Kunst

Kunst für 360 Minuten und ohne Titel – Die rätselhaften Fotos des Thomas Wunsch

Foto: Rainer Rippe

Die Flammen schlagen hoch, als Thomas Wunsch seine Bilder und den Holzrahmen ins Feuer wirft. Der Fotograf ist einer von zwölf Künstlern, die an der Ausstellung «360 Minutes Art» teilnehmen. Nur an diesem einen Tag werden speziell angefertigte Werke gezeigt, die noch nie zuvor ausgestellt wurden und von denen keine Fotos gemacht werden durften, und zwar von 4 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends. So dachte ich jedenfalls. Doch als ich um kurz vor halb 7 am Youngeun Museum of Contemporary Arts ankomme, sind die Künstler bereits dabei, alle nicht verkauften Kunstwerke zu verbrennen. Wer heute nicht da war, hat die Chance verpasst, sie jemals zu sehen. Und ich bin zu spät. Eine halbe Stunde zu spät.

Künstler und Besucher stehen gemeinsam im Kreis um zwei brennende Tonnen. Ihre Stimmung ist wehmütig. Ich bin enttäuscht. Die Ausstellung wurde bereits um 12 Uhr mittags eröffnet, erfahre ich. Ich hatte mich in der Zeit geirrt. Bei jeder anderen Ausstellung hätte ich am darauffolgenden Tag wiederkommen können. Doch heute ist alles anders. Die Kunst, die ich sehen wollte, ist zu Asche geworden. Die Vergänglichkeit spürbar zu machen – darum geht es den Künstlern. Dass man nicht immer alles sehen und haben kann. Dass man sich hier und jetzt für etwas entscheiden muss, das einem gefällt. Denn es gibt oft keine zweite Chance im Leben.

Heute gibt es sie definitiv nicht. Wer während dieser 360 Minuten ein schönes Bild nicht gekauft hat, der wusste, dass er nie wieder die Gelegenheit haben wird, es zu sehen. Wer aber eines erworben hat, der sieht es mit anderen Augen. Beim Betrachten schwingt immer der Gedanke mit „Ich habe dieses Kunstwerk vor der Zerstörung bewahrt!“ Das muss ein gutes Gefühl sein.

Viele Gemälde des Künstlers Lee Sang Won haben einen Käufer gefunden (Foto: Rainer Rippe)

Mir bleiben nur die Bilder, die einen Käufer gefunden haben. Thomas Wunsch und Sven Sauer begleiten mich ins Gebäude. Sven hatte gemeinsam mit Babak Nafarieh die Idee zu «360 Minutes Art». Er kreiert am Computer sogenannte Matte Paintings: Kulissen für Filme wie «Melancholia» von Lars von Trier oder die Fernsehserie «Game of Thrones». Für «Hugo» von Martin Scorsese hat Sven mit seinen Kollegen einen Oscar für die besten visuellen Effekte gewonnen.

An den nackten Wänden des Ausstellungsraums hängen vereinzelt Bilder. Dazwischen Leere. Etwa ein Drittel der Ausstellungsstücke fanden einen Käufer, zwei Drittel endeten in den Flammen. Gekauft wurden vor allem Gemälde des koreanischen Künstlers Lee Sang Won. Er malt farbenfrohe Menschengruppen – in Gelb, in Rot und mit bunten Ballons. Alle seine vier Ausstellungsstücke zum Preis von bis zu 600.000 Won (= ca. 435 Euro) verschönern bald die Wände von glücklichen Käufern. Einen Last-Minute-Rabatt kurz vor dem Ende der Ausstellung geben die Künstler nicht.

Thomas Wunsch (Foto: Rainer Rippe)

Das betrifft nicht nur die Käufer, sondern auch die Künstler, meint Sven: „Die Verbrennung am Ende der Ausstellung geht an keinem einfach so vorbei.“ Dennoch hat Thomas keine Tränen in den Augen, denn „Die Zerstörung macht ja auch Platz frei im Kopf für neue Ideen!“

Auf die Idee, abstrakte Kunst im Medium der Fotografie zu machen, kam Thomas Wunsch bereits vor etwa 15 Jahren. Normalerweise möchte man in der Fotografie etwas so abbilden, wie es ist. Doch Thomas Wunsch hat genau damit eine Nische für sich gefunden, dass man über seine Bilder nur rätseln kann. Bewusst lässt er sie ohne Titel, denn die könnten Hinweise darauf geben, wo sie entstanden sind und was die ursprünglichen Motive waren.

Fotos „Untitled“ von Thomas Wunsch (Foto: Rainer Rippe)

Viele seiner Bilder werden zu CD-Covern des Münchener Musiklabels ECM, das auf zeitgenössischen Jazz und zeitgenössische Klassik spezialisiert ist. 2013 traten mehrere Musiker des Labels in Seoul auf. Dabei wurde auch eine Ausstellung mit ECM-Kunstwerken gezeigt, darunter Fotos von Thomas Wunsch, der zusätzlich einen Vortrag am Goethe-Institut gehalten hat. Es gefiel ihm damals so gut in Korea, dass er sich um ein Stipendium des Youngeun Museums of Contemporary Art beworben hat. Mit Erfolg.

Seit September des Jahres lebt er in Gwangju in der Provinz Gyeonggi, wo das Museum liegt, und hat seitdem rund 6.000 Fotos geschossen. Im Dezember geht es zurück nach Deutschland. Den Winter wird Thomas damit verbringen, die Fotos aus Korea am Computer zu bearbeiten. Ein paar davon wird man wohl bald auf dem Cover eines ECM-Albums wiederfinden. Andere in einer weiteren Ausstellung von «360 Minutes Art». Die erste fand im Mai des Jahres in Wiesbaden statt, der Heimat von Thomas Wunsch und Sven Sauer. Die zweite folgte im Oktober in Polen. Der dritten Ausstellung in Korea sollen weltweit weitere folgen.

Wenn Sie irgendwann die Chance haben, eine solche Ausstellung zu besuchen, denken Sie daran: Die Gelegenheit, die dort ausgestellten Kunstwerke zu bewundern und zu kaufen, kommt nie wieder. Verpassen Sie sie nicht!

Zukünftige Termine von «360 Minutes Art» findet man unter http://www.360minutesart.com

Die Einzelausstellung «Untitled» von Thomas Wusch ist noch bis zum 14.12.2014 im Youngeun Museum of Contemporary Art in Gwangju, Gyeonggi-do zu sehen.
http://www.youngeunmuseum.org

Homepage von Thomas Wunsch:
http://www.wunsch-photography.com

Bild von Rainer Rippe

Foto: privat

Rainer Rippe

ist Politikwissenschaftler und hat sieben Jahre in Korea verbracht. Von 2008
bis 2011 hat er an der Hankuk University of Foreign Studies unterrichtet. Von 2012 bis 2016
war er für die Friedrich-Naumann Stiftung für die Freiheit in Seoul tätig. Derzeit arbeitet er als
parlamentarischer Referent für Manfred Todtenhausen, MdB im Deutschen Bundestag.

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