrer neuen Heimat wohl, nur vermisste sie manchmal qualitativ hochwertige asiatische Restaurants mit schönem Ambiente und gutem Service. Da brachten Freunde sie auf die Idee, ihr eigenes Lokal zu eröffnen. Gesagt, getan: Kim hängte die Arbeit im Designbereich kurzerhand an den Nagel und sattelte auf die Gastronomie um. Seitdem ist sie in ihrem Tatendrang nicht zu bremsen und überrascht immer wieder durch neue Ideen.

Ihr erster Schritt war die Eröffnung einer Sushi-Bar, später führte sie mit dem Traditionsunternehmen Meinl Österreichs erste Sushi-Boxen zum Mitnehmen ein. Zu ihren weiteren Meilensteinen zählen die Entwicklung von Convenience-Produkten aus rein biologischem Anbau für den Supermarktbedarf sowie die Einrichtung eines Gastronomiebereichs und eines Bio-Caterings in Österreichs erstem Bio-Supermarkt. Nebenbei gab sie noch Kochseminare und beriet die Besitzer asiatischer Restaurants bei der Neugründung.

Der große Durchbruch gelang ihr, als sie 2001 im neunten Wiener Bezirk in der Nähe der Volksoper ihr kleines, aber feines Restaurant „Kim kocht“ in einem ehemaligen Kopierladen eröffnete. Das Lokal bestach nicht nur durch sein besonderes Flair (ein modernes Design mit liebevollen Details wie selbstgebastelten Lampen aus Reispapier), sondern auch durch den aufmerksamen Umgang mit den Gästen (es heißt, dass Kim ihre Gerichte individuell auf jeden Besucher zuschneidet) und durch die kreative Kombination der unterschiedlichsten Zutaten und Küchenrichtungen. Dabei verwendete sie ausschließlich Bioprodukte und verzichtete auf Fleisch. Auf der Grundlage von Thunfisch und Reis entstand der ungewöhnlichste Zutatenmix, der bei Kritikern und Gästen gleichermaßen auf eine begeisterte Resonanz stieß: Der renommierte Restaurantführer „Gault-Millau“ bedachte sie schon bald mit zwei Hauben, und Wiener Gourmets rannten ihr förmlich die Tür ein.

Drei Jahre später folgte dann die Eröffnung von „Kim kocht, Shop & Studio“, aus dem später „Kim kocht, Shop & Bar“ wurde. Inzwischen ist Sohyi Kim mit ihrem Lokal aus dem neunten in den ersten Bezirk an den Hohen Markt umgezogen, an einen der ältesten und historischsten Plätze Wiens, unweit von Staatsoper und Stephansdom. Seit 2012 befindet sich ihr Restaurant im „MERKUR Hoher Markt“, einem mehrstöckigen Kaufhaus mit gläsernen Aufzügen, das erlesene Lebensmittel anbietet. Hier zaubert sie täglich auf der Grundlage der Fünf-Elemente-Lehre mit hochwertigen Zutaten und Gewürzen neue Menüs. Wer nicht genügend Zeit hat, kann auch im Erdgeschoss des Gourmettempels Kims Reisbento zum Mitnehmen fürs Büro oder für Zuhause erwerben.

Kim kocht im MERKUR Hoher Markt (Foto: privat)

Ein Platz in ihrem Restaurant lässt sich nur über eine Reservierung ergattern. Unkomplizierter lernt man ihre Küche auf dem „Naschmarkt“ kennen, Wiens Eldorado für Liebhaber exotischer Gewürze, deftiger Wurstwaren, frischer Backwaren und einer riesigen Auswahl an frischem Obst und Gemüse. Dort hat sie sich in einer der vielen kleinen Restaurantboxen niedergelassen. Auf der Speisekarte des winzigen Lokals, dessen Inneres komfortabel und modern gestaltet ist, findet sich eine kleine kulinarische Auslese aus ihrer koreanischen Heimat wie Bibim zum Mitnehmen und Hoebap-Sashimi. Darüber hinaus servieren die freundlichen Bedienungen ausgefallene Geschmackserlebnisse wie „Schaffrischkäse mit Rucolapesto und Champagner-Melonensalat“, „Grünen und weißen Spargel mit Passionsfrucht-Vinaigrette, Jakobsmuschel und Kumquat“ (Vorspeisen) und „Scharfes Seeteufelfilet mit Orangenpolenta und gebratenen Salatherzen“ (Hauptspeise). Gegenüber der Restaurantbox befindet sich ein kleiner Laden, in dem Kim Weinseminare anbietet, denn auf das passende Getränk zum Essen legt sie großen Wert; in erster Linie reicht sie österreichische Spitzenweine.

Man fragt sich, woher Sohyi Kim diese Energie nimmt, denn neben ihrer Restauranttätigkeit ist sie Autorin verschiedener Kochbücher (2014 erschien ihre letzte Publikation – „Kim kocht leicht“), und sie tritt regelmäßig in Europa und in Korea im Fernsehen auf. Darüber hinaus leitet sie ein Projekt für Jugendliche mit Migrationshintergrund, das ihnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern soll.

Durch ihre Biografie scheint sich die Lust auf Neuanfänge wie ein roter Faden zu ziehen. Nicht umsonst findet sich auf ihrer Website das selbstbewusste Statement: „Jetzt, wo ich angekommen bin, wird alles neu“. Man darf gespannt sein, welche Aufgabe sie als Nächstes in Angriff nimmt.

Anmerkung: Nach Erscheinen dieses Beitrags hat Sohyi Kim ihr Lokal am Naschmarkt aufgegeben und konzentriert sich nun ganz auf neue, interessante Konzepte in ihrem Restaurant im MERKUR Hoher Markt.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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