Gesellschaft

Wau-Wau, Oink-Oink, Muh: Die Welt gerät aus den Fugen!

Hieroglyphen: Fremd im Land der koreanischen Zeichen (Fotos: Tim Hirschberg)

Hieroglyphen: Fremd im Land der koreanischen Zeichen (Fotos: Tim Hirschberg)

Zwei Dinge bringen mich aus der Fassung. Das eine sind öffentliche Reden, hier verleiht der amerikanische Komiker Jerry Seinfeld meinen Ängsten den passenden Ausdruck, wenn er sagt, dass auf einer Beerdigung die meisten Gäste lieber selbst im Sarg lägen als die Trauerrede halten zu müssen. Das andere sind ‚wau-wau, oink-oink, muh‘. Lautmalereien also, die im Fachjargon Onomatopoetika heißen und die Welt so nachahmen, wie wir sie mit unseren Ohren und dem Gehirn wahrzunehmen glauben. Das macht sie zu den dubiosen Sonderlingen des menschlichen Kommunikationssystems, gilt es doch als wesentliches Merkmal der sprachlichen Zeichen, dass diese nicht naturalistisch, sondern willkürlich (arbiträr) seien: Ein Holzgewächs mit festem Stamm, Wurzeln, Ästen und Blättern heißt im Deutschen ‚Baum‘, im Französischen ‚abre‘, im Koreanischen ‚namu‘ (나무) und im Finnischen ‚puu‘. Es hätte indes auch völlig anders sein können, denn für die jeweilige Lautform gibt es keine natürliche Motivation. Sie beruht vielmehr auf einer Konvention, die sich in einer bestimmten Sprachgemeinschaft irgendwann einmal mehr oder weniger zufällig etablierte.

Es ist ein bisschen schade, dass nicht mehr Wörter wie Onomatopoetika sind, denn dann müsste man sich nicht wie der Dummerjan vom Dienst fühlen, wenn man Vokabeln aus fremden Sprachfamilien lernt. Als Deutscher wird man beispielsweise ,galaanjda‘ (가라앉다), was auf Koreanisch ‚sinken‘ bedeutet, als fremdartiges, widerspenstiges Etwas empfinden. Warum sagt man nicht einfach universell ‚blubb-blubb‘?

Für all diejenigen, die sich in der weiten Welt als Sprachlehrerinnen und -lehrer durchschlagen, verheißen Onomatopoetika eine seltene Chance, nämlich die Aussicht auf eine Unterrichtseinheit ohne Überforderte, Frustrierte oder gar Panische. Kein Lernender wird bei Null beginnen müssen, denn Hunde bellen doch wohl in ihrer Lingua franca; in Himmelpforten und Dresden nicht anders als in Ulsan oder Seoul.

Das dachte ich mir jedenfalls und verteilte siegessicher ein Arbeitsblatt an meine koreanischen Studentinnen und Studenten. Darauf befanden sich 14 possierliche Tierbilder, die den entsprechenden lautmalerischen deutschen Ausdrücken zugeordnet werden sollten. Zehn Minuten Bearbeitungszeit, einsammeln, korrigieren – und mein Weltvertrauen ward zu Schutt und Asche.

2019 ist das Jahr des Schweins: ‚Oink‘ wird in Asien auf Unverständnis stoßen.

2019 ist das Jahr des Schweins: ‚Oink‘ wird in Asien auf Unverständnis stoßen.

