Kunst

kate hers RHEE

Die Künstlerin kate hers RHEE am Tag der Vernissage, 3. Mai 2018 (Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Von Rachel Jans

Wer bin ich, und woher komme ich? Für einige Menschen sind diese Fragen leicht zu beantworten. Aber für die Berlin lebende und arbeitende Künstlerin kate hers RHEE bildet deren ausweichender Charakter die Motivation für ihr eindringliches und umfangreiches Werk. Die Künstlerin, die in Seoul geboren wurde und von einem amerikanischen Ehepaar aus dem US-Bundesstaat Michigan adoptiert wurde, hat Zeit ihrer künstlerischen Karriere nach ihren Wurzeln gesucht und ihre Identität, ihre Zugehörigkeit und ihren Platz in der Welt erforscht. RHEES neueste Ausstellung I like Korea and Korea likes Me in der gallery damdam des Koreanischen Kulturzentrums in Berlin*, kuratiert von Ka Hee Jeong, hebt die außergewöhnliche Zeitspanne und die enorme Ausdauer hervor, die sie bei der Auseinandersetzung mit diesen Themen bewiesen hat. Die zierliche, aber zielstrebige Frau, die Teil einer Generation ist, die in Südkorea geboren und ins Ausland adoptiert wurde, vermittelt den Eindruck, als ob sie den Kampf gegen die monumentalen Kräfte aufnehme, die ihrer Entwurzelung zugrunde liegen, nicht nur für sich selbst, sondern für alle Menschen dieser Diaspora.

Auch wenn ihre Erkundungen über Entwurzelung und Zugehörigkeit höchst persönlich sind, findet sich in ihnen ein Widerhall der Migration, die in unserem globalen Zeitalter ein vorherrschendes Phänomen ist. Das früheste Werk der Ausstellung, deren Arbeiten sich über einen Zeitraum von zehn Jahren erstrecken, The German Speaking Project (2008), entstand kurz nach der Übersiedlung der Künstlerin aus den USA nach Berlin. RHEE, die damals lediglich über grundlegende deutsche Sprachkenntnisse verfügte, beschloss, drei Monate lang nur Deutsch zu sprechen. Die zeitlich begrenzte Performance, die die Form eines Videotagebuchs und anderer Ephemera hat, dokumentiert die isolierende und zuweilen skurrile Erfahrung, eine neue Sprache in einem neuen Land anzuwenden. Während in Deutschland die Rolle von Sprache im Integrationsprozess debattiert wird, ist Englisch die lingua franca von Berlins globaler Kunstwelt. Seit dem Fall der Berliner Mauer haben immer mehr Künstler*innen aus aller Welt die Stadt zu ihrer Heimat gemacht. Mit diesem Werk stellt RHEE die Standards infrage, wer (und wem man) seine Zugehörigkeit beweisen muss. In der Tat erwies sich die Tatsache, dass sie The German Speaking Project durchführte, als ein Hindernis für die Kommunikation mit der oben genannten Community, wie sie in ihrem Video beklagte. Während RHEE die Grenzen, wenn nicht gar die Unmöglichkeit der Integration aufzeigt, weist sie auch darauf hin, dass in der gegenwärtigen vernetzten globalen Welt lokale Sprachen und Kulturen das unersättliche Wachstum der Weltkunst nur behindern. RHEE enthüllt die Widersprüche zwischen zwei verschiedenen Formen der Migration. Auf der einen Seite gibt es den Künstler, der bewusst und mit relativer Leichtigkeit von Ort zu Ort wandert, auf der anderen Seite ist die Person, die aufgrund von großen historischen Strömungen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, zur Migration gezwungen ist. Fast zehn Jahre nach The German Speaking Project geht RHEE mit Transkoreaning (2017-18) den umgekehrten Weg. Mit dieser eindringlichen Performance hat sie radikal den Einsatz erhöht, indem sie ihr Projekt der selbst auferlegten Integration nach Seoul verlagert hat, an den Ort ihrer Geburt. Die Künstlerin hat sich nicht nur die Aufgabe gestellt, ausschließlich auf Koreanisch zu kommunizieren, eine Sprache, die sie sich noch aneignen musste, sie setzte sich auch dem emotional auslaugenden und bürokratischen Prozess aus, ihre südkoreanische Staatsbürgerschaft zurückzuerlangen. Ihr Unterfangen, „authentisch koreanisch“ zu werden, führt dazu, dass die Vorstellungen von einer festgelegten Identität ins Wanken geraten – insbesondere in ihrer Ausrichtung an der Nationalität – dennoch ist RHEEs tief empfundenes Bedürfnis, ihr Selbst wiederzufinden, das sie als Folge ihrer Auslandsadoption verloren hat, echt. Das Werk zeigt den komplexen, facettenreichen Charakter von Identität und wirft die Frage auf, welche Rolle die Nation, Sprache, Ethnizität und Community bei ihrer Entstehung spielen. Das Videotagebuch, welches das Projekt dokumentiert, zieht den Betrachter in dieses intime Drama hinein, während die Künstlerin ihren Verlust sowie ihr Unvermögen, sich perfekt an die Kultur ihres Geburtslandes anzupassen, noch einmal durchlebt.

