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Patchwork und Diskriminierung: Min Jin Lee beschreibt in ihrem Roman „Ein einfaches Leben“ am Beispiel einer Familie das Schicksal der koreanischen Minderheit in Japan

 

Wer heute in Berlin ein Sushi-Restaurant besucht, stößt in der Speisekarte womöglich auf sogenanntes koreanisches Sushi, kulinarisch sind Gim Bap und Nori längst traut vereint. Was trivial nach Fusion-Food klingt, ist jedoch eine kleine Sensation, denn gelegentlich verkünden in Japan noch immer Schilder „japanese only“ oder verbieten koreanischen Gästen explizit den Zutritt („decline Koreans“).

Von dieser Diskriminierung der koreanischen Community in Japan erzählt Min Jin Lee in ihrem Roman „Ein einfaches Leben“. Ihre Geschichte setzt 1910 in Yeongdo ein und endet 1989 in Tokio. Die wechselvollen Zeitläufte sind bei ihr eher durch Kontinuitäten geprägt. Das „Leben einer Frau besteht aus endloser Arbeit und ewigem Leiden“ heißt es zu Beginn, und am Ende wiederholt eine nach Südamerika ausgewanderte Koreanerin ebendiese Worte. Leid, insbesondere das von Frauen, als Leitmotiv.

Min Jin Lee Ein einfaches Leben  Roman Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel Erschienen: 21.09.2018 552 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag ISBN-10: 3423289724 ISBN-13: 978-3423289726 24,– € dtv München

Min Jin Lee
Ein einfaches Leben
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
Erschienen: 21.09.2018
552 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-10: 3423289724
ISBN-13: 978-3423289726
24,– €
dtv München

Die Protagonistin Sunja ist nach drei Totgeburten das erste Kind ihrer Eltern, das überlebt. Sie wird streng, aber liebevoll erzogen; ihr Vater vergöttert sie nahezu, hat sie doch nicht seine körperlichen Makel geerbt, eine Gaumenspalte und einen verkrüppelten Fuß. Nach seinem frühen Tod bringt Sunjas Mutter Yangjin die beiden allein durch, indem sie Arbeitern eine Schlafstelle vermietet und für sie kocht. Sunja muss ihr schon früh unter die Arme greifen. Eines Tages wird sie auf dem Rückweg vom Markt von drei japanischen Jungen bedrängt. Ein Unbekannter greift ein, Hansu. Zwischen den beiden entspinnt sich zunächst eine zarte Freundschaft, dann eine Liebesbeziehung. Erst als Sunja schwanger ist, stellt sich heraus, dass Hansu bereits mit einer Japanerin verheiratet ist.

Dem Roman ist ein Motto von Charles Dickens vorangestellt, angesichts des sozialkritischen Moments völlig zu Recht (es fehlt allerdings der Dickensische Humor). Lee skizziert mit wenigen Strichen patriarchal grundierte Gesellschaften, Ausbeutung und arrangierte Ehen, vor allem aber Vorurteile. Zu Sunjas Situation heißt es lapidar, sie „war schwanger, und der Vater des Kindes war nicht imstande, sie zu heiraten. Eine Woche zuvor hatte sie ihrer Mutter das gestanden, aber natürlich wusste niemand sonst etwas davon.“ Teils auktorial, teils personal entfaltet Lee ihren Stoff, und das passt hervorragend, denn in diesem Roman redet niemand viel, obendrein liegt der Fokus nicht auf dem Individuum, sondern auf der Gesellschaft.

Als Frau wäre Sunja nun erledigt, doch wird sie von Isak gerettet, einem christlichen Pastor auf dem Weg nach Japan. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie, ist aber von Geburt an kränklich und damit keine gute Partie. Die Reise nach Osaka übersteigt seine Kräfte, weshalb er zunächst von Yangjin und Sunja gepflegt werden muss. Er heiratet Sunja, liebt Noa wie ein eigenes Kind, später bekommen beide noch den Sohn Mozasu.


En passant schildert Lee das Wüten Japans in Asien. Korea wird 1910 japanische Kolonie, 1932 erfolgt der Einmarsch in die Mandschurei. Die Geheimpolizei bespitzelt Christen, „Trostfrauen“[1] werden rekrutiert, in Japan wird die koreanische Community ins Getto gesteckt und mit japanisierten Namen drangsaliert, ihre Angehörigen können praktisch nicht reisen, weil sie keinen Auslandspass erhalten – und selbst beim Inlandsausweis werden den 14-Jährigen die Fingerabdrücke abgenommen.

