Reise

In 365 Tagen um die Welt – von einem ganz besonderen Sabbatjahr

Ein Lehrer bereist die Heimatländer seiner Schüler - und schreibt ein Buch darüber

Jan Kammann ist jemand, der gern über den eigenen Tellerrand schaut und allem Unbekannten mit großer Offenheit begegnet. Vor einiger Zeit hat er eine neue Küche für sich entdeckt: die koreanische. Bulgogi (불고기) [1] und Bibimbap (비빔밥) [2]  haben längst Einzug auf seinen Esstisch gehalten, ebenso wie alle erdenklichen Varianten von Kimchi (김치) [3]. „Schuld“ daran ist eine einjährige Weltreise, die ihn unter anderem nach Südkorea führte.

Der gebürtige Bremer und überzeugte Globetrotter ist Lehrer für Englisch und Geografie an einem Hamburger Europagymnasium. Vor ein paar Jahren saßen 30 Schülerinnen und Schüler aus über 20 Nationen in einer seiner Vorbereitungsklassen – Kids, deren Biografien und kultureller Hintergrund unterschiedlicher nicht sein könnten, die nun aber gemeinsam die Schulbank drückten, um später mit dem deutschen Sprachdiplom in der Tasche am regulären deutschen Schulunterricht teilnehmen zu können. Ihre Gründe, in Deutschland zu sein, waren vielfältig und reichten von der Flucht vor Krieg bis zur schulischen Ausbildung. In den vielen Gesprächen mit den Jugendlichen erhielt der Lehrer Einblicke in Realitäten, die in ihm einen großen Wunsch weckten: die Länder seiner Schüler zu bereisen, um mehr über sie und ihre jeweilige Heimat zu erfahren. Ein Sabbatjahr machte es möglich, dass er 2016 zu einer einjährigen Reise aufbrach. Ende 2018 erschien das Resümee seines ungewöhnlichen Roadtrips („Ein deutsches Klassenzimmer“, Piper Verlag 2018), das große mediale Aufmerksamkeit erregte und seinem Buch vordere Plätze in mehreren Bestsellerlisten bescherte [4].

Ein Pärchen flaniert durch Seoul (sämtliche Fotos im Text: Jan Kammann, Coverfoto: Luisa Wolff). 

Am liebsten hätte er alle 22 Herkunftsländer seiner Schüler besucht. 14 Destinationen wählte er schließlich aus. Zu den Stationen der Reise, die Jan Kammann wieder zum Schüler werden ließ und ihm völlig neue Horizonte eröffnete, gehörten neben Südkorea auch Bulgarien, der Iran, Armenien, der Kosovo, Albanien, Polen, Kuba, Nicaragua, Kolumbien, China, die Mongolei, Russland und Ghana.

Drei bis vier Wochen hatte er eingeplant, um Korea kennenzulernen - eine Zeitspanne, die es ihm nur erlauben würde, an der Oberfläche zu kratzen, nicht aber tiefer in das Land einzutauchen. Da seine Zeit an den einzelnen Orten begrenzt war und er sich auf das Wesentliche konzentrieren wollte, hatte er seine Schüler gebeten, für jedes seiner Reiseziele einen englischen Guide mit ihren persönlichen touristischen Highlights und wertvollen Insidertipps zu basteln. Anstatt diese Aufgabe als lästige Pflicht zu betrachten, machten sich die Schüler mit Feuereifer daran, ihrem Lehrer die schönsten Facetten ihres Heimatlandes vorzustellen.

Der Korea-Reiseführer stammte von Mi-sun, einer Schülerin an Hamburgs weltberühmtem John-Neumeier-Ballett, die nachmittags ihre Tanzausbildung absolvierte und vormittags in Jan Kammanns Klasse ihrer Schulpflicht nachkam. Rund ein Viertel bis ein Fünftel der Schüler kommen über das John-Neumeier-Ballettinternat an das Europagymnasium, darunter auch viele Koreaner*innen.

Der Tour-Guide über Korea stammt von der koreanischen Schülerin Mi-sun. 

