Spezialausgabe 2021

Artefakte für die Umwelt – ein mächtiges Werkzeug, um Ideen zu vermitteln

Große Krisen zwingen uns, soziale Systeme fundamental zu überdenken. Schon bevor die gesamte Menschheit unter den Auswirkungen der Pandemie zu leiden hatte, war sie von einer anderen Krise bedroht, die dringend Maßnahmen erfordert, der Klimakrise. Aber sie erfordert nicht nur Sofortmaßnahmen, sondern auch den Übergang in eine nachhaltige Zukunft. Viele Länder haben ihre Covid-19-Wiederaufbaupläne mit einem starken Fokus auf den Übergang zu einer „dekarbonisierten“ Wirtschaft für die Post-COVID-Ära entworfen, darunter Südkorea. [1]

Kuratorinnen der 13. Gwangju-Biennale, Defne Ayas (li.) and Natasha Ginwala ©choi.ok.soo

Wenn Themen wie Ökologie und Umweltschutz angesprochen werden, mahnt der erhobene Zeigefinger gerne in Richtung Wirtschaft. Die Kultur bleibt in dieser Diskussion häufig außen vor. Dennoch darf man die Energiebilanz von Kunstveranstaltungen mit Beleuchtung großer Flächen, Verpackungsmüll, Zufuhr von Frischluft, Abfuhr von Kohlendioxid, Regulierung der Luftfeuchtigkeit, internationalen Reisen und Verkehr nicht unterschätzen. Kulturinstitutionen und kulturelle Veranstaltungen haben einen großen carbon footprint, und auch hier werden Umweltprogramme ins Leben gerufen, um kulturelle Einrichtungen zu klimapolitischen Selbstverpflichtungen zu ermutigen. Das bedeutet auch die Sanktionierung mittels Budgetkürzungen für Institutionen, die ihre Klimaziele verfehlen. Gerade bei andauernden Einschränkungen des sozialen Lebens stellt sich oft die Frage, wie man heute große Kunst- und Kulturevents veranstaltet und wie die Kunstschaffenden sich zu dem aktuellen Thema äußern.

Wir haben mit Natasha Ginwala und Defne Ayas, den beiden Kuratorinnen der diesjährigen Biennale in Gwangju, gesprochen. Die Gwangju-Biennale ist Asiens größte, älteste und renommierteste Veranstaltung für zeitgenössische Kunst und genießt ein hohes internationales Ansehen. Sie fand dieses Jahr vom 1. April bis 9. Mai statt.

Beide Kulturwissenschaftlerinnen leben in Berlin. Ginwala arbeitet als Kuratorin am Gropius-Bau und ist Künstlerische Leiterin des Colomboscope Festivals in Sri Lanka, Defne Ayas ist als Kuratorin der V-A-C-Foundation tätig.

Gerade wird viel über die Klimakrise und den Umweltschutz diskutiert. Die südkoreanische Regierung plant Maßnahmen für ein umweltfreundliches Wirtschaftswachstum nach der Covid-19-Pandemie. Was ist Ihre Meinung zum Thema Nachhaltigkeit? Welchen Beitrag können Künstler/-innen leisten?

Defne Ayas: Die diesjährige Biennale in Gwangju ist eine gemeinsame Initiative, um diese Art des atmosphärischen Denkens zu nutzen und auf eine sozial und ökologisch wünschenswerte Weltethik auszurichten. Wir bemühen uns um ein tieferes Verständnis der inneren Beziehung zwischen Heilung, Dissens und Erneuerung. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Wir arbeiten mit unserem Architekten Diogo Passarinho an einer räumlichen Sprache. Ein entscheidender Aspekt der Architektur der Biennale besteht in unserer Absicht, nachhaltige Strategien in ihre Gestaltung einzubeziehen. Die Materialien sollen nach Ende der Show an die Stadt zurückgegeben werden. Bei ihrer Auswahl wurde deren CO2-Bilanz berücksichtigt. Wir haben daher eine fast 200 m² große Galerie, in der 90% der Wände aus Jute bestehen, einem pflanzlichen Textil aus Naturfasern.

