Film

,,Minari'' - Wo Koreaner Wurzeln schlagen

Szenenbild: (v.l.n.r.) Alan S. Kim, Steven Yeun (© Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24)

Minari ist ein Gewürz, im Deutschen als Wasserkresse bekannt. Unprätentiös und unkompliziert. Es wächst fast überall und ist in der koreanischen Küche sehr beliebt. Seine Samen bringt Soon-ja aus Korea ins ferne Arkansas/USA, zu ihrer Tochter und deren Familie, zu denen sie zieht, um sich um die Enkelkinder zu kümmern. Minari schlägt Wurzeln und bringt reiche Triebe hervor, was man über die Ernte des Familienoberhauptes Jacob Yi [1] nicht unbedingt sagen kann. Als echter Idealist bearbeitet er mit viel Mühe das Brachland, um sein neues Zuhause in einen blühenden Garten zu verwandeln. Er ist nicht allein: Auf der Suche nach dem amerikanischen Traum wandern jedes Jahr 30.000 Koreaner in die Vereinigten Staaten aus, aber immer häufiger rutschen sie in den gesellschaftlichen Abgrund. Weit weg von zu Hause vermissen sie am meisten ihre Heimatküche. Jacob will seine Landsleute mit koreanischem Essen beliefern, sobald sein Gemüseanbau funktioniert. Allerdings lassen weder das Wetter noch die Lage am Agrarmarkt auf eine glückliche Zukunft für seine Familie hoffen. Wir schreiben die 1980er-Jahre. Jacob und Monica haben zwei Kinder, Anna und David. Der Regisseur Lee Isaac Chung erzählt diese Geschichte aus der Perspektive von David, seines jüngeren Ichs. 

Die Metapher von Minari – Wo wir Wurzeln schlagen (weiter als „Minari“) drängt sich auf. Migranten müssen so sein wie Minari und jeder Witterung trotzen, bei Regen und Dürre wachsen, sonst werden sie nicht überleben, weil fremder Samen nunmal in einem fremden Land nie so gut gedeiht wie einheimischer. Der Film Minari setzt diese zentrale Idee auf einzigartige Weise um: Die Ereignisse türmen sich zu einer Alltagstragödie, aber es steckt kein Funke Pathos darin. Der naive Blick eines Kindes verwandelt das Drama in einen leichten und streckenweise auch lustigen Film für Erwachsene. Aber das Wissen um Davids Herzkrankheit begleitet die Zuschauer und lässt seine unschuldigen Entdeckungen und Eindrücke in einem anderen Licht erscheinen. Seine Mutter (Han Ye-ri) lehrt David, nachts zu beten, damit er – falls etwas Schlimmes passiert – im Himmel aufwachen wird. Dieses Nachtgebet ist kein zufälliges Detail, denn der religiöse, fast schon mystische Unterton zieht sich durch den ganzen Film. Zunächst besucht Familie Yi eine Kirchengemeinde, von der sie sich Unterstützung erhofft. Allerdings helfen weder Psalmen noch Predigten, Katastrophen alttestamentarischen Ausmaßes zu bewältigen – und diese reichen von Tornados bis hin zu Bränden. Jacob schlägt das Angebot eines Scharlatans aus, verlässt sich auf seine Intuition und gräbt einen Brunnen. Er findet Wasser, seine Pflanzen können bewässert werden. Doch plötzlich versiegt die Wasserquelle, was die Zukunft der Familie gefährdet. Nicht umsonst leiht sich der Familienvater seinen Namen vom biblischen Patriarchen Jakob, der mit Gott gekämpft und darunter gelitten hat. Jacobs Gehilfe bei der Arbeit auf dem Feld ist ein Verrückter namens Paul (Will Patton), dessen Namen sicher ebenso wenig zufällig gewählt wurde. Er beschreitet jeden Sonntag mit einem selbstgebauten Kreuz auf den Schultern seinen eigenen Kreuzweg. Dies ist eine unverhohlene Vorwegnahme der Prüfungen, die Jacob und seiner Familie bevorstehen. Ein anderes Attribut von Paul ist jedoch nicht minder wichtig: Er ist ein Veteran des Koreakrieges (1950-53). Der Regisseur betrachtet Amerika nicht nur mit den Augen eines Migranten, sondern erinnert auch an die schmerzliche gemeinsame Vergangenheit der beiden Länder.
 

Szenenbild: (v.l.n.r.) Steven Yeun (hinten), Alan S. Kim (vorne), Yuh-Jung Youn (Mitte), Yeri Han (hinten), Noel Cho (vorne) (© Josh Ethan Johnson/ Prokino/ A24)

Unwillkürlich stellt sich die Frage, aus welchem Land diese Produktion kommt. Ist sie koreanisch oder amerikanisch? Da die überwiegende Mehrzahl der Dialoge koreanisch ist, wurde der Film 2021 mit dem Golden Globe in der Kategorie „fremdsprachiger Film“ ausgezeichnet. Aber bei den Oscar-Nominierungen in diesem Jahr wurde Minari bereits als amerikanisches Werk gefeiert, möglicherweise auch deshalb, weil Brad Pitt ausführender Produzent ist. Es scheint so, als sei Lee Isaac Chang Fremder und Einheimischer gleichzeitig. Möglicherweise kann ein in Amerika geborene Koreaner die Angst vor der Heimatlosigkeit in der neuen Heimat, die wieder zu einem Land der Pioniere geworden ist, besser vermitteln.