Die Töne aus dem Schweinerüssel? 15 Prozent Trefferquote. Der Schall aus der Hundeschnauze? Zappenduster. Der heidieske Ruf der tiefenentspannten Kuh? Hopfen und Malz verloren. Ich musste ich belehren lassen, dass Schweine weder grunzen, quieken noch oinken, sondern ‚ggul-ggul‘ (꿀꿀) machen. Die koreanischen Studentinnen und Studenten insistierten ferner darauf, dass Kühe wie irregeleitete Schafe klingen, nämlich ‚ummeh‘ (음메). Hunde wiederum, sagte man mir mit Nachdruck, stoßen zwischen ihren Lefzen ein murmelartiges ‚meong-meong‘ (멍멍) hervor. Kurzum, mir als Linguisten erging es wie dem nervösen Arzt Rönne aus Gottfried Benns Novellen, dem die kühle Wissenschaftlichkeit seiner Disziplin keinen Halt mehr bietet, um sich einen Reim auf die Welt zu machen. Etwas war faul mit den koreanischen Tieren, oder etwas stimmte nicht mit den deutschen Schweinen, Kühen und Hunden. Möglicherweise waren aber auch einfach die menschlichen Imitatoren auf Abwege geraten.

Die Frage hat durchaus praktische Relevanz, denn wer die koreanische Sprache beherrschen will oder sich für K-Popmusik begeistert, stößt auf eine Heerschar von Onomatopoetika. Das Koreanische liebe diesen Ausdruckstyp, heißt es. Etwa 2000 Onomatopoetika seien fester Bestandteil der Alltagskommunikation, eine etwa achtmal größere Zahl als in europäischen Sprachen. Übersetzer aus dem Koreanischen klagen, es fehle in den Zielsprachen oft das geeignete Material, um dieser koreanischen Expressivität vollends gerecht werden zu können.

Nehmen wir das Beispiel des Zähneputzens. Im Koreanischen lässt sich darüber lautmalerisch als ‚chi-ka-chi-ka‘ (치카치카) reden, ohne dass es konstruiert oder lächerlich klänge. Im Deutschen müsste man erst selbst sprachschöpferisch tätig werden, und das Ergebnis schiene dann eher einem Micky Maus-Heft, einer Geschichte Wilhelm Buschs oder einem Gedicht Ernst Jandls (‚schtzngrmm‘) entsprungen als einem tatsächlichen Alltagsgespräch. In bestimmte Genres wie eben dem Comic macht es selbstverständlich auch im Deutschen ‚peng‘, ,rülps‘, ,würg‘, und paradoxerweise werden sogar geräuschlose Vorgänge wie ‚grübel‘, ,schwitz‘ auf dieselbe Weise gebraucht – aber eben nur da oder vielleicht noch in der Werbung. Im Koreanischen hingegen finden Lautmalereien sogar Eingang in so nüchterne Textsorten wie Gebrauchsanweisungen. Entsprechend verblüfft diskutiert die westliche Internetgemeinde, wie ein bekannter koreanischen Elektronikhersteller die Funktionsweise seines Kühlschranks erläutert. Bei ‚kureureuk‘ solle sich der Nutzer keine Sorgen machen, da sich lediglich das Gas verflüssige. Auch ‚shoo‘ und ‚shik‘ bedeuteten keine Störung, sondern eine Druckveränderung bei sich abkühlender warmer Luft.

Le coq est mort…. Wie klang der letzte Ruf der Hühner?

Le coq est mort…. Wie klang der letzte Ruf der Hühner?

Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass die skurrile Hymne der Onomatopoesie, der virale Popsong ‚The Fox‘ (,What does the Fox say?‘), in Südkorea Kultstatus genießt. Das norwegische Komikerduo Ylvis zelebriert darin in schriller Form und mit selbstverhöhnend hässlichen Kostümen die schwierige Suche danach, wie der Fuchs ruft (er bellt, keckert oder schreit übrigens, wie Jäger wissen). Es gibt natürlich auch das koreanische Pendant, in dem uns der Rapper Jay Park sowie die K-Popgruppe 2Eyes weismachen wollen, dass Krabben ‚chab-chab‘ (찹찹) und Tintenfische ‚ppu-ak‘ (뿌악) machen – Meeresfrüchte sind in Korea allgegenwärtig. Die Boyband Exo lässt Tiger grollen (으르렁), die Girlgroup SNDS verliebte Herzen pochen (두근두근), und in Werbespots für Hautpflege imitiert ‚chog-chog‘ (촉촉) das wohldosierte Fingerklöpfeln, das die Feuchtigkeitscreme in die Gesichtshaut einsinken lässt, so dass mit ein bisschen Glück der weltberühmte koreanische Porzellanteint entsteht.