Natasha Ginwala: Im Zusammenhang mit den verschärften Umweltproblemen auf globaler Ebene wurde die Notwendigkeit erkannt, dass sich die Gesellschaft auf einen Weg der nachhaltigen Entwicklung begeben muss, dessen größte Herausforderung darin besteht, für jedes Mitglied der Gesellschaft einen angemessenen Lebensstandard zu schaffen und die anthropogene Belastung auf der Erde zu verringern - und das auch für zukünftige Generationen. Es braucht eine umfassende Lösung von Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftsproblemen auf globaler und lokaler Ebene. Bei der Umsetzung möglicher Konzepte stellt sich die grundlegende Frage nach der Rolle der Kultur, die eine harmonische Entwicklung der Gesellschaft mit der Umwelt vorantreiben soll. Dies beinhaltet eine Transformation der Weltanschauung, eine Neubewertung von Lebensprinzipen und eine Verlagerung des Konsums von materiellen zu spirituellen Gütern. Kunst ist ein mächtiges Werkzeug, um Ideen zu vermitteln. Zeitgenössische Kunstpraktiken suchen nach Wegen, die Kampagne für ökologische Nachhaltigkeit zu unterstützen. Gerade während der Pandemie wird es noch wichtiger, Kunstevents wie die Biennale sowie Künstler/-innen zu unterstützen, die ein neues Denken für eine soziale und ökologische Welt entwickeln.

John Gerrard, Mirror Pavilion: Corn Work (Corrib), 2020. ©John Gerrard

Welche Reaktionen zeigen die zeitgenössischen Künstler/-innen darauf? Gibt es heute mehr Interesse an Themen wie Natur, Ökologie, Umweltschutz als vorher? Das scheint besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass Künstler/-innen dazu neigen, der Gesellschaft vorauszudenken und auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen.

Natasha Ginwala: Diese Biennale korreliert mit den in der Erdoberfläche vergrabenen Informationen. Verwandtschaftsmodi existieren nicht nur zwischen Menschen, sondern auch jenseits der menschlichen Welten. In unserer Ausstellung konvergieren wir inmitten transformierender Ökologien mit kommunalen Praktiken, die von der koreanischen Halbinsel bis nach Sápmi (Siedlungsgebiet der Samen in Fennoskandinavien, Anm. d. Red.) und Aotearoa (Neuseeland) reichen. Die ausgestellten Werke beziehen sich aktiv auf die visuelle Kultur Koreas, die über den Bereich der zeitgenössischen Kunst hinausgeht, und konzentrieren sich auf mündliche Kulturen, ländliche Kosmologien und Arbeitsformen im Agrarleben, um die Grundlage für die kontinuierliche Entstehung von Intelligenzen des „kommunalen Geistes“ zu schaffen.

Die diesjährige Biennale befasst sich mit der Erforschung organischer und kommunaler Intelligenz. Wie werden heute Ausstellungen genutzt, um diese Ideen zu erforschen?

Natasha Ginwala: Die 13. Biennale untersucht einige der dringlichsten Fragen unserer heutigen Zeit, nämlich wie wir die komplexe Beziehung zwischen organischer und maschineller Intelligenz, zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Lebensformen, zwischen Tod, Trauer und dem Leben nach dem Tod verstehen. Daneben geht es um soziale Modelle und Intelligenz, die verborgen sind und unterdrückt bleiben, indem sie sich aktiv mit indigenen, angestammten, queeren und matriarchalischen Seinsmodi in der heutigen Welt auseinandersetzen. Die Ausstellung wurde auf mehrere Veranstaltungsorte verteilt: das Gwangju-Nationalmuseum, das Horanggasy Artpolygon in Yangnim-dong, das Gwangju-Theater sowie die fünf Galerien der Gwangju-Biennale. Jeder dieser Orte hat seine eigene Geschichte, und so wird das Publikum durch die verschiedenen Aspekte der künstlerischen und wissenschaftlichen Untersuchung geführt, werden lokale und internationale Künstler/-innen und Denker/-innen zusammengebracht. Viele der Themen, mit denen sich die Biennale befasst − theoretisches, wissenschaftliches, physisches, klangliches und spirituelles Vokabular in Strategien der Dissidenz, der kollektiven Intelligenz und der kommunalen Heilung haben wir schon vor der Covid-19-Pandemie besprochen, in der heutigen Zeit haben sie sogar noch an Relevanz gewonnen.