Szenenbild: David (Alan S. Kim) und seine Großmutter Soonja (Youn Yuh-Jung) suchen gemeinsam nach einem Ort, wo die Minari-Pflanze gedeihen kann. (© Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24)

Dank Minari lebt Chung seinen amerikanischen Traum auch selbst. Kurz vor Beginn des Projekts war er nämlich so weit, seine Regie-Karriere nach mehreren erfolglosen Filmen aufzugeben und einer Lehrtätigkeit an der Universität nachzugehen. Er wollte nur noch ein letztes Drehbuch schreiben und ein Herzensthema erzählen, nämlich die Erinnerungen aus seiner Kindheit. Im Februar 2018 begann er mit der Arbeit am Drehbuch, nachdem er schon eine ganze Weile mit dem Gedanken an einen semi-autobiografischen Film gespielt hatte. Plötzlich wurde der Film 2020 beim US-amerikanischen Sundance Film Festival ausgezeichnet und ging weiter ins Oscar-Rennen, bekam sechs Nominierungen, und schließlich eine Auszeichnung für Yoon Yeo-Jeong als „beste Nebendarstellerin“.

Im Film kommt der koreanischen Großmutter eine besondere Rolle zu. Zuerst wird sie im Zimmer des Enkels untergebracht – unter dessen Protest. Danach beginnt sie, die elterliche Autorität sowie bereits vertraute amerikanische Werte in Frage zu stellen. Sie findet die Amerikaner dumm, weil sie traditionelle Spiele nicht kennen, vom Essen nichts verstehen, die Kinder ohne Geduld erziehen und schließlich in die Kirche gehen, als ob Gebete etwas verändern könnten. Sie denkt, es sei absurd, dass Erwachsene beim Gebet um die Hilfe des Herrn bitten und bereits an die andere Welt denken, während das Leben noch in dieser Welt weitergeht.

Der Film von Lee Isaac Chung verdient es in all seiner zurückhaltenden Schönheit, in die Liste der besten Filme über Großmütter aufgenommen zu werden, wobei die Rolle von Yoon Yeo-jeong auch in dieser Liste besonders heraussticht.

In ihrer Heimat muss man Yoon Yeo-jeong wegen ihrer bemerkenswerten Karriere nicht vorstellen. In der südkoreanischen Unterhaltungsindustrie hat sie seit fünf Jahrzehnten alles gemacht, vom Film bis zum Fernsehen.  Die ältere Generation kennt sie noch aus extrem gewagten Rollen in den Filmen von Kim Ki-young wie „Woman of Fire“ (1971) oder „The Insect Woman“ (1972). Sie ist außerdem für ihr herausragendes Comeback nach einer langen Pause bekannt, was für eine koreanische Schauspielerin mittleren Alters keine leichte Aufgabe war. Zu ihren bemerkenswerten Werken in der späteren Phase ihrer Karriere gehören „The Housemaid“ (2010), „The Taste of Money“ (2012) sowie TV-Dramen wie „Men of the Bath House“ (1995), „Be Strong Geum Soon“ (2005), „Daughters-in-law“ (2007), „My Husband Got a Family“ (2012) und „The Bacchus Lady” (2016).

Szenenbild: (v.l.n.r) Jacob (Steven Yeun), seine Monica (Yeri Han) und die Großmutter Soonja (Youn Yuh-Jung) tun alles dafür, um in der neuen Heimat in Arkansas anzukommen. (© Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24)

In Minari stellt Yoon Yeo-jeong eine Großmutter mit einem Aussehen, einer Sprechweise und einem Handeln dar, das man durchaus unkonventionell nennen kann. Obwohl sie ihre Rolle in einem halbautobiografischen Film spielt, der auf der Kindheit des Regisseurs basiert, hat sie auch selbst Erfahrungen als Immigrantin gemacht. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zog sie sich zurück und wanderte in die USA aus, nachdem sie den Sänger Jo Young-nam geheiratet hatte. Wegen der Untreue ihres Ehemannes kehrte sie mit ihren beiden Söhnen nach Südkorea zurück und nahm ihre Schauspielkarriere wieder auf. Ihr Status als „geschieden“ in einer Zeit, die Frauen gegenüber generell eher unfreundlich war, bedeutete, dass sie besonders hart arbeiten musste, um sich in der Branche wieder einen Namen zu machen.

Ihr Talent als Komikerin bewies Yoon Yeo-jeong erneut bei der diesjährigen Oscar-Verleihung. Als die 74-jährige Schauspielerin auf der Bühne stand, wandte sie sich zuerst an Brad Pitt und fragte, wo denn er die ganze Zeit gewesen sei, während sie alle den Film drehten. Sie beschwerte sich, dass die meisten Europäer ihren Namen falsch aussprechen, aber sagte, dass sie in so einem fröhlichen Moment allen verzeihen möchte. Auch ihrer „Rivalin", der Amerikanerin Glenn Close, die zum achten Mal ohne Oscar blieb, sprach Yoon gut zu, indem sie sagte, sie hätte nur ein wenig mehr Glück gehabt als ihre Kollegin. Am Ende der Rede erwähnte sie ihre Söhne, die sie weiterhin zur Arbeit schickten. Sie hielt ihren Oscar in die Kamera und scherzte, dass die beide nun die Ergebnisse ihrer Mühe sehen könnten. 

Yoon Yeo-jeong war die erste Koreanerin, die einen Oscar als beste Nebendarstellerin erhielt. Minari – Wo wir Wurzeln schlagen kommt am 15. Juli auf die deutschen Leinwände. Die Schauspielerin arbeitet gerade an ihrem neuen TV-Drama „Panchinko“, wo sie an der Seite von Lee Min-ho spielt.

© 2021 PROKINO Filmverleih GmbH

 

[1] Der koreanische Star Steven Yeun ist vor allem durch die Filme „The Walking Dead" und „Burning“ bekannt

 

Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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