In der koreanischen Sprache und Kultur gibt es also eine gewisse Obsession für Lautmalereien. Ein Grund dafür könnte der verhältnismäßig kleine Anteil an Adjektiven und Adverbien im koreanischen Grundwortschatz sein. Diese Wortarten kommunizieren bekanntlich Eigenschaften und ermöglichen damit deskriptiven Detailreichtum. Wo sie fehlen, könnte die Beschreibungswucht von Onomatopoetika einen Ausgleich schaffen, so die Idee.

Die Unterschiede bei der Häufigkeit von Onomatopoetika sind das eine, warum aber können sie im Koreanischen und Deutschen so verstörend verschieden klingen? Die typische Antwort verweist auf die spezifischen lautlichen (phonologischen) Systeme der einzelnen Sprachen. Jeder hat schon einmal Witze über ‚r‘ und ‚l‘ gehört, die in vielen asiatischen Sprachen nicht so funktionieren wie in europäischen. Unsere Muttersprache ist wie ein Filter in mehrfacher Hinsicht – sie beeinflusst, wie wir etwas wahrnehmen, wie wir es kategorisieren und wie wir es schließlich artikulieren. Überhaupt ist Naturalismus nicht unbedingt die Paradedisziplin der menschlichen Sprachen. Wir parlieren stundenlang über hochabstrakte Dinge wie Liebe oder Freiheit, die wir eigentlich kaum verstehen, wenn wir aber im Detail beschreiben sollen, wie man im Tennis einen schulbuchmäßigen Aufschlag ausführt, resultiert daraus eine sprachliche Monstrosität. Peter Weiß verlieh dieser Umständlichkeit in seiner Erzählung ‚Der Schatten des Körpers des Kutschers‘ auf quälend minutiöse Weise Ausdruck.

Der Mensch ist ein homo abstractus und seine Sprache das passende Instrument. Sie erlaubt es ihm, sich von seinen unmittelbaren Sinneseindrücken zu emanzipieren und abenteuerliche Kreationen zu erfinden. Wären Onomatopoetika wirklich streng naturalistisch, würden uns einige der schönsten Sprachschöpfungen entgehen. Im Koreanischen kann man mit ‚ulgeut-bulgeut‘ (울긋불긋) Buntheit und mit ‚ugeul-jjugeul‘ (우글쭈글) Zerbeultheit synästhetisch klingen lassen. Auch die brodelnde Gerüchteküche hat eine exklusive Wortform, nämlich ‚ssugdeog-ssugdeog’ (쑥덕쑥덕). Dem Sprachtheoretiker Karl Bühler ist somit vollends zuzustimmen: „Wenn unter den Sachverständigen eine Abstimmung stattfände darüber, wer reicher ausgestattet sei mit Malmitteln: der Farbmaler oder ein Stimmmaler, so gäbe ich unbedenklich dem zweiten meine Stimme.”

 


[1] Da dieser Text der Unterhaltung dient, verzichte ich auf terminologische Komplikationen. Die Wissenschaft unternimmt bei den mimetischen Ausdruckstypen, von denen Onomatopoetika nur ein Teil sind, Feindifferenzierungen. Fürs Koreanische ist insbesondere der Begriff ‚Ideophon‘ wichtig.

Foto von Tim Hirschberg

Foto: Tim Hirschberg

Tim Hirschberg

Tim Hirschberg arbeitet seit April 2017 für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) als Gastprofessor an der Pusan National University in Busan, Südkorea. Vorher war er am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin (heute: Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft) und der Goethe-Universität Frankfurt am Main beschäftigt. Sein wissenschaftliches Interesse ist die theoretische Linguistik.

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