Defne Ayas: Wir wollten, dass die Biennale zu einer Plattform wird, die über die in der westlichen Moderne verwurzelten Untersuchungen hinausgeht und die Fortschritte der Neurowissenschaften für die Geisteswissenschaften anspricht. Es gibt den Begriff „kulturelle Ökologie“, und diese hat in Korea eine große Nachfrage nach ökologischer Kunst ausgelöst, was für die Biennale eine große Sache ist, insbesondere in diesem Jahr, wenn das Publikum, zumindest vor Ort, eher lokal als international sein wird. Das ist positiv, denn die Kulturökologie Koreas verlangt nach Kunst. Ökologische Kultur drückt sich in der Wahrnehmung eines Menschen als Teil der Natur aus. Umweltbewusstsein ist eines der Elemente der Umweltkultur. Kunst, die verbunden ist mit der Fähigkeit, die emotionale Sphäre eines Menschen zu beeinflussen, ist ein nützliches Instrument für die effektive Wahrnehmung von Umweltinformationen und die Motivation zum Umweltschutz. Durch ihre Polyfunktionalität kann Kunst zur Bildung einer ökologischen Identität auf kognitiver, informativer, pädagogischer sowie emotionaler Ebene beitragen.

Kyungwon Moon, 프라미스파크 Promise Park in Gwangju, 2021, gewebter Teppich, Installation mit Licht und Ton im Yamaguchi Center for Arts and Media ©Kyungwon Moon

Welche neuen Projekte wurden mit dem Ausbruch der Epidemie und den damit verbundenen Veränderungen im öffentlichen Leben und zum Thema Natur und Umweltschutz in die Ausstellung aufgenommen?

Defne Ayas: Es kamen einige neue Projekte dazu, die sich auf die aktuellen Veränderungen sowie auf die Reaktionen von Politikern beziehen, wie beispielsweise die Skulpturen von Cian Dayrit. In diesem Werk hat er das Antiterrorgesetz und die Militarisierung als Auswirkung der Pandemie auf den Philippinen verarbeitet. Ana Prvačkis Arbeit ist eine Antwort auf die performativen Begrüßungscodes, die Maskierungscodes, die Verschönerung der Maske und die Frage des Wohlbefindens, die in ganz Asien auf verschiedene Weise politisiert wurde und mit der Pandemie noch weiter polarisiert. In diesem Zusammenhang ist die Arbeit von Moon Kyungwon interessant, die gewebte Teppichinstallation Promise Park (2021). Der „soziale Wandteppich“ ist als „Park“ gedacht, in dem Besucher/-innen zusammensitzen können. In verblasstem Blau, Braun und Grau visualisiert der Künstler die Transformation der Stadtlandschaft in Gwangju vom japanischen Kolonialismus hin zur modernen Industrialisierung durch abstrakte Muster. Ebenfalls in dieser Galerie zeigt John Gerrard sein Werk Corn Work (Corrib) (2020). Vier virtuelle Strohfiguren aus dem keltischen Heidentum in einem zeremoniellen Tanz zeichnen die Zyklen der landwirtschaftlichen Produktion nach. In einem Video wird die Zeit mit dem Sonnenzyklus und der Raum mit den Gezeiten und der Strömung des Flusses Corrib in Galway synchronisiert. In dieser sich ständig weiterentwickelnden Landschaft fordert Gerrard die Besucher/innen auf, sich durch eine Synthese natürlicher und virtueller Systeme auf zirkuläres Denken einzulassen. Lynn Hershman Leesons lebende Skulptur Twisted Gravity (2021) ist ein tragbares Reinigungssystem, das kontaminiertes Wasser mit Elektrizität und kunststofffressenden Bakterien reinigt. Während des Reinigungsprozesses erscheint in den geätzten Tafeln auf jedem der sechs Sockel ein Bild einer Frau, das als Sinnbild matriarchalischer Weisheit als Mittel zur Korrektur der Klimakrise hinweist.

Kyungwon Moon, 프라미스파크 Promise Park in Gwangju, 2021, gewebter Teppich, Installation mit Licht und Ton im Yamaguchi Center for Arts and Media ©Kyungwon Moon

Glauben Sie, dass sich internationale Kunstevents wie beispielsweise diese Biennale in Zukunft mehr auf den lokalen Kontext konzentrieren werden, weil man jetzt - und vielleicht auch in Zukunft - weniger reisen will/kann?

