Gesellschaft

RAUS AUS DEM KORSETT!

Südkorea, das Epizentrum des Schönheitswahns und des millionenschweren Medizin-Tourismus. Nirgendwo sonst auf der Welt, so scheint es, werden Schönheit und Makellosigkeit tagein tagaus derart hartnäckig auf die Spitze der Perfektion getrieben. Angefangen bei unzähligen Pflege- und Schminkutensilien über Anleitungen zur Hungerdiät bis hin zu Schönheitsoperationen bietet Südkorea alles, was das Herz begehrt - oder zu begehren hat. 

Südkoreas Hauptstadt Seoul, insbesondere der Stadtteil Gangnam, ist gepflastert mit Werbeplakaten für Schönheitsoperationen. „Be the same!“ ist auf Anzeigen in der U-Bahn und anderswo zu lesen: Ein kleineres Gesicht, ein spitzes Kinn, Haut wie ein Porzellanpüppchen oder eine Doppellidfalte. Zahlreiche Kliniken reihen sich aneinander, behandeln Frauen aus dem In- und Ausland, sodass der Anblick verpflasterter und just „verschönerter“ Gäste in den Frühstücksräumen der nahegelegenen Hotels keine Seltenheit ist. Das ist keine Beschreibung eines klischeehaften K-Dramas, sondern Alltag. Südkorea hat sich dank Medizin-Tourismus und extravaganter K-Beauty-Branche in den letzten Jahren zu einem der erfolgreichsten Länder auf dem Schönheitssektor entwickelt. Doch dieser Wahn der optischen Perfektion hat auch seine Schattenseiten. Frauen berichten von abgelehnten Bewerbungen aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Figur ohne Modelmaße. Der Druck ist immens, sodass sie Unmengen an Geld für Kosmetika, Diäten und Verschönerungen aller Art ausgeben, die der Annäherung an das optische Ideal dienen sollen. Wer diesem Bild nicht entspricht, ist Außenseiterin. So stecken die meisten Frauen im gesellschaftlichen Korsett, um ein vermeintlich erfolgreiches Leben zu führen. Genau das jedoch wollen mittlerweile nicht mehr alle akzeptieren.

Cha Ji-won

Cha Ji-won ist Aushängeschild einer neuen Generation junger koreanischer Frauen (Alle Fotos: @korean_womyn_ Instagram ).

„Warum sollte ich jeden Tag Make-Up benutzen, unbequeme Kleidung und lange Haare tragen? … Ich will ein angenehmes Leben führen“, sagt Cha Ji-won, Aushängeschild einer neuen Generation koreanischer Frauen, die sich dem Zwang zur Schönheit widersetzen und ein neues Denken in den Köpfen der Gesellschaft verankern wollen. Manche nennen es „Feminismus“, manche „Body-Positivity“[1]. So oder so wollen Frauen wie Cha Ji-won polarisieren. In einer Gesellschaft, in der Frauen in Abhängigkeit von ihrem Aussehen zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, in der Eltern ihren Kindern zum Schulabschluss eine Augenlid-OP schenken und kleinere chirurgische Eingriffe wortwörtlich zwischen Tür und Angel in der Mittagspause durchgeführt werden, setzten Frauen wie Cha ein Zeichen.

Korean Womyn

Chas YouTube-Channel "한국여자 Korean Womyn" 

