Porträt

„Ich bin gekommen, um zu bleiben“

Nicht viele Menschen haben den Mut, sich Hals über Kopf für die Liebe zu entscheiden und in ein völlig fremdes Land auszuwandern. Jenseits der Familie, der Freunde und des gewohnten Lebens in der Heimat. Eine völlig neue Kultur, eine neue Sprache, neue Gewohnheiten und noch dazu eine so überwältigend große Stadt wie Seoul. All dies hat der österreichische Expat Michael Karczewski, in der YouTuber-Szene wohl besser bekannt als „Mika in Korea“ (www.mikainkorea.com), miterlebt.

Mika mit seiner Frau Sujin

Mika mit seiner Frau Sujin (Foto: @mikainkorea Instagram)

Nach einer 8-jährigen Fernbeziehung mit seiner heutigen Frau, die er bei einer Sprachreise in Australien kennenlernte, beschloss Mika 2016, kurzerhand nach Korea zu ziehen. Ein Land, das unterschiedlicher zu Österreich nicht sein könnte. Von landschaftlicher Idylle zu Betonfassaden, von einer Kleinstadt mit etwa 5000 Einwohnern in eine 10-Millionen-Metropole, in der Mikas Eindruck zufolge selbst die U-Bahn-Stationen eigene kleine Städte zu sein scheinen: Rolltreppenaufgang in die überirdische Mall, in das kulturelle Multiplex namens Dongdaemun Design Plaza, in die Restaurants oder Banken. Ein für ihn bis dahin völlig unbekanntes Land, ein paar Mal bereist, um die Dame seines Herzens zu besuchen, aber mit wenig Sprachkenntnissen im Gepäck - eine große Herausforderung, vor allem für einen bekennenden Sprachmuffel. Trotz seines in Wien abgeschlossenen Koreanistik-Studiums tut er sich bis heute schwer mit der Sprache, weshalb der Alltag in Seoul für ihn immer wieder ein kleines, aber aufregendes Abenteuer mit unerwartetem Ausgang bedeutet. So kann es aufgrund von Sprachbarrieren schon einmal vorkommen, dass er für ein Stück Rindfleisch versehentlich knapp 50 Euro bezahlt oder den als Coffee-to-go gedachten Wachmacher dann plötzlich doch vor Ort trinken muss. Die Sprache ist meist die erste Herausforderung, die es zu meistern gilt. Auch die Verständigung mit den Schwiegereltern fällt da oft ein wenig schwer. Zwar wurde Mika in der Familie herzlich aufgenommen, was dank hartnäckig gepflegter Vorurteile gegenüber nichtkoreanischen Partnern durchaus keine Selbstverständlichkeit ist, doch erschwert in seinem Fall der Busan-Dialekt der Schwiegereltern die Kommunikation noch einmal mehr. „Ich habe meine Schwiegermutter einmal gebeten, langsam zu sprechen, woraufhin sie mich anschaute und entgegnete, dies bereits zu tun“, erzählt Mika lachend. Trotzdem fühle er sich wie zu Hause und genieße alle Annehmlichkeiten eines Sohnes. Nur das Duzen werde ihm bedauerlicherweise auf immer verwehrt bleiben, was ihn jedoch nicht von anderen Schwiegersöhnen unterscheidet, sondern dem koreanischen Verständnis der Ehrerbietung gegenüber Älteren geschuldet ist.

