Musik

Von der Poesie des Widerstandes zur Spiritualität

Zum Preisträgerkonzert des Europäischen Kirchenmusikfestivals am 22. Juli 2015
 

Preisträgerin Younghi Pagh-Paan (li.) mit Richard Arnold, dem Oberbürgermeister von Schwäbisch
Gmünd (Fotos: Eung Rae PARK)

‚Mitten im Leben‘ hieß das Motto des 27. europäischen Kirchenmusikfestivals in Schwäbisch Gmünd (17.07.–09.08.2015), einer kleinen Stadt mit lebendiger Kirchenmusiktradition. Die zwei Pole der menschlichen Existenz, ‚Leben und Tod‘, und die alltagsnahe Spiritualität sollten im Mittelpunkt des Festivals stehen, so der Intendant Klaus Stemmler. So unterschiedlich die Bauwerke sind, die in dieser kleinen Stadt stehen, so bunt war das Repertoire des Festivals. Nicht nur alte und zeitgenössische Musik aus Europa, sondern auch Jazz und ein Repertoire mit außereuropäischen Sujets fachten die Hitze der heißen Sommertage weiter an.  

Das Programm des 22. Juli widmete sich der Musikwelt der diesjährigen Preisträgerin Younghi Pagh-Paan. Das aus München angereiste Vocal Ensemble Singer Pur würdigte die Komponistin mit Musik, deren Vokaltexte aus verschiedenen Weltreligionen stammen. Neben ihren Vokalwerken schufen Motetten aus der Renaissance und Gesänge zeitgenössischer Komponisten gleichsam einen stilistischen Ausgleich. Durch die Umrahmung der Motetten Media vita in morte sumus [Mitten im Leben] von Nicolas Gombert und Orlando di Lasso wurde das Motto des ganzen Festivals noch einmal deutlich. Die diversen Sprachklänge - hebräische, indische, koreanische, altdeutsche – kreuzten den Kirchenraum, den abendländischen Gedächtnisraum. Zugleich wechselten die Sänger flexibel und leicht zwischen Renaissance-Motetten und Gesängen der Gegenwart. Psalmentexte und Gedichte aus verschiedenen Weltreligionen standen nebeneinander.

Mit Hwang To II [Gelbe Erde] (1989/1992) für 5 Männerstimmen, mit dem Singer Pur bereits vertraut war, intensivierte sich die Sprachkreuzung. Die Verse des koreanischen Gedichtes In einer regnerischen Nacht [Bi nae ri nun Bam e] wurden in der Muttersprache der Komponistin gesungen, die sie in das lateinische Alphabet beziehungsweise in eine eigene Lautschrift umschrieb. Das Gedicht tauchte bereits im dritten Teil von Hwang To I (1988/89) auf, wobei drei lyrische Gedichte aus dem Band Hwang To [Gelbe Erde] des koreanischen Widerstandsdichters Chi-Ha Kim verwendet wurden. Aus diesem Teil machte Pagh-Paan ein weiteres Stück, Hwang To II. Was wird aber vom Singen in der Muttersprache der Komponistin erwartet? Man mutet weder den Sängern noch dem Publikum die Verinnerlichung der bedeutungsimmanenten Worte zu, es geht vielmehr um das Anzeigen der in dieser Poesie enthaltenen leidvollen Emotion: ‚Aussichtslose Suche nach der Heimat‘.

Die vier Gesangsreihen von Atish – e – Zaban [Fires of the tongue] [2006] von Sandeep Bhagwati hinterließen bei dem an Motetten gewöhnten Publikum einen besonderen Eindruck. Die Gesänge bezeugten zeitgenössisch-spezifische Ausdrucksqualität: Der Geräuschklang der Konsonanten mit der Handgeste bei Fires I und der dazu kontrastierende Meditationsklang ohne Worte bei Fires IV Miind rahmten weitere Gesänge mit indischer Liebeslyrik ein, die von einem pakistanischen Poeten stammen. Der aus der nordindischen Musik abgeleiteter Titel ,Miind‘ meint, so der Komponist „ein emotionales Glissando“, das „viele Gestalten annehmen“ kann. Somit zeigte dieses Repertoire, wenn auch stilistisch unterschiedlich, eine gewisse Verbundenheit zum Hwang To II [Gelbe Erde], welches Pagh-Paan aus der koreanischen Lyrik des Widerstandsdichters schöpfte.

Younghi Pagh-Paan (Mitte) mit der Cellistin Christina Meissner und dem Organisten
Poul Skjölstrup Larsen

Die Schaffenskraft der über 40 Jahre in Europa lebenden Komponistin lässt seit ihrer Emeritierung von der Bremer Hochschule kaum nach. Einzigartig ist dabei nicht nur die Konsequenz ihres Kompositionsstils, die von der Erfindung des Mutterakkordes ausging, sondern auch die Konzeption, die alle ihre Schaffensphasen durchzieht. Vor allem fällt es auf, dass das Image des Schnees beim Sonnenuntergang, aus dem Nun [Schnee] (1979) konzipiert und die weiteren Werke Hin Nun I [Weißer Schnee] (1985) und Hin Nun II [Weißer Schnee] (2005) entwickelt wurden, in das Licht-Topos übergeht. Allein die Titel, Unterm Sternenlicht (2009), Im Lichte werden wir wandeln (2010/11), Der Glanz des Lichtes (2013) - die Überarbeitung von Hohes und tiefes Licht (2010/2011) - lassen diese Tendenz erkennen.