„In Korea is your chance to know a culture which would be pretty new for you“ (,In Korea hast du die Chance, eine Kultur kennenzulernen, die ziemlich neu für dich sein wird‘), stand in dem Heftchen geschrieben. Diese Aussage kann der Pädagoge nur unterstreichen. Vor Ort traf er auf eine kulturelle Vielschichtigkeit, die für einen Neuankömmling „oft schwer zu durchschauen“ ist, wie er findet. „Südkorea ist für mich kein Land, in das man mal eben so hinfährt, und das meine ich nicht im negativen Sinne. Das ist natürlich möglich, weil es dort unheimlich schön ist. Aber um ein tieferes Verständnis zu erlangen, ist eine intensivere Auseinandersetzung mit der koreanischen Kultur notwendig.“ Eine Herausforderung, der er sich gern stellte.  Sein erster Eindruck von Seoul: Die Stadt läuft „wie ein gut durchchoreografiertes Ensemble, in dem jeder weiß, wo er hingehört“, oder wie eine „gut geölte Maschine“, solange alle die Regeln beherrschen. Die Kompetenz, Seoul richtig zu handhaben, habe er sich erst aneignen müssen. Erst nach einigen Tagen sei es ihm gelungen, „die einfachsten sozialen Codes zu verstehen und nicht mehr überall anzuecken“.  

Wenig überraschend für Kenner der koreanischen Küche enthielt der Reiseführer neben den „Top 5 Experiences“ der Stadt Seoul auch Hinweise auf Koreas Kulinarik. Jan Kammann belegte einen koreanischen Kochkurs, um herauszufinden, warum die koreanische Küche in puncto Vielfalt und Raffinesse der deutschen so sehr überlegen ist. „Allein schon das koreanische Kantinenessen. Wenn ich das mit unserer deutschen Schule vergleiche, ist das eine andere Liga“, schwärmt er. Im Kochkurs erfuhr er, dass Essen für die Koreaner weit mehr als bloße Nahrungsaufnahme ist, sondern für sie eng mit ihrer kulturellen Identität und Herkunft verbunden ist.

Viele koreanische Rezepte wurden über Jahrhunderte tradiert. Essen ist in Korea eine sinnliche Erfahrung, die von den Großeltern und Eltern an die Kinder weitergereicht wird und eine Verbindung zu den verstorbenen Ahnen herstellt. Der generationenübergreifende Aspekt der koreanischen Küche ist ein schöner Gedanke, wie Jan Kammann findet, der inzwischen Vater einer sechs Monate alten Tochter ist. Aber er wäre nicht Lehrer für Geografie, hätte ihn die koreanische Küche nicht zu einer Aufgabe für seine Schüler inspiriert: „Anhand eines Rezepts, zum Beispiel Bibimbap, sehen wir uns an, was da eigentlich drin ist. Wo wachsen die Zutaten? Welche klimatischen Bedingungen braucht zum Beispiel diese Pilzart? Das ist ein guter Einstieg, um die Klimazonen kennenzulernen und mehr über die Kultur eines Landes zu erfahren“.

In der Kochschule der fünf Geschmäcker

In der Kochschule der fünf Geschmäcker (1.v.r.: Jan Kammann)
 

Soldaten spähen über die DMZ hinweg in den Norden der koreanischen Halbinsel.

Soldaten spähen über die DMZ hinweg in den nördlichen Teil der koreanischen Halbinsel. 

Doch Korea ist nicht nur ein Land mit einer fantastischen Küche. Trotz seines kurzen Verweilens kam der Hamburger Lehrer nicht umhin, die politischen Spannungen wahrzunehmen, die die koreanische Halbinsel bis heute in Atem halten. Zur Zeit seiner Koreareise befanden sich gerade die Eskalationen zwischen Nordkorea und den USA auf einem Höhepunkt. Nicht nur beim Besuch der Entmilitarisierten Zone (DMZ) und des Grenzorts Panmunjeom, sondern auch in der Millionenmetropole Seoul wurden ihm die Narben des Koreakriegs und der Teilung bewusst, die sich auch teilweise in der Architektur widergespiegelt hätten. Wenn die Leute von seiner Nationalität erfuhren, sei oft das Interesse groß gewesen, über die koreanische und deutsche Teilung zu sprechen. Durch diese Unterhaltungen erhielt er wertvolle Einblicke, wie die deutsche Teilung in Korea wahrgenommen wird, und wurde sich der eigenen Geschichte noch einmal stärker bewusst.  