Mit ihrem YouTube-Channel „한국여자 Korean Womyn“ [2] hat die junge Koreanerin bereits knapp 34.000 Subscriber von ihrem geradezu rebellischen Lebensstil überzeugt. Allein mit der Wahl ihres Channel-Namens provoziert sie abermals, denn mit „Korean Womyn“ vereinnahmt sie die Gesamtheit aller koreanischen Frauen, deren Ideal sie aber gerade nicht verkörpert. Bis vor einem Jahr war sie auch eine dieser „Be-the-same!“-Frauen. Heute trägt sie ihre Haare kurz und scheut sich nicht davor, ungeschminkt auf die Straße zu gehen oder Herren-Kleidung zu tragen. Sie habe sich bewusst für die sozialen Medien entschieden, um ihre Message zu verbreiten. Sie wolle gerade auch jüngere Koreanerinnen ansprechen, ihnen Mut machen, sie selbst und anders als alle anderen sein zu dürfen. „Der Einfluss der Medien heute ist sehr groß. Die Vielfalt der Frauen wird hier aber nicht thematisiert. Zu sehen sind nur die jungen, hübschen, schlanken Frauen, und schon die Kinder sehen in dieser Makellosigkeit den Schlüssel zum Erfolg“, sagt sie. Cha wird auch aufgrund ihres Engagements im Kampf um Gleichberechtigung häufig als Feministin bezeichnet - ein Begriff, der in Südkorea noch immer negative Assoziationen hervorruft. Nicht selten ist sie Anfeindungen ausgesetzt, vor allem auch online. Doch die junge Frau lässt sich von ihrem Weg nicht abbringen. In ihren Augen bilden gerade die sozialen Medien eine Plattform für gesellschaftliche Veränderungen. „Ich weiß von vielen Menschen, die sich durch meinen Einfluss verändert haben, und dafür bin ich sehr dankbar“. Sie empfindet diesen Moment als Phase des Umbruchs, des Aufwinds für die Unterstützer des Feminismus oder der „Body Positivity“-Bewegung. So weit wie in westlichen Ländern sei es in Korea aber noch lange nicht.

Escape the corset!

탈코르셋 ! (Raus aus dem Korsett!). Cha Ji-won postet das Resultat ihrer zerstörten Kosmetikartikel.

Auch die im Oktober 2017 aufgekommene #MeToo-Debatte habe in Korea weitaus weniger Wellen geschlagen als anderswo in der Welt. Natürlich gab es auch hier vereinzelt mutige Frauen, die sich der Öffentlichkeit stellten, um von ihren Erfahrungen zu berichten, doch eine konsequente Strafverfolgung der Beschuldigten gab es nicht. Ähnlich der #MeToo-Debatte gibt es in Südkorea derzeit einen neuen Trend namens „Escape the corset!“ (‚Raus aus dem Korsett!‘), der auf die vorrangegangene Debatte folgt und Ausdruck des Wunsches nach Gleichberechtigung ist. Damit sollen vor allem die jungen koreanischen Frauen dazu ermutigt werden, sich dem Zwang zur Schönheit zu entziehen. Frauen schneiden sich die Haare kurz, zerstören ihre Kosmetik-Produkte und laden Bilder oder Videos der Resultate auf Instagram oder Facebook hoch. „Ich denke, mit der „Escape-the-corset“-Bewegung ist es ähnlich wie mit der #MeToo-Bewegung. Ich werde meinen Widerstand gegen von Männern verübte Gewalt nicht länger verbergen“, sagt Cha Ji-won und spricht damit den Grundgedanken der beiden Bewegungen aus. Auch sie setzt sich derzeit aktiv in der „Escape-the-corset!“-Bewegung ein und möchte andere Frauen dazu ermutigen, es ihr gleich zu tun.

Frauen wie Cha Ji-won wollen etwas verändern. Für sie und viele andere junge Koreanerinnen ist diese Aufgabe derzeit jedoch noch eine große Herausforderung mit vielen Hindernissen und Rückschlägen. Doch es bedarf dieses Mutes, um das Ansehen der Frau in der Gesellschaft zu verbessern, Denkmuster zu verändern, Offenheit und Neues zu bewirken. „Ich möchte, dass Frauen wissen, wie stark sie sind und was sie alles erreichen können“, antwortet Cha auf die Frage, was sie Frauen auf der ganzen Welt gerne sagen möchte. „Frauen sollten nicht darauf beschränkt werden, nur hübsch zu sein. Sie selbst sollten zufrieden mit sich selber sein und so leben, wie sie wirklich sind!“.


[1] Mit dem Begriff „Body-Positivity“ ist die positive Einstellung dem eigenen und anderen Körpern gegenüber gemeint. Er impliziert auch, dass das Äußere eines Menschen nichts über sein Inneres aussagt.
[2] Die Schreibweise „Womyn“ (statt „Women“) soll durch Abwandlung der Endung „-men“ auf die Gleichheit der Geschlechter verweisen.

Jana Aléna Scharfenberg

Foto: Choi Youngju

Jana Aléna Scharfenberg

studiert seit 2015 Koreanistik an der FU Berlin und arbeitet derzeit an ihrer Bachelorarbeit. Absolvierte 2018 / 2019 ein halbjähriges Praktikum  im Koreanischen Kulturzentrum Berlin.

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