Eines lässt sich nach drei Jahren Korea sagen: Mika ist mit seinem Leben in Korea sehr zufrieden. „Die Leute sind einfach nett! Egal wo ich hingehe, werde ich angelächelt. Vielleicht ist das aber auch ein Ausländer-Bonus“, sagt er. Schlechte Erfahrungen habe er kaum gemacht. Das liege aber auch daran, dass er versucht, sich der koreanischen Kultur Schritt für Schritt anzupassen. Viele Ausländer richteten ihren Fokus auf das Negative, vor allem in der YouTuber-Branche. Natürlich garantiert das mehr Klicks und damit mehr Erfolg, weil die Expat-Seele im Fall von vermeintlicher Diskriminierung oder Ähnlichem natürlich schwer getroffen ist. Mika hingegen glaubt, dass Anpassung ein positives Echo erzeugt. In Korea, so sein Gefühl, zaubern bereits simple Sprachkenntnisse ein Lächeln auf die Gesichter der Koreaner. Das bringt große Vorteile, auch im Alltag. Im Übrigen kollidiere das klischeehafte Bild vom Österreicher als Naturbursche gravierend mit der Wirklichkeit: „Ich jodle nicht, ich steige auf keinen Berg, und ich kann auch nicht Skifahren“, erzählt Mika.“

Mikas YouTube-Channel

Mikas Youtube-Channel (Foto: Screenshot "미카인코리아 Mika in Korea")

Ob beim Friseur, beim Einkaufen oder im Restaurant - der fast zwei Meter große Mann sticht nicht nur wegen seiner Größe aus der Menge hervor. Mit einer Kamera bewaffnet, sucht der YouTuber nach leckerem koreanischem Essen für seinen Channel. Mit den trendigen „Mokbangs“ [ ] (aus dem Koreanischen abgeleitet von dem Wort 먹다 [mŏkta-essen] und 방송 [bangsong-Sendung]) hat er so bereits über 10.000 Subscriber in seinen Bann gezogen. Mokbangs sind Internet-Videos oder Live-Stream-Portale von Leuten, die sich beim Essen filmen und ihre Follower daran teilhaben lassen. Sie können so in Kontakt treten, chatten und ihre virtuellen Kontakte gewissermaßen mit an den Tisch holen. Mokbangs sind damit auch ein Phänomen einer zunehmend vereinsamenden Gesellschaft, ist Mika überzeugt. Einst an heimisches Essen gewöhnt und stur wie der Bauer, der bekanntlich nicht isst, was er nicht kennt, überschritt er mit seinen koreanischen „Mokbangs“ nach und nach die eigenen Grenzen. Inzwischen hat er die koreanische Küche zu schätzen gelernt. Sein Geld verdient er als Online-Marketer, YouTube ist lediglich ein Zubrot, entstanden aus der Idee, seinem Computer-Alltag zuweilen entfliehen und „mal raus kommen“ zu wollen. Und doch wurde schnell klar, dass der Channel auch Erfolg verheißen kann – immerhin wurde er im fernen österreichischen Wien von einem Jugendlichen schon als YouTuber identifiziert.

In seinen Videos thematisiert er die positiven Aspekte der koreanischen Gesellschaft und Kultur. Er richtet sich mit seinen Videos hauptsächlich an Koreaner, versucht zu vermitteln, wie es sich als Ausländer in Korea lebt. Mika möchte sich als positiver Botschafter zwischen den Kulturen positionieren, möchte ein Gegenbild schaffen zu dem Korea, das im Ausland zumeist mit Konflikt, nicht aber mit seiner reichen Kultur oder beeindruckenden Landschaft in Verbindung gebracht wird. Mika kennt die Vorbehalte ängstlicher Bekannter, die Südkorea meiden, aber Israel bereisen. Verstehen kann er das nicht. Gewiss, die Vermarktung Koreas könnte besser laufen, ist er überzeugt. Mit seinem Channel möchte er zeigen, dass seine neue Heimat so viel mehr zu bieten hat, als die meisten vermuten. Er möchte Korea positiv in den Köpfen verankern.

Ein Leben in Österreich kann er sich nicht mehr vorstellen. „Ich bin gekommen, um zu bleiben“.

Jana Aléna Scharfenberg

Foto: Choi Youngju

Jana Aléna Scharfenberg

studiert seit 2015 Koreanistik an der FU Berlin und arbeitet derzeit an ihrer Bachelorarbeit. Absolvierte 2018 / 2019 ein halbjähriges Praktikum  im Koreanischen Kulturzentrum Berlin.

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