Impressionen der Vernissage

Transkoreaning vermittelt das Trauma von scheinbar abstrakten, überlebensgroßen Mächten und verleiht der Adoption der Künstlerin, welche sie als Teil „der leisen, auferzwungenen Migration von ethnischen Koreanern ins Ausland“ sieht, eine menschliche Perspektive. RHEEs persönliche Geschichte steht im Gegensatz zu den mächtigen bürokratischen Mechanismen, die Identität und Staatsbürgerschaft steuern. Aus den Dokumenten der bürokratischen Prozesse, die ihre Identität definieren, hat sie Werke geschaffen, darunter Crossing the Line (2018). Zwei Tablet-PCs, die mit dem Rücken zueinander stehen, präsentieren den ,Papierpfad der stillen Gewalt´; sie beschreiben im Detail RHEEs sich wandelnde Identität, einschließlich des Prozesses ihrer Adoption in die USA und ihrer Annahme der südkoreanischen Staatsbürgerschaft. Der Staat wies der Künstlerin, damals ein Waisenkind in Südkorea, den Namen Park Keum-Young zu, löschte auf diese Weise jede Verbindung zu ihrer leiblichen Familie aus und durchtrennte die Zweige und Wurzeln ihres Familienstammbaums, sodass er nur noch als einsamer Stumpf existiert. Um sich eine Kontrollmethode für ihre sich stetig weiterentwickelnde Identität anzueignen, beschließt RHEE eines Tages, ihren vom Staat verliehenen koreanischen Namen offiziell in „Mirae Rhee“ zu ändern, der so viel bedeutet wie „zukünftiges Selbst“. Ein Abstand von einem Fuß trennt die beiden Tablets; er markiert die Linie, auf der einst die Berliner Mauer durch die Stadt verlief, und ist eine Hommage an die gemeinsame Geschichte Nachkriegsdeutschlands und Koreas von Teilung, Trennung und Entwurzelung sowie an die eigene Erfahrung der Künstlerin von der Grenzüberschreitung.

I like Korea and Korea likes Me, der Titel der Ausstellung, täuscht über die Verletzlichkeit, Rohheit und anspruchsvolle Natur von RHEEs Werk hinweg. Er nimmt Bezug auf Joseph Beuys‘ berühmte Aktion in New York aus dem Jahr 1974, I like America and America likes Me, in der sich der deutsche Künstler in Filz hüllte und sich drei Tage lang weigerte, außerhalb der Galeriemauern mit der amerikanischen Kultur in Kontakt zu treten. Beuys‘ Filz war in dieser Performance eine Schutzmaßnahme gegen die amerikanische Kultur, eine Strategie, die RHEE gemieden hat. Dennoch verdeutlicht der Verweis auf den berühmten deutschen Künstler (ihr Werk ist auch von Tehching Hsieh, Nam June Paik, Adrian Piper und anderen beeinflusst) ihre Offenheit gegenüber Orten, welche ihre Kunst durchdringt und bereichert. Die Ausstellung bietet auch einen Moment des Innehaltens durch eine kleine Skulptur, Heterogenous infiltration for a Korean Sogo (2018), eine kleine Trommel, deren Form einer Bratpfanne ähnelt und die vollständig in handgefertigtes Filz eingeschlagen ist. Das Instrument erinnert an RHEEs erste Erforschung der traditionellen koreanischen Kultur und Musik, eine Auseinandersetzung, die sie schließlich 1997 nach Südkorea brachte, wo sie zum ersten Mal die Sogo spielte. Die Arbeit vermittelt eine Zärtlichkeit gegenüber dem jungen Selbst der Künstlerin und dient als Totem ihrer Jugend und der Reisen, die sie in ihrer Kunst und in ihrem Leben unternommen hat. Man hofft, dass RHEE und ihr zukünftiges Selbst in ihren beharrlichen Erkundungen über ihre Zugehörigkeit einen Moment des Innehaltens finden, bevor sie sich der nächsten Belastungsprobe aussetzen.

* Ausstellungszeitraum: 26. April-23. Juni 2018

 

Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Gesine Stoyke

Bild von Rachel Jans

Foto: privat

Rachel Jans

ist stellvertretende Kuratorin für Malerei und Skulptur am San Francisco Museum of Modern Art

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