Natasha Ginwala: Die Pandemie hat notwendigerweise unsere individuellen und kollektiven Erfahrungen lokalisiert. Wir haben eine ganz besondere Erfahrung mit diesem Projekt Biennale gemacht, das in Umfang und Ehrgeiz international ist, während gleichzeitig alles isolierter geworden ist. Das bedeutet zwangsläufig, dass das Publikum auf dieser Biennale - zumindest das Ausstellungselement - lokal sein wird.

Defne Ayas: Um das Lokale mit dem Internationalen zu verbinden und die Gwangju-Biennale global relevant zu machen, haben wir eine Reihe von Online-Initiativen ins Leben gerufen, die unser digitales Publikum erheblich vergrößert haben und es dem Publikum auf der ganzen Welt ermöglichen, sich über ein öffentliches Online-Programm mit den Schlüsselthemen der Biennale auseinanderzusetzen. Wir bieten Vorträge und Veranstaltungen, ein Online-Journal und eine Publikation an. Dieser facettenreiche Ansatz spiegelt die Tatsache wider, dass die endgültigen Kunstwerke, die in einem Ausstellungskontext gesehen werden, nicht im luftleeren Raum existieren: Sie sind das Ergebnis umfangreicher individueller oder kollektiver Forschung; und eine Reflexion der kulturellen, sozialen und politischen Kontexte, in denen Künstler/-innen arbeiten. Ebenso war dies keine ruckelige Reaktion auf die Pandemie: Einige neue Aufträge an Künstler/-innen waren immer für die Digitalisierung gedacht, und das zweisprachige Online-Journal "Minds Rising" ist eine durchdachte Initiative, die als „erweiterter Geist“ der Biennale fungiert: Eine, die es Menschen ermöglicht, sich uns anzuschließen, da wir unsere kuratorische Untersuchung mit unseren Kolleg/-innen, Künstler/-innen, Mitdenker/-innen und Mitauftragspartner/-innen vertieft haben. Unser öffentliches Online-Forum „Rising to the Surface: Solidaritätszukunft praktizieren“ nimmt den Gwangju-Aufstand als Prisma und steht in direktem Zusammenhang mit Themen und Ereignissen, die in vielen Teilen der Welt stattfinden, und es wirft einen kritischen Blick auf die anhaltenden Kämpfe und die Hierarchien des Leidens in Ländern wie der Türkei, wie Brasilien, Indien, Tibet, den Philippinen oder Städten wie Hongkong.

Lynn Hershman Leeson, Shadowstalker, 2019. Video. ©Lynn Hershman Leeson

Vor welchen Herausforderungen steht man heute beim Organisieren der großen Kunstevents?

Natasha Ginwala: Es gibt so viele unsichtbare Schritte, die sich etwa auf die Verwaltung logistischer Probleme wie Outsourcing, Angebote und Ausschreibungen beziehen. Wir mussten uns mit einem enorm bürokratischen System auseinandersetzen, das durch die Pandemie und die daraus resultierenden Verzögerungen bei den Eröffnungsterminen noch verschärft wurde. Das hatte natürlich Auswirkungen auf unser Budget und die Buchhaltung. Wir haben eine völlig neue Art der kuratorischen Leitung gemeistert: Über die Distanz von sieben Orten, von Hongkong bis Indonesien, von Sri Lanka bis Berlin und von Marseille bis Mailand. Jedes Teammitglied saß vor einem Computer, wir mussten die physischen Veranstaltungen virtuell koordinieren. Heutzutage müssen wir ressourcenschonender denken und statt regelmäßiger Reisen viele Vorbereitungsarbeiten virtuell vorab anpassen, zumal sich die Technologien ständig weiterentwickeln und uns große Möglichkeiten für solche Aktivitäten bieten.


[1] Diese Green New Deal-Politik wurde mit der Digital New Deal-Politik im Juli 2020 von der südkoreanischen Regierung vorgestellt. Es handelt sich um ein umfassendes Programm, um die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auszugleichen und die Grundlagen für das künftige Wirtschaftswachstum durch den Bau umweltfreundlicher Infrastrukturen, die Implementierung kohlenstoffarmer Energie und die Innovation in der grünen Industrie zu schaffen. 

Copyright Teaser-Image: John Gerrard, Mirror Pavilion: Leaf Work (Derrigimlagh), 2020. ©John Gerrard

 
Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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