Bei Jan Kammanns neuem koreanischen Lieblingsgericht Bibimbap ergeben die einzelnen Zutaten in ihrer Kombination erst ein harmonisches Ganzes. Ähnlich fügen sich die einzelnen Fragmente seiner Zeit in Korea zu einem Gesamtbild zusammen, das aber aufgrund der Kürze seines Aufenthalts nicht zu sehr in die Tiefe gehen kann.

Gern würde er noch einmal nach Korea fahren und dieses Bild vervollständigen, allein schon, um den Alltag an einer koreanischen Schule zu erleben. Aber was zukünftige Reisepläne betrifft, ist er gelassen. „Ich habe ja noch Zeit. Unbedingt!“ Bis dahin ist er Stammgast im koreanischen BBQ-Restaurant, das vor Kurzem bei ihm um die Ecke eröffnet wurde.

Jan Kammann mit einer Mitarbeiterin des Restaurants, das den besten und schärfsten Tintenfisch in Seoul serviert

Hier soll es den besten und wohl auch schärfsten Tintenfisch Koreas geben. Jan Kammann mit einer Mitarbeiterin des Restaurants

Das Sabbatjahr liegt schon eine ganze Weile hinter ihm, doch es hat ihn verändert. „Ich sehe die Welt mit anderen Augen und bin dankbar, dass meine Schüler den Spieß umdrehen konnten und mir so viel beigebracht haben“, schreibt er im Epilog seines Buches. Inzwischen kann er einige seiner internationalen Schüler in ihrer Muttersprache begrüßen und bei ihnen mit Wissen über ihre Heimatländer punkten. Gleichzeitig stieg auch noch einmal der Respekt für seine Schüler, darunter auch Mi-sun, die eine völlig neue Sprache lernen mussten, um in Deutschland ihren Abschluss machen zu können. Der Hamburger stellt sich vor, wie es für ihn gewesen wäre, wenn sich seine Eltern zu Schulzeiten entschlossen hätten, mit ihm nach Korea zu gehen: „Nicht unwahrscheinlich, dass ich kläglich gescheitert wäre." Mi-sun wählte als Thema ihrer Abiturprüfung im Fach Deutsch übrigens „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Eine beachtliche Leistung, die Jan Kammann jetzt noch imponiert.

 
 
[1] Mariniertes Rindfleisch, das gewöhnlich auf dem Grill zubereitet wird
[2] Variantenreiches Gericht mit Reis, verschiedenen Gemüsesorten, Kräutern und Pilzen, Rindfleisch oder Tofu, Ei und Chilipaste (Gochujang, 고추장). Vor dem Verzehr werden die einzelnen Zutaten, die auf dem Reis angeordnet sind, mit den Stäbchen vermischt.
[3] Gewöhnlich mit reichlich Chili, Knoblauch, Ingwer und anderen Zutaten eingelegtes Gemüse, in 1. Linie Chinakohl oder Rettich
[4] Platz 8 der Bestsellerliste Top 25 Paperback des Börsenblatt, Platz 12 der Paperback-Bestsellerliste des Spiegel

 

 

 

Ein deutsches Klassenzimmer: 30 Schüler, 22 Nationen, 14 Länder und ein Lehrer auf Weltreise
von Jan Kammann
September 2018
304 Seiten
MALIK
EAN 978-3-89029-500-8
 

 

Über den Autor des Buches: Jan Kammann, 1979 geboren, ist Lehrer für Englisch und Geografie an der Europaschule Gymnasium Hamm in Hamburg. Seine internationalen Schülerinnen und Schüler inspirierten ihn zu einem Sabbatjahr, in dem er 14 ihrer Heimatländer bereiste. 

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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