Anders als frühere Lichtwerke bringt Younghi Pagh-Paan als Vokaltexte des Auftragswerkes In deinem Licht sehen wir: das Licht die kulturell weit auseinanderliegenden Texte für den A-Cappella-Gesang zusammen: Psalm 36 und 150 aus der Bibel sowie das vierte und achte Kapitel Tao Te King von Laotse. Die Intention, dass sie hier keine Lyrik, sondern Bibelverse und asiatische Lehrverse verwendete, ließ sich aus der Vertonungsweise der Verse ablesen. Im Text stehen die akzentuierten Verse aus dem Psalm 36 und die Verse aus dem vierten Kapitel von Tao Te King asymmetrisch gegenüber: „Du bist die Quelle des Lebens, in deinem Licht sehen wir: das Licht“/„Es birgt seine Spitze, gießt aus seiner Fülle, bequemt seinen Glanz an“. Die Kreuzung der Worte ‚Quelle‘ und ‚Glanz‘ hat wohl mit ihrer jüngsten Auseinandersetzung mit der Spiritualität „im Spiegel der Kulturen“ zu tun. Das Stück mündete schließlich in den durch asiatisches Klangkolorit gefärbten Kanon.

Auch zwei jüngste Orgelwerke der Preisträgerin bereicherten den Abend: Unterm Sternlicht (2009) für Orgelsolo, zu dem sie ein lateinischer Brief des verfolgten katholischen koreanischen Priesters Yang-Up Choi veranlasste, und Augenblicke – Gebet (2013) für Cello und Orgel, welches zum 200. Geburtsjahr des dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard entstand. Verwendete sie im Stück Bleibt in mir und Ich in euch (2007) zum ersten Mal die Orgel, deren Klang jedoch von der Akkordeonstimme des Werkes Ne Ma-Umübernommen wurde, so schuf sie mit Unterm Sternlicht zum ersten Mal ein neues Orgelstück. In den Orgelklang jedoch, der die Wanderszene des Priesters durch die dunklen Wälder nachzeichnen sollte, floss das Klangimage des Schneelichtes jener Jahre – wenn auch sporadisch - ein, und bei der Aufführung des Stückes Augenblicke – Gebete war auch die Spur eines solchen Images nicht zu verkennen.   

Im Hinblick auf die Inspirationsquelle des ersten Orgelstückes von Pagh-Paan ist angesichts der kulturellen Biographie des Instrumentes nicht schwer nachzuvollziehen, dass ihre Orgel-Kompositionen mit dem Lichtkonzept fast zusammenfallen. Unter ‚Licht‘ versteht Pagh-Paan jedoch weniger eine Metapher des Himmels als vielmehr seine wandelbare Eigenschaft, wie ein Wasserspiegel. Insofern ist ihre Wende zum Licht-Topos nicht als ein Bruch des früheren Konzeptes, sondern als eine Wandlung von diesem zu verstehen. War in der Trauer jenes Schneelichtes bereits ein künftiger Lichtstrahl enthalten?

„Wo bist Du? Oh immer einsames Herz, wo erstarrst Du grausam zu Stein?“ Dieser Ausdruck von Emotionalität wird nicht allein die Komponistin selbst, sondern möge alle Menschen, die inmitten des digitalen Rituals leben, betreffen. Je ratloser die Sprache zersplittert, umso drängender ist heute die Suche nach Gott – der spirituellen Mitte schlechthin - geworden, und dies ist überall spürbar. Wie verhalten sich aber jene Verse aus Hwangto, die Younghi Pagh-Paan in ihren Vokaltext einfließen ließ, zur Suche nach Gott im spirituellen Sinne? Sie drückt die spirituellen Bedürfnisse durch die gesamten Vokaltexte hindurch aus. Das wandelbare Lichtbild des Auftragswerkes ist Teil dieser Suche.

Bild von Dr. Shin-Hyang Yun

Dr. Shin-Hyang Yun (Foto: privat)

Dr. Shin-Hyang Yun

Dr. Shin-Hyang Yun studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik an der Universität Freiburg i. Br. und promovierte an der Universität Köln in Musikwissenschaft (Ph.D.). Sie war Post-doc-Researcher am Korean Art Research Institute der Korean National University of Arts, Seoul, und Gastprofessorin an der Kyemyung University, Daegu. Seit 2011 lehrte sie an verschiedenen deutschen Universitäten, darunter an der Universität der Künste Berlin, an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Leipzig.  Im Jahr 2018 war sie Forschungskollegin im Asian Culture Research Institut in Gwangju. Sie veröffentlichte in Korea Isang Yun. Musik auf der Grenzlinie (2005), zahlreiche Aufsätze über Isang Yun und Younghi Pagh-Paan sowie Kritiken über koreanische Musikkultur. Im Jahr 2017 wurde ihre deutsche Übersetzung von 한국음악 첫걸음 (deutscher Titel: In der Natur Pungryu genießen. Koreanische traditionelle Musik und ihre Instrumente, Kamprad/Youlhwadang, Autorin: Hye-Jin Song) publiziert.

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