Mentalitätsgeschichtlich stellt der Roman eine echte Fundgrube dar: Tradierte Vorstellungen zu Geschlechterrollen prägen das Leben. Sunjas Schwager Joseb schlägt seiner Frau Kyunghee zwar „niemals etwas ab, aber er wollte nicht, dass sie Geld verdiente. Er war der Auffassung, ein Mann, der viel arbeitete, sollte seine Familie ernähren können, und die Frau sollte zu Hause bleiben.“ Das wird brisant, sobald Joseb als Ernährer ausfällt, denn andere Prinzipien lauten: Mach keine Schulden und nimm keine Almosen an. Am Ende bringen dann die Frauen die Familie durch – und damit ist der Roman auch Zeugnis einer fast unbewussten Emanzipation. Nachdem Sunja Isaks Grab in Osaka besucht hat, endet die Erzählung mit den Worten: „Zu Hause wartete Kyunghee auf sie.“

Die 1968 in Seoul geborene Min Jin Lee kam 1976 mit ihren Eltern in die USA. „Ein einfaches Leben“ ist ihr zweiter Roman und einer der wenigen, der um koreanische Migrationserfahrungen kreist; bislang findet das Thema und insbesondere die innerasiatische Variante literarisch kaum Niederschlag. Lee bietet der Schauplatz zudem die Möglichkeit, gleichsam von außen auf das Leben in Korea zu blicken. Geschickt zeichnet sie die Optionen nach, die sich für Angehörige der Community in Japan auftun: Noa möchte am liebsten als Japaner gelten. Als vorbildlicher Schüler zeigt er einen ähnlichen Bildungshunger wie Isak. Mozasu antizipiert gleichsam sämtliche Vorurteile, die da lauten: „alle Koreaner haben mit Pachinko[2] und der Yakuza[3] zu tun“ und steigt ins Spielautomatengeschäft ein, kommt auch zu Geld, hält sich aber von der Yakuza fern. Dass auch Noa in einer Pachinkohalle endet, darf wohl als ironischer Kommentar auf beider Aufstiegschancen gelesen werden. Ein Verehrer Kyunghees will zurück, denn „Korea braucht mehr Menschen mit der Kraft, die Nation wieder aufzubauen“, Mozasus Frau sehnt sich nach den USA, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Begrenzungen der Geburtsurkunde zu entkommen. Noa erfährt von seiner ersten Freundin, einer Japanerin, paternalistischen Rassismus: „Sie würde immer einen anderen in ihm sehen, nicht den, der er war, sondern eine fantasievolle Version eines Fremden; und sie würde sich immer für etwas Besonderes halten, weil sie sich mit jemandem einließ, der von den anderen verachtet wurde.“

Paradoxerweise misslingen Lee die Figuren, die sie als Inbegriff des „guten Menschen“ darstellen wollte. Über einen Koreaner, der als Junge von Amerikanern adoptiert wird und in den USA aufwächst, heißt es: „Während seiner glücklichen Kindheit, im warmen Nest seiner liebevollen Eltern, hatte er immer mit schlechtem Gewissen an die Koreaner gedacht, die ihr Land für immer verloren hatten.“ In der Regel funktioniert ihr leicht holzschnittartiger Stil bei der Figurenzeichnung aber gut. Sie gestaltet Sunja nie als Frau „zwischen Gangster und Geistlichem“, sondern öffnet den Raum für eine komplexere Sicht, indem sie in der Schwebe hält, ob die Beziehung von Hansu und ihr durch Obsession und Gewalt geprägt war. Hat er sie vergewaltigt? Liebt sie ihn oder fürchtet sie ihn? Stalkt er sie oder hält er seine schützende Hand über die Familie?

Lee zeichnet keine feinen Psychogramme, ihr Text gewinnt Dynamik und Spannung durch das Ausleuchten gesellschaftlicher Umstände. Als Noa und Mozasu eigene Familien gründen, gerät ihr die Handlungsführung ein wenig zur rein summarischen Aufzählung von Missständen. Dieses Manko ist jedoch leicht zu verzeihen, denn bis dahin gewährt ihr Roman aufschlussreiche Einblicke in eine Welt mit viel Pachinko und Kimchi – und weit darüber hinaus.



[1] „Trostfrauen“: Euphemistische Bezeichnung für Mädchen und Frauen, die in japanischen Kriegsbordellen zur Prostitution gezwungen wurden.
[2] Pachinko: Glückssspielautomat
[3] Die „Yakuza“ ist eine mafiaartige Organisation mit Wurzeln im Glücksspiel; eigentlich operiert sie in Japan, ist aber in heutiger Zeit auch in Südkorea stark vertreten. Die Pachinkohallen befinden sich oft in ihrer Hand. Hierbei handelt es sich um Hallen mit Glücksspielautomaten, die sich in Japan großer Beliebtheit erfreuen.
Bild von Christiane Pöhlmann

Foto: privat

Christiane Pöhlmann

übersetzt aus dem Russischen und Italienischen und arbeitet als Literaturkritikerin (FAZ, Glanz & Elend).

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